Well well well my Michelle…

Es muss so um 1980 gewesen sein.

Ein Mann und sein Blumenauto

Ein Mann und sein Blumenauto

In der Grundschule haben wir in den großen Pausen immer Sesamstraße gespielt. Sybille war Lilo, Henning war Henning, ich war Samson (bitte an dieser Stelle keine Fragen über das warum) und die kleine rothaarige Michelle war Tiffy. Mir offenbarte sich eine derart klare Rollenverteilung, ich MUSSTE mich einfach in Tiffy verknallen. Samson und Tiffy. In einer Zeit, als die Sesamstraße noch zum all-abendlichen Pflichtprogramm eines jeden Kindes um 18:00 Uhr im Dritten zählte hört ein 10jähriger zum ersten mal bewusst das Klopfen seines Herzens. Heute, in einer Zeit, wo die Sesamstraße im frühmorgendlichen NDR Randprogramm um 6:55 Uhr nur noch halbherzig von unausgeschlafenen Vorschülern beachtet wird kann ich die Nachricht auf Facebook kaum fassen. Tiffy heiratet. Und Samson ist eingeladen…

Was ziehe ich bloß an???

Kleider machen Leute

Kleider machen Leute

Samson gesteht, ein bisschen aufgeregt zu sein. Immerhin war es 25 Jahre lang still um Tiffy, und erst im vergangenen Jahr haben wir uns wieder mal getroffen und eine Pizza in Kiel verdrückt. Danke Facebook. Dafür liebe ich dich. Und wir setzen noch einen drauf, mein beiläufiges Angebot, den Brautwagen von der ringsteckenden Zeremonie bis zum Umstieg in eine Pferdekutsche im Nachbarort zu fahren haben die beiden gern angenommen. Huch? Wieder einmal Blumen auf meinem V8 (da fuhr er noch), wieder einmal ein auf Hochglanz polierter Lack und wieder einmal die Frage, welcher Dress denn angemessen sei? Kurz vorm Ziel, auf einem Rastplatz an der B4 zwischen Lüneburg und Uelzen entscheide ich mich spontan gegen Jeans und Hemd und werfe mich in meinen „klassischen“ Hochzeitsdress. Schwarzer Anzug und T-Shirt mit Taunus drauf. Das passt besser…

Erhabenes Ambiente

Erhabenes Ambiente

Schloss Holdenstedt. Meine Mama kennt es, mein Papa kennt es, klar, hier in der Nähe bin ich ja schließlich aufgewachsen. Aus der damaligen Ruine ist ein stattliches Anwesen saniert worden, ich bin zum ersten mal hier und denke mir… „das‘ ja nett„. Ein wahrhaft schöner Ort zum Heiraten! Wir sind so ziemlich die ersten, und Samson darf somit neben Stacy, dem bald rechtmäßigen Ehemann von Tiffy auch einen ersten Blick auf die bezaubernde Braut werfen. Hätte mir das vor 25 Jahren mal jemand erzählt, ich wäre gackernd zusammengebrochen. Okay, das bin ich in dem Alter sowieso ständig, aber Leute, heiraten? Pah, erstens ist das was für Erwachsene, zweitens haben das ja noch nicht mal meine eigenen Eltern dauerhaft durchgezogen und drittens werde ich das ja sowieso nie machen!

Ein Sektchen auf die Braut

Ein Sektchen auf die Braut

Ja nun, im Alter relativiert sich bekanntlich vieles. Dieser Tage bin ich selbst erwachsen und habe das Heiraten schon hinter mir – aber auch nicht dauerhaft durchgezogen (sind wir nicht alle ein bisschen wie unsere Eltern?). Und es liegt mir sehr fern, Tiffy vor irgend etwas zu warnen, dafür ist Stacy einfach zu nett und offensichtlich ein wirklich guter Kerl. Ha. *pliingg* es fließt der Sekt vor Schloss Holdenstedt, die meisten der freigelassenen hundert roten Herzluftballons sind mit ihren angebundenen Postkarten von einer Windbö in einen großen Baum gepustet worden (und hängen da vermutlich immer noch) und wir machen uns jetzt mal auf zum Tiffy-Haus in Oldenstadt. Ich schlucke. Diesmal keinen Sekt. In diesem Haus, einer der zentralen Spielstätten meiner Kindheit, war ich wohl seit rund 30 Jahren nicht mehr! Angeblich ist es noch immer alles ein bisschen wie damals…

