3110 Bäume 2

Mit viel Phantasie......

Mit viel Phantasie……

Haben Sie als verliebtes Kind, verblendeter Teenager oder rosabrilliger Erwachsener mal den Namen einer Angebeteten in einen Baum geritzt? Ja? Und wie lange ist das her? Es gab in meinem Leben eine Zeit, da war ich noch zu klein und zu feige, der jeweiligen Herz-Dame meine Gefühle ins Gesicht zu sprechen. Jungs tun sich da schwer mit. Deshalb haben ein paar von diesen Damen nie von ihrem Glück erfahren. Ich möchte mich als heimlich und dementsprechend unglücklich verliebt in jenen Jahren bezeichnen. Nur zwei Bäume im niedersächsischen Uelzen kennen die ganze Geschichte. Ein Kapitel in dieser Geschichte ist Silke. Und heute Abend, 30 Jahre nach der Schnitzerei, nehmen wir beide uns eine Taschenlampe und suchen den Baum, auf dem vielleicht noch ihr Name steht.

Raus aus dem gemütlichen Haus in die Nacht und den Regen.

Gruselhaus? Im Gegenteil.

Gruselhaus? Im Gegenteil.

Bäume wachsen mehr oder weniger schnell. Ich weiß noch ungefähr, wo ich das Messer angesetzt hatte, das war gar nicht weit weg von Silkes Elternhaus im kleinen Dörfchen Ripdorf am Elbe-Seitenkanal. Der betreffende Baum stand auf der anderen Seite, in dem Wäldchen, wo ich mit meinem Freund Klaus mittendrin gegen Ende der 70er auch meine Höhle aus Brettern und Plastikplane gebaut hatte. So eine Höhle musste man damals einfach haben, Kinder ohne Höhle im Wald waren keine echten Kinder der 70er – oder hatten einen Atari 2600 🙂 Mit Bäumen hatte ich heute auf dem Hinweg schon reichlich zu tun, also warum nicht noch mehr davon? Wir sitzen in der guten Stube, haben schon genug Rotwein für ein derartiges Vorhaben geschlabbert und schrecken daher auch vor der Dunkelheit und dem einsetzenden Oktoberregen nicht zurück. Es ist ja nicht weit. Einmal aus dem Dorf raus, über die Kanalbrücke, ein bisschen am Kanal entlang und dann irgendwo da im Wald. Genauere Angaben kann ich leider nicht machen. Aber wir nehmen das Telefon mit, das hat ja eine Taschenlampe 🙂 Na los. Raus da.

Dunkel und nass. Egal.

Dunkel und nass. Egal.

Bah.
Sind Sie schon einmal in Niedersachsen nachts draußen gewesen? Es ist hier dunkler als in anderen Bundesländern. Und wenn Sie dann auch noch in einem kleinen Dorf unterwegs sind, welches selbst als nächste große „Stadt“ nur Uelzen mit seinen etwas mehr als 30.000 Einwohnern hat…. dann beschleicht Sie das Gefühl, die Dunkelheit sei greifbar. Ich kann sie anfassen. Irgendwo auf einem Bauernhof summt ein Generator, kleine Tropfen plitschen von den großen Bäumen. Ich kann die Dunkelheit sogar riechen! Sie riecht nach Dorf, nach Schweinestall und ein bisschen nach Tischlerei. Aber wissen Sie was? Ich liebe diesen Geruch. Er erinnert mich an die Sommer hier im Zelt und die Spaziergänge mit meinem Freund Binz nachts durch das kleine Ripdorf. Da war ich… äh… ziemlich heftig verknallt. Und es war wärmer. Von Weitem weht der malzige herbstliche Hauch der Zuckerfabrik rüber, und ihr Schein am Horizont wirkt wie ein nächtliches qualmendes Ufo, was aus Versehen über der Lüneburger Heide abgestürzt ist.

