Verdammte letzte Tage

Am Ende einer Reise

Am Ende einer Reise

Gerade noch fährt man voller Endorphine und mit guter Musik im Ohr für eine Woche in ein Häuschen am Meer. Der Hinweg. Sieben Tage Alleinsein, einen Haufen Arbeit, viele Wörter aber auch gute Zeiten mit einer Kaffeemaschine und chilligen Abenden. Wenn Sie auf dem Hinweg sind, denken Sie am ersten Abend, die vor Ihnen liegende Zeit entspricht einer kleinen süßen Ewigkeit. Und nur ein Augenzwinkern später stehen Sie in einem aufgeräumten Wohnzimmer, die meisten Sachen sind schon tief im Kofferraum des Audis verpackt und es ist der letzte Abend 🙁 Ich hasse letzte Abende. Sie machen mich melancholisch und traurig. In dem noch nicht abgebauten Computer singt Herr Mumford irgendwas von einem Wilder Mind, und in dem noch nicht ganz dunklen Himmel geht die Sonne unter und taucht die Küste in ein tiefes Rot. Ich will zum Strand. Ich möchte mich verabschieden.

Die Hütte ist vorbereitet und sauber. Fast verlassen.

Sieht nach Mehr Platz aus als es ist.

Sieht nach Mehr Platz aus als es ist.

So ein Sandmann ganz alleine ohne menschliche Peripherie macht nicht viel Dreck. Man sagt mir nach, ich sei stubenrein, und wenn niemand guckt bin ich regelrecht minimalistisch. Es ist mir an sieben Abenden gelungen, weitestgehend vom selben Geschirr zu essen, aus dem gleichen Glas zu trinken und die Krümel nur um den Tisch herum zu verteilen. Ohne Spülmaschine wird man sparsam 🙂 Ein bisschen Staub vom Kaminholz hier, ein kleiner Rotweinfleck auf dem Tisch da, nichts, was sich nicht restlos beseitigen ließe. Dank einer komplett vitaminfreien Ernährung ist es mir auch gelungen, alle noch vorhandenen lebensmittelähnlichen Reste aus dem Kühlschrank zu einem relativ homogenen Abendessen zu kombinieren, was danach noch nicht gegessen ist nehme ich morgen mit nach Kiel. Eine Flasche Henkell Trocken steht für später bereit, ich glaube perliger kalter Sekt hilft besser gegen aufkommende Melancholie als Rotwein. Aber jetzt erstmal raus, mit dem Auto an den langen, fast endlosen Strand, wo die Sonne nach erfüllten und sehr produktiven Tagen endgültig im Meer versinken wird. Zumindest für heute.

Harmonie mit gelbem Licht

Harmonie mit gelbem Licht

Da stehen Bunker in den Dünen, die nicht nur eine ähnlich schlimme alte Geschichte erzählen wie die einbetonierte MG-Lafette auf dem Blåbjerg, sondern auch einen prima Sockel für viele viele neue Fotos liefern. Ich hab zwar mein Stativ (wie immer) dabei, aber ich benutze es (wie immer) nicht. Lieber suche ich mir Steine, Mülleimer oder Baumwurzeln, so eine Kamera kann man ja fast überall draufstellen, und nur sehr selten fällt sie runter und noch viel seltener geht sie dabei kaputt. Bis jetzt erst ein mal. Oder… ich klettere eben auf einen Bunker. Damit Sie sich nicht zu Tode langweilen habe ich mich hier auf ein paar wenige stimmungsvolle Bilder des Dottore mit laufendem Motor und ziemlich gelbem Licht beschränkt. Der 38 Jahre alte Audi 100 LS ist ziemlich oft Mittelpunkt meiner Fotos geworden, okay, das ist hier auch grundsätzlich ein Autoblog, da darf er sich in den Vordergrund spielen. Ich selbst mach das ja auch schon oft genug. Und heute Abend ist die Kaffeemaschine mal nicht mit draußen, die kennt den Strand ja schon, also sind es nur wir zu fünft. Der alte Audi 100, die Sonne, das Wasser, der Strand und ich.