Im Fond lässt es sich gut heiraten

Im Fond lässt es sich gut heiraten

Mir persönlich ist es erneut eine echte Ehre, mit meinem alten V8 ein sich liebendes Pärchen von a nach b zu kutschieren. Auf dem Rücksitz wird gegiggelt und aufgeregt geschnattert. Und ich kann mir nicht helfen, ich hänge weiter meinen eigenen Gedanken nach. Während vor uns vier nicht im Baum hängen gebliebene, versprengte rote Herzballons vom Wind getragen durch den Regen schweben denke ich an den guten alten, vertäfelten Partykeller in Tiffys Haus. Was haben wir da für sagenhafte Kindergeburtstage gefeiert, tanzten und lachten im Dunkeln wie auch im Hellen zur Musik von Dschinghis Khan und praktizierten allererste interaktive Körperberührungsspielchen, während wir wie fremdgesteuert Chips und Cola in unsere noch nicht von Alkohol und anderen Genussmitteln kaputt gemachten Körper schütteten. Ich möchte… äh… sag mal… also ist es möglich, diesen Raum mal wieder zu sehen? Irgendwie ist mir das gerade echt wichtig…

Zeitmaschinen

Zeitmaschinen

Selbstverständlich ist das möglich. Tiffy lacht. Und geht sich schick machen für den zweiten Teil der Feier. Plötzlich auf mich selbst gestellt, weil alle anderen nachvollziehbar wichtigere Dinge zu regeln haben öffne ich die kleine Tür vom Flur zum Kellerabgang. Ich schleiche die Treppen die gleiche leichte Kurve hinab wie zuletzt im Dezember 1982. Bilde ich mir ein, den Geruch zu kennen? Gefühlt kaue ich ein ganzes Paket Maoam und höre von fern die Musik. Es ist dunkel, aber nicht so dunkel, dass mir nicht die Klinkersteine an den Wänden und die Kellertür raus in den Garten auffallen. Ja, das alles kenne ich. Noch einmal abbiegen, und Samson steht im Partykeller seiner Vergangenheit, diesem Relikt aus den 70ern. Alles ist noch da, sogar der Tresen, hinter dem damals der Plattenspieler stand. Klein ist er, der Raum. Ich kann gerade mal aufrecht gehen. Es ist schön, manchmal Orte zu finden, an denen die Zeit tatsächlich stehen geblieben ist. An denen ich nicht älter geworden bin. *seufz* Als ich an dem ach so vertrauten Dimmer drehe und das Licht lösche beschließe ich, hier bald noch einmal herzukommen. Und mit Tiffy und ihrem Stacy und vielleicht noch ein paar anderen Sauriern meiner Kindheit hier ein paar Gläschen Wein zu trinken und… Dschinghis Khan zu hören, Rom, das unsterbliche Album.

Kutschen, wenn auch nicht motorisiert

Kutschen, wenn auch nicht motorisiert

*plopp* Huch? Da bin ich wieder. Tatsächlich, meine erste große Kinderliebe hat JA gesagt und ich hänge hier in meiner eigenen persönlichen Egoshow rum. Also weiter im Text, der Audi ist ausgebraucht und wird nun lediglich noch als Chauffeurslimousine für Stacys bezaubernde kanadische Familie benötigt. Semi-wortgewandt erzähle ich auf Englisch verschiedene Anekdoten aus Tiffys und meiner Kindheit und was in den vielen Jahren dazwischen passiert ist. Wir haben eine Menge Zeit, denn vor uns bewegt sich das glückliche Brautpaar in einer offenen Kutsche mit Schrittgeschwindigkeit in Richtung Oldenstädter See. Drei von den Herzballons haben sich bis hier hin verirrt und schweben in einem regenfreien Moment über dem Örtchen, drehen sich um sich selbst, tanzen vergnügt und hoffnungsvoll umeinander und lassen sich vom Wind treiben, wer weiß schon wohin?

Die weißen Tauben fliegen... noch lange?

Die weißen Tauben fliegen… noch lange?