Den Baum vor lauter Wald nicht sehen

Den Baum vor lauter Wald nicht sehen

Kein Schiff mehr auf dem Kanal heute Nacht. Auch kein Raumschiff. Und die Böschungen sind nicht beleuchtet. Aber ich erkenne den Waldrand einigermaßen, und ich erinnere mich, dass ich damals mit meinem Messer ein Stück einen kleinen Weg in den Wald reingegangen bin, um mich dann links durch die flachen Brombeeren zu einer hübsch und gerade gewachsenen Buche durchzuschlagen. Buchen sind super geeignet für sehnsuchtsvoll geschnitzte Botschaften, ihr Stamm ist glatt und die Rinde weich. Den betreffenden Weg gibt es noch. Das Unterholz ist dichter als früher, vor allem ist es hier wirklich unglaublich dunkel. Waren hier damals auch schon so furchtbar viele Brombeeren? Niedersächsisch-dunkel plus Bäume und Regen. Trotz iPhone Lampe stapfen meine tapfere Begleiterin und ich fast blind zwischen Zweigen und Blättern durch und lassen garstige Dornen an unseren Hosenbeinen reißen. Ich komme mir ein bisschen blöd vor, wie in einer trüben Unterwasserwelt. Was, wenn ich den Baum nicht wiederfinde? Letztes Mal war es 1986 oder 1987 und es war hell und trocken.

ja wo denn bloß

ja wo denn bloß

Die Dame, dessen Namen ich gedenke zu finden ist heute zweifache Mutter und keine große Hilfe auf der Suche, denn sie kennt die Stelle ja nicht mal bei Helligkeit. Normalerweise führt man die Mädels, deren Initialen man in eine Buche ritzt nicht zu dieser Stelle und zeigt ihnen das, ist ja voll peinlich, so mit 16 oder 17…. Sowas macht man irgendwann mal, vielleicht viele Jahre später, wenn man einen Heiratsantrag auf den Lippen hat 😉 Doch keine Sorge, dafür ist es heute zu nass und zu dunkel. Und so. Plötzlich stehen wir wieder am Waldrand, diesmal auf der anderen Seite. Damals war hier ein großer Acker, jetzt erhebt sich die Wand einer gewaltigen Lagerhalle direkt neben den Bäumen. Oh. Uelzen wächst. Das Gewerbegebiet hat „meinen“ kleinen Hain erreicht, in dem es manchmal irgendwie seltsam moderig riecht. Schon immer. Als wenn hier Dinge vergraben liegen, von denen man lieber gar nichts wissen möchte.
Hinter der Lagerhalle der helle Schein der weit entfernten Zuckerfabrik. Unheimlich, irgendwie.

Da war damals ein Feld

Da war damals ein Feld

Aber wenn hier der Rand ist bedeutet das, der Baum ist nicht weit. Und JA! da steht er. Die Lampe vom iPhone wirft kontrastreiche Schatten auf die zerklüftete Rinde. C N und ein Datum. Oha. Claudia, meine Brieffreundin. 1982. Na das ging ja früh los. Drumrum ein Herz, klassisch. Auf der anderen Seite: Dunja. Ups? Die hab ich hier auch verewigt? 🙄 Die sah immer ein bisschen aus wie Nena. Sowas. Um die Ecke: Geli. Wer ist bitteschön Geli??? Ach warte mal. Ich war hier mal mit meinem Freund Markus. Wenn Sie wissen wollen wer Markus ist, in einer meiner Weihnachtsgeschichten ist er dabei. Hier: KLICK  🙂 Oder war das ne Flamme von Klaus, mit dem ich das erste Mal hier war, als ich Claudia da reingeritzt hab? Wie dem auch sei, mit Geli ging es anscheinend nicht gut aus, direkt dadrunter steht FUCK Geli. Oh. Wenn man diese flache Botschaft hier mit viel Mühe reinritzt muss der Liebeskummer groß gewesen sein. Da steht noch Sybille, Silkes Schwester. Aha, also doch Klaus, ich hab das jedenfalls nicht reingeritzt. Ist ja inflationär hier. Mir kommt ein Gedanke….. ich glaube, als dieser Baum „vollgeschrieben“ war gab es noch einen zweiten, ein paar Meter weiter im Wald drin. Silke lacht schon verschmitzt, mit so vielen Namen hatte sie nicht gerechnet. Das Licht wirft lange Schatten zwischen Stämmen und Blättern, und ja – da ist er endlich, der richtige Baum.

