Willkommen eisreiches Tauwetter!

Ich sehe ein Licht am Ende des Iglus…

Alle reden von der Klimakatastrophe und der globalen Erwärmung, während ich mich langsam daran gewöhne, jeden, aber auch wirklich JEDEN Morgen des Holsteiner Winters meine Treppenstufen herunterzuschliddern, Schnee zu schaufeln, die Scheiben des V8 freizukratzen und meinem selbstgehackten, einst gewaltigen Holzstapel beim Schrumpfen zuzuschauen… Laut Wetterbericht soll ab heute erstmal alles anders, also wärmer, werden. Super, da lege ich mich doch gleich postwendend auf der überfrorenen Eisbahn vor meinem Haus auf die verschnupfte Nase und mache mich aufrappelnd und ein letztes mal (Weihnachtslieder pöbelnd) ans morgendliche Freikratzen der Scheiben. Und verfasse einen Abgesang an den Winter. Vielleicht hilft es ja.

Winter adé, Scheiden tut weh.

Ach ja wie tiefsinnig, reden wir nicht drüber. Erinnern wir uns lieber an das Geräusch des Eiskratzers, an dem man direkt aus dem warmen Bett a) den früh aufstehenden Nachbarn und b) die relative Eisdicke auf den Scheiben erkennen kann. Ich werde es vermissen, wenn ich demnächst nur im T-Shirt aus der Haustür trete und noch die restliche Luftfeuchtigkeit der Nacht spüre, den Gewitterregen von gestern Abend auf dem jetzt schon warmen Asphalt rieche und von Singvogelgepiepe umschwärmt in mein Auto gleite. Wenn man trotz der morgendlichen Frische schon irgendwie spüren kann, dass es ein warmer Tag werden wird. Ja, ich werde das Eiskratzen vermissen. Nicht.

Ach, was wird da alles für schöner, längst verloren geglaubter Kram unter der weißen Pracht wieder zum Vorschein kommen! Meine Tochter wird ihr Fahrrad wiederfinden und ich meine Tischkreissäge. Vielleicht tauchen ja sogar unsere zwei Rodelschlitten wieder auf, die pünktlich zu den ersten Flocken im Dezember verschwanden. Momentan glaubt man noch an Diebstahl, aber wer weiß? Auch mein streusalzscheuer Hund freut sich über die vielen gut riechenden Fäkalien, die endlich den Aggregatzustand von tiefgefroren auf fest/flüssig wechseln und in der Sonne einen angenehmen Dunst verströmen. Vor Wochen verendete Tiere sind wie in einem Buch von Stephen King plötzlich wieder da, und auch unsere alten Freunde, die Schlaglöcher, zeigen sich von ihrer besten Seite.

Mein lieber freigekratzter V8, ich fahre dich noch einmal den vereisten Hang nach oben, an dem schon so viele Nichtquattros, UPS Laster und Möbelwagen gescheitert sind.

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Auch du wirst den Winter nicht vermissen. Deine Steuergeräte frieren nicht mehr in den alten Kupferadern, dein automatisches ZF Viergang-Getriebe schreit nicht mehr ganz so laut nach einem ATF Wechsel und deine Dichtungen knarzen nicht mehr so aufdringlich in Kurven…

Dabei hat das Eis auch durchaus schöne Konturen auf dein Blech, dein Glas und deinen Kunststoff gezeichnet. Ich halte noch einmal für ein paar Detailfotos an und glitsche mit meiner alten Blog-Cam um dich herum…

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Alles, was elektrisch abgetaut werden kann, muss nicht umgehend weiterbekratzt werden. Und hey – ab morgen wird ja ohnehin dein schwarzer Lack die Sonnenstrahlen absorbieren und sich aufheizen, und die Siglachromscheiben reflektieren eben diese Strahlen und im Innenraum ist es angenehm temperiert. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Manchmal hoffe ich, sie stirbt sogar nie. Aber was währt schon ewig? Dieses Eis offensichtlich nicht, denn es taut schon ein bisschen und tröpfelt an länger werdenden Zäpfchen unten am V8 herunter. Wenigstens kommen unter meinem Auto keine Menschen ums Leben, weil sie von Dachlawinen oder fallenden Eis-Speeren erschlagen werden.