Erst einmal an den See. Ja, es sind drei Ballons. Zwei sind hier und jetzt, und einer ist noch unterwegs. Ich wünsche euch an dieser Stelle mal alles Glück dieser Welt, noch zu zweit, bald schon zu dritt 🙂 Früher fand ich das flatternlassen von weißen Tauben immer ein wenig kitschig, aber auch da scheint sich mit der größer werdenden Zahl an Jahren auf dem Kalender das Maß zu schleifen. Ich habe ein kleines Tränchen im Auge, oder ist das vielleicht nur der Regen? Oder ist es eine Freudenträne, klischeehaft verursacht vom theoretisch großartigsten DJ unter der gesamten Sonne Niedersachsens? Hallo Vergangenheit, wieder ist ein Kapitelchen in dir abgeschlossen, wieder habe ich meinen Frieden mit einem Ort gemacht und wieder und wieder holst du mich ein. Diesmal aber auf sehr schöne Art und Weise. Nun sind sie Mann und Frau und wohnen noch immer (oder schon wieder) da, wo irgendwann mal alles begann. Irgendwann um 1980 rum.

Sandmann


Sag es auch den anderen...
Pin It

Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
Markiert mit , , , , , , , , , , , , , .Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

9 Responses to Well well well my Michelle…

  1. Daemonarch sagt:

    Süß!

  2. Daemonarch sagt:

    Hättest dir aber wenigstens ein Hemd anziehen können, Modemuffel!

    • Sandmann sagt:

      Hey hey, ich hatte doch sogar einen Anzug an 😀

      Der Dämon mit der Kombikarre avanciert zum Stilpapst, Sachen gibt’s, da lerne ich jeden Tag was dazu.
      Ich trag übrigens gern T-Shirts unterm Sakko, das ist irgendwie ein bisschen weniger angestaubt und ernst, und schließlich waren wir ja nicht bei einer Beerdigung 🙂 Ganz im Gegenteil…

      Sandmann

  3. Mumpitz1409 sagt:

    Bester Sandmann,

    was für eine tolle Geschichte und schön das Du einen Teil derner Kindheit auf diesem tollen Hochzeitsereigniss wieder erleben durftest.
    Auch ich bin doch so fern meiner Heimat in welcher ich aufwachsen durfte. Dort gäbe es soooo viele Örtchen die ich gerne mal wieder sehen und erleben möchte. Vor allem bei meinem damaligen besten Freund Thomas……… Was wir damals alles erlebten und vor allem wo überall.
    Das wäre eine Storry wert. Vieleicht komme ich demnächst mal endlich dazu. Ist nähmlich Ende Oktober Klassentreffen in eben diesem Ort. Ich Freu mich schon wie ein kleines Kind. Ich bin gespannt.

    Dir ne Gute Zeit und bis bald

    Timo

    • Sandmann sagt:

      Ay Mumpitz,

      das ist zwar nicht was für jeden Charakter und ich muss mir öfter mal anhören, dass es Zeiten gibt, an denen ich mehr in meiner Vergangenheit als in meiner Gegenwart rumhänge…

      Aber ich kann dir versichern, dass du ein paar gute Tage da haben wirst und irgendwie den Akku wieder auflädst. Nimm dir genug Zeit mit. Ich bleibe immer wieder mit viel zu WENIG Zeit in meiner Heimatstadt Uelzen hängen, aber jedes mal ist es irgendwie beseelend. Ich wünsch dir jedenfalls alles Gute beim Klassentreffen und viel Spaß. Erzähl dann mal… und mach Fotos 😉

      Grüße, momentan aus München
      Sandmann

  4. calimero sagt:

    Sandmann,
    was für eine schöne Vergangenheitspoesie aus der Gegend, wo auch ich geboren wurde. Tiffy und ihr Mann sind ja ein extrem sehenswertes Paar. Nette Leute kennst du, halte dir diese Menschen in der realen Welt warm und fest 🙂
    Abel

    • Sandmann sagt:

      Hey Calimero,

      stimmt, du kommst ja auch aus der Gegend 🙂 Dann sieh mal zu, dass sich deine Eltern nicht trennen und du umziehen musst, dann eierst du auch ständig wieder zurück…. gargel

      Sandmann

  5. Sandmann sagt:

    Ich habe gerade mit Tiffy ein paar Nachrichten auf Facebook ausgetauscht, habe das Dschinghis Khan Album im Auto und fahre im Dezember mal wieder zurück. Zurück nach Uelzen. Ich habe gerade gehört, dass es nicht verwerflich ist, an den Dingen festzuhalten, die man mit guten Gedanken verbindet.
    Deshalb habe ich diesen Blog noch einmal hochgeholt… 🙂

    Sandmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ein bisschen Mathematik: *