Nicht ewig, aber sehr lange

Nicht ewig, aber sehr lange

Kann man es noch lesen? Ich finde, man kann es noch lesen. Im Zeitalter von whatsapp und sms wirkt ein Name, der in eine Buchenrinde geritzt und fast schon rausgewachsen ist, wie eine Entdeckung aus der Antike. SILKE. Wissen Sie eigentlich, was das für ein Aufwand ist, mit einem kleinen Taschenmesser lesbare Buchstaben in die Rinde zu ritzen? Auf diesem Baum stehen noch mehr Namen. Einige möchte ich nicht mehr zitieren, andere kann ich gar nicht mehr lesen. Es waren anscheinend bewegte Zeiten im Herzen des Teenagers, und dieser letzte Name auf diesem zweiten Baum entstand im Sommer 1987, als wir hier gezeltet haben. Mein Kumpel Binz und ich. Es war der Sommer, an dem ich 20 Lebkuchenherzen in einen Kirschbaum gehängt habe, in dem ich seltsame Botschaften auf die Rückseite meiner Gitarre ritzte während Simon & Garfunkel sangen und wo ich nachts lange, sehr lange wach lag und ins dunkle Zelt starrte.
Puh.
Ganz schön schwer, erwachsen zu bleiben bei so vielen Erinnerungen. Aber irgendwann wird man zum Zeitreiseprofi und hat begriffen, dass es sich um die Vergangenheit handelt. Vergangen. Auch wenn das Mädchen von damals, inzwischen eine Frau so alt wie ich, nun neben mir steht und immer noch da ist. Stoff für kitschige Lieder? Durchaus, sprechen Sie mich mal drauf an, wenn Sie mich mit einer Gitarre in der Hand erwischen. Aber nicht nüchtern. Silke giggelt noch immer leise vor sich hin und zählt noch einmal laut die vielen Namen auf den beiden Bäumen. Wie unangenehm….

hat sie es geahnt...?

hat sie es geahnt…?

Der Rückweg raus aus dem Wald ist ein ganz kleines bisschen einfacher als der Weg zum Baum, denn nun haben wir eine grobe Richtung, in der wir den Kanal vermuten. Heller ist es dadurch nicht, aber der Regen ist ein bisschen weniger geworden und die antiken Entdeckungen vertreiben eine gewisse innere Kälte. Vielleicht sind auch noch Fragmente meiner Höhle von damals da? Und es muss auch noch in einem Wald hier in der Nähe die Reste eines Baumhauses geben….. Aber nicht heute. Es ist zu dunkel, zu spät und vielleicht haben wir auch ein bisschen zu viel Rotwein getrunken.
Als wir zurück über die Kanalbrücke laufen frage ich mich wieder mal, wie ich es wohl hinkriegen könnte, mein Leben heute ein bisschen einfacher zu gestalten. Ein ganz kleines bisschen so wie damals, 1987. Geht das überhaupt noch, wenn man 44 Jahre alt ist, zwei Familien in zwei Städten mit zwei Wohnsitzen und zwei Jobs hat? Oder ist das einfach das Los des Erwachsenen, dass die unbeschwerten Zeiten nicht nur vorbei sind – sondern dass sie auch tatsächlich nicht mehr wiederkommen? Egal, wie oft man in diese Zeiten wieder eintaucht, es ist wie ein Wegsaufen von Problemen. Am nächsten Morgen ist alles wieder beim Alten, und dank des Katers nur noch schlimmer. Wir drehen noch eine Runde durch das Dorf mit den Gerüchen von Damals…