Perspektivwechsel vom Bunker

Perspektivwechsel vom Bunker

Nach und nach verschwinden die Protagonisten. Hier oben auf dem klotzigen Bunker, der hinter dem Parkplatz in Henne Strand rumliegt kommt die Sonne noch einmal ein bisschen weiter raus. Selbst der dunkelste Abend lässt sich aufhellen, wenn man die Perspektive verändert. Aber auch nur temporär. Ich denke in diesen Momenten immer wieder an meine beiden großen Töchter, denen ich all die Jahre am Ende eines Urlaubs, wenn sie traurig wurden, immer wieder gesagt habe dass jedes Ende eines Urlaubs der Anfang der Freude auf den nächsten Urlaub ist. Sie haben das so verinnerlicht, dass sie inzwischen MIR mit den gleichen Worten die Traurigkeit nehmen 🙂 Doof: die sind nicht hier. Niemand ist hier. Aber hier ist auch nicht das Ende eines Urlaubs, es ist das Ende einer Arbeitswoche. Ich kann mir das noch so oft wie ich will einreden, das macht es nicht besser. Audi: verschwindet jetzt. Ich fahre an den Rand des Parkplatzes und gehe die letzten Meter zu Fuß. Der Sand knirscht weich unter meinen nackten Füßen, er ist warm und weich und ich stapfe zu den beiden Holzbänken, wo ich an diesen Tagen so oft gesessen habe.

Pathos mit geradem Horizont

Pathos mit geradem Horizont

Die Nordsee ist sehr ruhig. Die sinkende Sonne bemalt die kleinen Schaumkronen chromig mit einem Hauch Orange, der Abendhimmel ist wolkenlos und niemand sonst ist hier, um sich dieses unfassbar schöne Schauspiel anzusehen. Die sitzen alle schon da drinnen vor ihren Flachbild-Fernsehern und glotzen den gleichen Scheiß, den sie auch im Alltag in Deutschland jeden Abend glotzen. Schon vier mal gesehene Blockbuster, permanent unterbrochen von blödmachenden Netto-Lebenszeit-Werbeblöcken über dick machende Müslis, schlank machenden Ekelbrei und wohlschmeckendes Abführmittel. Sie fläzen auf ihren Sofas im Mief ihrer unsexy Jogginghosen, während doch die Natur hier draußen ihren ganz eigenen Film zeigt, ohne harte Schnitte, ohne Werbung und immer wieder neu – und doch so vertraut. Sehen Sie, diesen Vorteil hat die Nordsee gegenüber der Ostsee definitiv: Die Sonne geht über dem Meer unter. Man muss nicht als verliebter Teenager in einer lauen Sommernacht am Strand von Sylt fassungslos auf das Meeresleuchten gestarrt haben, um eine niemals enden wollende Zuneigung zu solchen Szenen an der Westküste zu entwickeln. Aber es fördert das ungemein.

Bring es auf die Bank

Bring es auf die Bank

Auf der Bank am Strand von Henne bekommt man keine günstigen Kredite. Da kann man nur so vor sich hin sitzen und zusehen, wie der Tag langsam zur Nacht wird. Und man kann eine steigende Anzahl von kleinen Schildchen entdecken, warum auch immer hier ein paar Päärchen ihre Namen auf das Holz geschraubt haben. Haben die sich hier verlobt? Oder einfach nur verewigt? Ich frage mich, welchen Kredit das Leben diesen Liebenden, diesen Beziehungen gewährt. Günstig ist die Zeit, welche wir uns nur geliehen haben nie. Und die Zinsen sind hoch. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat haben die Brillen ihre rosa Farbe verloren und man verinnerlicht, dass Liebe viel Arbeit ist. Dass ein Zusammenleben niemals zum Murmeltiertag werden darf und dass nichts, aber auch gar nichts sicher ist. Dass man sich jeden Tag neu entdecken und neu angucken muss und sollte. Das ist eine fast unlösbare Aufgabe, an der inzwischen die Hälfte der Menschen offiziell scheitert. Wenn die Augen offen sind und man respektvoll mit dem anderen umgeht, mit seinen Wünschen, seinen Sorgen und auch seinen Ängsten – dann kann etwas wundervolles daraus wachsen. Jeden Tag wieder. Ach Ulla & Wolfgang, Jule und Dennis, Jacqueline + Norman, Sabine og Axel und ihr zwei ganz unten, die schon beim Gravieren der Platte Geld sparen wollten – ich wünsche euch im Angesicht des Sonnenuntergangs alles Gute. Möget ihr mit eurem Zeitkredit etwas schönes erleben und nicht eines Tages zu dieser Bank hier zurückkehren, um etwas zu suchen, was es nicht mehr gibt.