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Wohlann, der Schornstein raucht wieder, die universale Antwort auf alle Fragen ist und bleibt aktuell und die Rails der Gasanlage klackern zufrieden in werdenden Plusgraden.

Ein letztes mal für diesen Winter 100 Kilo Bündelbriketts aus dem Baumarkt in den Kofferraum wuchten, damit mein Ofen auch über Nacht die arktische Kälte draußen lässt. Freud und Leid des Besitzers eines Häuschens aus den 50er Jahren. Man kannte damals weder bleifreies Benzin – noch Dämmung für Hauswände. Dabei waren doch seinerzeit angeblich alle Winter so kalt? Heute sind sie ja nur so kalt, weil das Klima wärmer wird und die Wüsten wieder zuwachsen. Oder irgendwie so ähnlich. Ich verstehe das alles nicht so ganz, also was bleibt mir anderes übrig als den subventionierten deutschen Kohleabbau weiter zu finanzieren? Schließlich ist mein Holz fast alle. Und es driftet sich etwas korrekter mit ein wenig Tonnage auf der Hinterachse.

Auch er macht seinen letzten Winterschlaf unter einem blauen Himmel, mein Wald der Telefonzellen. Über die Jahreswende hat er ein bisschen unter infantilen Böllerwerfern leiden müssen und macht (wie etliche andere) zum neuen Jahr einen etwas abgebrannten Eindruck, aber im großen und ganzen ist noch alles da und wartet drauf, dass jemand es endlich vor der Verschrottung rettet 🙂 Bald nisten hier wieder tutende Singvögel und trinkende Obdachlose und begrüßen den Frühling, der doch bestimmt bald kommt und die tiefer gelegenen Keller lustig mit Matsch und Wasser überflutet. Sehe ich da nicht vielleicht schon eine erste Frühlingsblume im Schnee? Nein. Leider nicht. Es ist doch nur… äh, das wollen Sie gar nicht wissen.

Jemand ein Eis? Gern mit etwas mehr Geschmack als bei dem von der italienischen Markise? Nein danke, ich habe wirklich genug. Dabei sagen die Meteorologen, dass der eigentliche Winter womöglich noch kommen könnte, schließlich sei ja erst Januar… Okay, dann werde ich in den kommenden Tagen die eine oder andere schneefreie Fläche genießen, dann mal kurz am 14.01. nach San Diego fliegen und am Sommer schnuppern und anschließend mit einer gewaltigen Schaufel Optimismus mich auf so etwas wie den Frühling freuen. Mein Audi wird auch noch ein paar Wochen länger in der Kälte aushalten, und noch habe ich Holz und Kohlen (na ja, und eine Heizung natürlich auch, aber das ist ja unspektakulär) 🙂 und Hoffnung. Folgen Sie mir in ein neues, schönes Jahr 2011, mit ganz viel Sonne. Okay?

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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2 Responses to Willkommen eisreiches Tauwetter!

  1. calimero says:

    Tach Reisemann,
    inzwischen geht in Niedersachsen ein milder Nieselregen runter. Deine Medizinmanntänze sind wohl erfolgreich 😉 Zauber uns mal den Frühling und bring ordentlich Sonne aus Californien mit! Guten Flug, du eigentlich Autofahrer.
    Abel

    • Sandmann says:

      Ay calimero,

      ich blicke zwei Tage lang in die warme Sonne Kaliforniens… 😀 26 Grad. Ich bing dir gern was mit, das brennt auch den Nieselregen weg.

      Sandmann

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