So etwas wie ein Heimweg

So etwas wie ein Heimweg

Diese Gerüche. Ich muss das nochmal aufgreifen. Der Muff der Zuckerfabrik, Herbst, Alltag eines Kindes. Ganz bestimmte Ecken in diesem Wald, die so riechen wie sie riechen. Ich habe das in keinem anderen Wald bisher so wahrgenommen. Dann Ripdorf. Die Zeit der großen Schweinefarmen ist vorbei, aber hier und da weht noch ein Hauch Schweinestall durch die Nacht. Das stinkt, aber das stinkt genau wie 1987, als Binz und ich Unsinn und Kalauer sabbelnd diese Runde gingen, bevor wir ins Zelt im Garten von Silkes Eltern krabbelten und ich noch ein bisschen so rumlag und nicht recht einordnen konnte, was da in mir am Toben ist. Während irgendwo in einem Stall eine Kette rasselte, irgendwo in einem Wald ein Käuzchen rief und irgendwo auf einem Giebel eine Nachtigall ein viel zu schönes Lied in die Nacht sang. Gerüche holen so viele Bilder zurück in den Kopf, das muss gar nicht das Parfum der Exfreundin oder der Wunderbaum im Auto des Onkels sein. Da geht auch der Schweinestall in Ripdorf und der moderige Mischwald. Emotionen. Gefühle. Zu wenig im Hier und Jetzt.

Letztes Jahr war es zwar kalt draußen, aber es war August. Ich wollte unbedingt in meinem Auto schlafen und habe damit nicht nur unwissentlich die Gastgeberin brüskiert, sondern auch eine kalte und harte unbequeme Nacht hinter mich gebracht. Heute bin ich ein Jahr älter und nehme dankend das familiäre Angebot an, in einem kleinen feinen Zimmer innerhalb dieses 400m² Anwesens in ein frisch bezogenes Bettchen zu krabbeln. Silkes Omi hat hier damals gelebt. Oh. Vom Fenster aus guckt man auf den Platz, wo damals der Kirschbaum mit unserem Zelt drunter war. Was konnte man denn da alles sehen……?

Omas Bett - klasse

Omas Bett – klasse

Ich bin hundemüde, aber ich kann noch nicht einschlafen. Fast ein bisschen wie damals, aber heute treiben mich erwachsenere Gedanken um. Der Tag und der Abend waren geprägt von schönen Kindheitserinnerungen, emotionalen Bildern und vielen längst vergessenen Gerüchen. Diese Reise in eine andere Zeit, eine andere Welt ist jedes Mal anders. Heute könnte für mich problematisch werden, dass wir nicht etwa Wochenende haben – nein nein, es ist mitten in der Woche. Ich habe noch eine Handvoll Stündchen Schlaf, dann scheppert mein Wecker und ich muss zurück in die heutige Welt, den Alltag, genauer gesagt den Verlag in Hamburg. Das ist nicht wirklich schlimm, im Gegenteil, ich liebe meinen Job 🙂 Aber ich würde morgen, nein nachher, lieber ausschlafen. Während ich vor lauter Gedanken und damit verbundener Schlaflosigkeit noch den Header meines Blogs ändere (der mit den Lichtern im Wald nun…) und mich ein bisschen auf Facebook rumtreibe werde ich aber doch irgendwann ziemlich müde. Männer können das Gehirn ja besser ausschalten als Frauen.
Und nur wenige Minuten später geht der Wecker und holt mich in den viel zu frühen Morgen zurück 🙁

Alltag. Früh. Dunkel. Grau.

Alltag. Früh. Dunkel. Grau.