Der ewige Kreislauf

Der ewige Kreislauf

Zu Hause in Kiel und Hamburg erwartet mich eine Welt, die inzwischen so ist, wie ich sie mir selbst mit offenen Augen gebaut habe. Nicht alleine, sondern mit der Hilfe von vielen lieben Menschen um mich herum. Eine Welt, in die ich gern zurück kehre, zumal sie nicht so einsam ist wie eine Woche in Henne Strand. Und genau deshalb machen mich die letzten Abende immer so fertig. Die Zeit ist vorbei, aber trotzdem ist man noch da. Ausschlafen ist nicht, weil der Schlüssel um 10:00 Uhr bei der Ferienhausvermittlung sein muss. Frühstücken ist morgen auch nicht, das krümelt ja wieder alles voll. Und außerdem packt mich diese größer werdende Traurigkeit, die ihren Gipfel morgen Vormittag im Abschließen der Haustür finden wird. Ich habe zu viele Dinge in meinem Leben loslassen müssen. Als Kind, wo ich es nicht selbst in der Hand hatte. Als junger Mann, als ich es selbst in der Hand hatte und es verkackt hab. Und als reifer Erwachsener, als ich es mal wieder nicht selbst in der Hand hatte. Nicht alles war immer weg, aber wenn die großen Säulen der Sicherheit wackeln wird das Fundament bröckelig. Ich habe gelernt, mich dort zu Hause zu fühlen, wo es schön ist und wo Menschen sind, die ich liebe. Nachdem man mir zwei mal mein Zuhause genommen hat, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen ist das für mich ein guter Weg, der die Seele beschützt und mich innerlich ankommen lässt. Aber im Gegenzug geht es mir immer schlecht, wenn ich einen schönen Platz verlassen muss. Verdammt. Wie man’s macht…

Blicke ich nun zurück oder nach vorn?

Blicke ich nun zurück oder nach vorn?

Nicht mal Seevögel sind heute Abend hier, während ich meinen tristen Gedanken freien Lauf lasse. Nein, ich bin kein depressiver Mensch, ich kann einfach nur nicht gut loslassen. Ich weiß, dass morgen ein neuer schöner Tag beginnt, ich freue mich auf meine großen und kleinen Frauen und sogar auf die vor mir liegende Woche, in der ich wieder über alte Autos schreiben kann. Aber manchmal brauche ich die Traurigkeit, um an anderer Stelle wieder lachen zu können. Das Meer platscht und rauscht an den Strand, die Luft riecht salzig und leicht nach verbranntem Holz. Der Wind streicht ganz leise durch die Gräser auf den Dünen, und man kann dieser roten Sonne jetzt förmlich zugucken, wie sie immer kleiner wird. Selbst wenn ich wollte, ich könnte das jetzt nicht mehr verhindern, auch nicht wenn ich nochmal auf den Bunker kletter. Sie geht unter und macht der Nacht platz. Ich fahre gleich zurück ins Häuschen, zünde noch ein paar Kerzen an und höre ein bisschen neue, gute Musik. Danke Internet, danke iTunes. Jackson Browne hat in einem Lied einmal gesungen, dass die Roadies nach seinen Konzerten einen guten Job machen, aber dass sie bitte erst alles andere einpacken sollen, bevor sie sein Klavier holen. So ist das heute Abend mit meinem Rechner, dem Desktop, auf dem die Musik drauf ist. Der bleibt bis zum Ende morgen früh stehen und spielt wie die Band, als die Titanic schon am Sinken war.

Bis nächstes mal, Nordsee

Bis nächstes mal, Nordsee

Klingt alles sehr pathetisch, metaphorisch und fatalistisch, oder? 🙂 Aber nein, so schlimm ist es ja gar nicht. Ein ganz normaler letzter Abend, gepresst durch die verstärkende Tatsache, dass die Einsamkeit hier keine Chancen zur Ablenkung erfährt, wenn man erstmal in der Mühle drin ist. Also Augen auf und durch. Vielleicht gebe ich es mir auch noch richtig dreckig und spiele ein bisschen Gitarre, die habe ich die ganze Woche über kaum angerührt. Gute Nacht, liebe Sonne. Bis morgen. Und tschüss Nordsee, du immer rauschendes Meer, ich werde wiederkommen. Mal sehen welche Geschichten das Leben bis dahin neu geschrieben hat. Verdammte letzte Abende! Ich freue mich auf alles, was kommt. Denn es geht immer weiter.

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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2 Responses to Verdammte letzte Tage

  1. Gernot sagt:

    Sehr stimmungsvoll – Kompliment lg gernot

    • Sandmann sagt:

      Danke Gernot 🙂

      Wenn man so einen Sonnenuntergang sieht MUSS das einfach rausgelassen werden. Die einen schreiben Lieder, die anderen Texte, noch andere kiffen sich zu 😉

      Jetzt bin ich wieder zurück im Alltag. Da geht die Sonne nicht so schön unter, aber dafür lauern da wieder neue Geschichten…
      Schönen Sonntag aus Hamburg!

      Sandmann

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