Unten in der Küche duftet es nach frischem Kaffee und selbst gebackenem Brot.
Ich vergöttere regelrecht die Gastfreundschaft hier, da steckt noch eine große Portion familiäres, herzliches Landleben in den Mauern. Auch wenn heute alles anders ist und der damalige große Betrieb nicht mehr in dieser Form besteht, trotzdem sieht noch alles aus wie immer. Auch die warmen Herzen leben hier noch immer, und ich kann es wieder einmal gar nicht glauben dass ich hier seit der ersten Klasse 1977 nicht nur ein und aus gehe, sondern auch immer wieder herzlich willkommen bin. Kann bitte mal jemand dafür sorgen, dass das niemals vorbei ist, aus welchen Gründen auch immer?
Bevor ich mich wieder auf die Straße wage zücke ich noch ein kleines Blümchen, was heute Nacht im XM geschlafen hat. Ein kleiner farbiger Tupfer an diesem erneut sehr grauen Frühherbsttag. Ich mag ja Gerberas. Gerberi? Gerberen? Gerb Gerb Gerbera. Komischer Name 🙂 Diese Vorliebe teile ich zwar nicht mit jeder Person in meiner direkten Umgebung 😉 aber ich finde die lustig und verschenke sie auch gern. Sie sehen aus wie Comicblumen, farbenfroh und pflegeleicht. Frau Becker, heute die Hausherrin hier, freut sich und topft sie gleich ein. Mal sehen wie lange sie sich hält, diese Gerbera….

Farbe für die Gastgeberin

Farbe für die Gastgeberin

Und wenn ich heute beruflich noch irgendwas von diesem Tag nutzen will muss ich nun echt los. Genaugenommen könnte ich noch ein paar Stunden in der Guten Stube sitzen und weitere Liter Kaffee zu leckerem Brot, Wurst und Käse vertilgen – aber der Alltag ruft laut. Noch viel lauter ruft meine Badewanne, als ich vor die Tür trete und nach dem Autoschlüssel suche. Grau. Regen. Kälte. Bäääh 🙁 Silke und ich drücken uns noch einmal ganz doll, ganz ganz doll, ich fühl mich so ein bisschen wie am Morgen danach… Komisch. Das liegt wohl an den in den Baum geritzten Namen aus längst vergangenen Zeiten. Und heute bin ich wieder zurück in der Gegenwart. Nicht in der Zukunft, aber zumindest im Hier und Jetzt. Motor an – und der XM sackt zur Gedenkminute mit dem Hintern auf den Boden, während er fröhlich mit seinen Spannrollen rappelt und klappert. Silke guckt etwas irritiert 🙂 Das sei normal, rufe ich aus der geöffneten Tür (der Fensterheber geht ja nicht), und noch während ich lache hebt die Hydropneumatik das Heck, und ich gleite hupend vom Hof. Ich drehe mir am Steuer noch ein Vitamalz auf und mache ein grau in grau Foto vor den gewaltigen Bergen von Zuckerrüben vor der Zuckerfabrik. Ein bisschen Lokalpatriotismus soll gestattet sein. Kaufen Sie ab heute bitte ausschließlich NORDZUCKER. Der kommt größtenteils von den Feldern meiner Kindheit.

Jenseits von Uelzen

Jenseits von Uelzen

Auf der voranschreitenden Rückreise gelingt es mir erstaunlicherweise, mal nicht geblitzt zu werden. Glauben Sie mir, das ist auf der B4 echt gar nicht so einfach. Meine Laune ist besser als ich bei der grauen Suppe da draußen erwartet hatte 🙂 Mein Vergangenheitsakku ist regenreich wieder aufgeladen, ich habe den Kopf voll mit schönen Geschichten und das Herz voll mit Eindrücken von netten Menschen. Und es geht weiter. Zu Hause erwartet mich heute Abend ein hübsches halbfinnisches Fräulein Altona und ein NORDzuckersüßes, quirliges, patziges und aufgedrehtes viertelfinnisches Sandmädchen. Familie. Ich weiß schon, warum ich mich noch einmal auf eine neue Runde trotz gehobenen Alters eingelassen habe. Familie ist wundervoll. Sie gibt einem Halt und stützt einen in schweren Zeiten. Die Familie, die ich mir freiwillig ausgesucht habe tut das ohne Regeln und Vorbehalte. Ich freue mich genau so auf das Nach Hause Kommen wie ich mich auf so kleine Reisen in die Vergangenheit freue. Ein ewiges Hin und Her der Gefühle, und das kann so verkehrt nicht sein 🙂 Aber vorher halte ich noch einmal wie auf dem genau so verregneten Hinweg geplant in der Altstadt von Lauenburg an und mache ein Regenbild mit Auto drauf… Diesmal der Arsch. Viele Lampen. *hach* die Karre ist super.

Lauenburg, heute mal nicht unter Wasser

Lauenburg, heute mal nicht unter Wasser

Waren Sie schon mal in Lauenburg? Das Städtchen liegt an der Elbe, dort, wo sie träge und grau vor sich hin fließend Niedersachsen von Schleswig-Holstein trennt. Lauenburg ist verschlafen und klein, und die Altstadt liegt direkt am Wasser. Das ist idyllisch, allerdings wird das nicht jeden Anwohner zu jeder Zeit begeistern. Die Elbe ist nämlich in regelmäßigen Abständen ein echtes Arschloch und steigt gern mal um ein paar Meter. Ich fahre noch ein paar Minuten vorbei an Backsteinhäusern, in denen quartalsmäßig die Möbel durchs Parterre schwimmen und ziehe den schwebenden Franzosen dann zurück auf die morgengraue Autobahn nach Hamburg. Eine weitere asketische Stunde ohne Ablenkung und Telefon, nur ich, das Auto, die Straße und die Musik. Im Auto komme ich dazu, Alben zu hören, für die mir im Alltag die Zeit fehlt. Neueste Erkenntnisse: Die neue von Lana del Rey (mag ich eigentlich) ist frustig düster, die neue von Bryan Adams (verehre ich eigentlich) ist albern belanglos und die neue von Rod Stewart (hab ich seit den 80ern nicht mehr wahrgenommen) wiederum ist erstaunlich gut. Na gut, hab ich wenigstens nicht komplett mein Geld bei iTunes für Mist ausgegeben…

Elbquerung 2.0

Elbquerung 2.0

Hamburg ist schon längst wach als ich über die Elbbrücken in Richtung Verlag schwenke. Ich bin es inzwischen auch einigermaßen. Heute mache ich noch ein paar Fototermine klar, bevor der Winter sämtliche Chancen auf gute Autobilder komplett in norddeutschem Wetter ertränkt. Außerdem habe ich noch den Artikel über den Aston Martin im Köcher, der muss fertig werden und da fehlen auch noch die genauen technischen Daten. Hoffentlich ist der Kaffee schon fertig 😀
Im Südosten Hamburgs einen Parkplatz zu suchen ist so erfolgversprechend wie eine pannenfreie Urlaubsreise mit einem unrestaurierten 1975er Jaguar XJ 12. Aber es gibt ein paar Ecken, da steht man niemandem um Weg und es kommen auch nur selten diensteifrige Ordnungshüter vorbei. Heute ist wieder so ein Morgen, an dem ich überhaupt keine Lust habe, zehn mal kilometerweit im Kreis zu fahren und stelle den XM einfach ab. Da blühen sogar ein paar bunte Blümchen in dem Waschbetonkasten, na wenn das kein gutes Zeichen ist 🙂 Ich ziehe den Rechner vom Rücksitz, stapfe durch den Regen ins Verlagsgebäude, richte im Fahrstuhl nochmal meine Haare und bin wieder da. Und alles wieder von vorn.

Zurück in der Zukunft. *plopp*

Zurück in der Zukunft. *plopp*

Was hier so mühlenartig klingt ist ein selbstgewählter guter Alltag. Der Herbst legt heute nur seinen grauen Schleier über meine Worte, sehen Sie mir das bitte nach. Ich war nur einen Abend weg und fühle mich, als hätte ich eine kleine Weltreise hinter mir. In gewissem Sinne habe ich das auch. Gedanken und Bilder aus der Kindheit, die spätestens heute Morgen am Leben des verantwortungsvollen Erwachsenen abgeprallt und zu Boden gerieselt sind. Nichts bleibt stehen, es geht immer weiter. Und wenn man nicht aufpasst wird alles immer unübersichtlicher und schneller. Das habe ich begriffen, und da versuche ich gegenzusteuern. Zwischendurch mal runter kommen. Energie tanken. Einfach mal nur da sein. Sonst geht es mir wie der Buche, ich bin zwar noch da, aber die schönen Namen mit den emotional aufregenden Geschichten wachsen zu und werden unleserlich. Das will ich nicht. Also auf ein Neues, hallo Familie, hallo Beruf, hallo Leben. Schön dass es euch gibt, machen wir einfach da weiter wo wir aufgehört haben 🙂

Sandmann

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Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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10 Responses to 3110 Bäume 2

  1. Bigbug says:

    Großartig, Danke Dir für den 2. Teil.

    • Sandmann says:

      Es ist mir eine Ehre, Bigbug.

      Nun bin ich noch gespannt, wie viele von euch sich an die Bäume von damals erinnern und mal losstapfen und gucken, ob die noch da sind 🙂

      Sandmann

      • Bigbug says:

        Hallo Sandmann,

        Ich war nicht der „Bäumeritzer“,kann mich aber erinnern zu Grundschulzeiten „todesmutig“ ein Liebesbriefchen in der Pause in die Jackentasche der Angehimmelten gesteckt zu haben 🙂 Ich kann das Adrenalingefühl dabei heute noch spüren….

        • Sandmann says:

          WAAAAAHHHHH!!!

          Das ist in der Tat eine sehr aufregende Aktion, so dicht hätte ich mich damals NIE an die Dame rangetraut!
          Wir haben tatsächlich mit den YPS Agentensets beobachtet und analysiert. Leider erfolglos in diesen Fällen.

          Was ist aus der Dame geworden? Hat sie dein Briefchen inzwischen gefunden? 😉

          Sandmann

          • Bigbug says:

            Tja, der Brief war zwar anonym und konnte auch unerkannt „zugestellt“ werden, aber aus unerklärlichen Gründen 😉 konnte ich später doch als Absender identifiziert werden…

            Was aus der Dame (Irene, Halbrussin, das weiß ich noch genau) geworden ist, weiß ich nicht. Damals war ich scheinbar frühreif, die Gefühle wurden nicht erwidert…

            LG BigBug

            • Sandmann says:

              Ay BigBug,

              oh. Anonyme Zustellung, wie sollte sie denn darauf reagieren du Horst? 😉 Schade dass nichts draus geworden ist…..

              In meiner 5. oder 6. Klasse lief ein Mädchen rum, was den gleichen Nachnamen wie ich hatte…. Aber in keinster Form mit mir verwandt war, jedenfalls nicht nachvollziehbar. In die war ich auch schwer verknallt (die steht auch auf einem der Bäume…) und wir haben immer gefrotzelt, was passieren würde, wenn wir heiraten 🙂 Ob wir dann ihren oder meinen namen annehmen 😀 Hihihi……
              Die würde ich gern mal wiedersehen. Wenn man allerdings ihren vollen Namen googelt landet man bei einer hippen celebrity-Designerin in den USA. Ich glaube das ist sie nicht. Obwohl… Nein ich denke, sie hat wohl eher den Namen von jemandem angenommen, der keinen so coolen wie sie und ich hatte. Schade.

              Vielleicht liest sie das ja hier mal 🙂
              Sandmann

  2. Bastian says:

    Ich war zwar als Jugendlicher auch (durchaus unglücklich) verliebt, aber irgendwie kam es nie dazu, dass ich das an Bäumen abgreagiert hätte 😉

    Aber wie sehr die Zeit vergeht, konnte ich bis vor Kurzem dennoch an einem Baum festmachen. Mit der Grundschule haben wir damals nämlich immer am Volkswandertag teilgenommen. Ich weiss gar nicht, ob der Begriff heute noch opportun ist, man darf ja auch nicht mehr Negerkuss sagen, ups….sorry. Jedenfalls gab es für die absolvierte Strecke eine Medaille und einen Nadelbaumsetzling. Und einer, der Letzte, dieser Setzlinge wurde vor nicht allzu langer Zeit von einem Nachbarn im Garten des Mehrfamilienhauses meiner Mutter abgeholzt. Zu dem Zeitpunkt hatte er die Dachrinne im Zweiten Stock bereits ein gutes Stück überragt. Ich war irgendwie richtig traurig, als ich erfuhr, dass der weg ist. Nunja, mein Lieblingsphilosoph Dragoslav Stepanovic hatte vermutlich ein ähnliches Erlebnis, als er uns sein tröstliches „Lebbe geht weider“ in die Notitzblöcke diktierte.

    Und eine Zuckerfabrik war für die Gegend, in der ich aufwuchs (Niederrhein) auch sehr prägend. Im Nachbarort hatte damals noch Pfeifer und Langen (Köln Zucker, mit den Domspitzen als Zuckerhut im Emblem) eine Fabrik. Die vielen Rübenfelder in der Umgebung haben auch auf ewig mein Bild davon geprägt, wie ein Traktor auszusehen hat: Grüne Karosse, rote Räder, Fritzmeier Verdeck, vorzugsweise von Deutz. Die waren allgegenwärtig und haben einen, sobald man den Führerschein hatte, in den Wahnsinn getrieben.

    Beste Grüße

    • Sandmann says:

      Ay Bastian,

      🙁 das war demnach der Setzling, der da abgeholzt wurde. Das ist tatsächlich irgendwie ein bisschen traurig.
      Man kann auch an alten Fotos gut sehen, wie die Zeit vergeht. Natürlich an den Bäumen, die gewachsen sind. Aber auch an Kleinigkeiten. Wenn du dir die Zeit nehmen möchtest schau mal hier: http://www.sandmanns-welt.de/herbstlaub-bergfest-melancholie-mittwoch/
      Das ist meine Fotovergleichstour, Mittwoch, Bergfest. Wenn du da ein bisschen runterscrollst kommen die Bilder, wo ich auf der Madenburg auf dieser Mauer sitze und nach unten gucke. Schau mal auf die Flechten vorn auf den Steinen. Und dann 30 Jahre später. Die sind gewachsen – aber nicht sehr viel…. Krass….

      In den Rübenfeldern haben wir übrigens im Herbst oft Verstecken gespielt. Die letzte Laterne am Feldrand hatte einen nicht sehr weit reichenden Schein. An der Laterne war anschlagen 🙂 Wenn man in die Dunkelheit in das Feld gelaufen ist konnte man sich prima zwischen den Rübenblättern auf dem Boden verstecken… Es war anscheinend dunkel genug.

      Und wenn im Herbst in Uelzen die Rübenkampagne losgeht, treibt das auch diverse Autofahrer in den Wahnsinn. Leider auch viele in den Tod, wie die Kreuze entlang der B4 bezeugen…

      Sandmann

  3. Bastian says:

    btw: Ich finde Dein AEG Radio irgendwie schon fast kultig. Es gibt so Firmen, die assoziiert man einfach nicht mit bestimmten Produkten. Da könnte jetzt auch NEFF oder Bauknecht draufstehen, macht keinen Unterschied, wäre auch fast surreal. Genausowenig, wie ich mir eine Kühl-Gefrierkombination von Becker, Alpine oder Blaupunkt vorstellen kann.

    • Sandmann says:

      Gniiihihihi 🙂
      Ja, schade nur dass glaube ich AEG nur auf irgendwelche Billo-Produkte draufgeklebt wird. Da hat sich schlicht jemand den alten Namen gekauft, das ist wie bei TELEFUNKEN. Das Teil ist wirklich sehr schlecht. Aber es ist drin und es funktioniert. Eines Tages finde ich ein originales XM Radio und dann ist die Welt wieder gut.
      Willst du das AEG dann haben? 😉

      Blaupunkt Gefrierschrank 😀 Muuuhahahaha!!! Geil.

      Sandmann

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