3,6 Kilometer Kindheit

Der Taunus wartet brav…

„Was… wer… ach du jeh. Mein lieber Sandmann, es ist schon sehr ungewöhnlich, dass ein Patient von mir nach 21:00 Uhr klingelt. Was ist es denn diesmal? Waren Sie etwa wieder in Niedersachsen…?“
„Ja… Doc entschuldigen Sie. Darf ich reinkommen? Bitte? Diese Bilder…“
„Kommen Sie, kommen Sie. Aber das kostet 120 Euro für 45 Minuten. Ohne Rechnung.“
„Das ist okay. Ich danke Ihnen. Kennen Sie diese 50er und 60er Jahre Siedlungen, die einem die Luft abschnüren und die einen mit ihrer urdeutschen Hausmeister-Spießigkeit den durchfahrenden Gasfuß aus Versehen etwas tiefer treten lassen? Diese eine Siedlung am nord-östlichen Rand von Uelzen in der Lüneburger Heide ist eigentlich ganz genau so, verstehen Sie? Sie ist belanglos, strukturell eher horizontbefreit und mental vermutlich sehr kleinbürgerlich. Hier werden noch die Straßen gefegt und die Jägerzäune mit Carbolineum gepinselt. Den entscheidenden Unterschied macht: Ich bin da aufgewachsen. Jeder Stein und jeder Baum sind im Gedächtnis eines Kindes stecken geblieben, das mit 12 Jahren für immer fortgehen musste…“
„Verstehe. Dann lehnen Sie sich mal zurück und erzählen Sie mir alles. Die Zeit läuft ab … jetzt.“

„Eine Nacht bei Olaf ist eine Nacht bei Olaf.“
„Wer ist Olaf…?“
„Nun warten Sie. Ich hole ein bisschen weiter aus.“

Ein inzwischen klassisches Foto

„In den 90ern war meine größte Angst, dass jeder Tag wie der andere aussehen könnte. Dass ich jeden Abend vor dem Fernseher versacke und meiner immer dicker werdenden Lebensgefährtin nichts mehr zu sagen haben könnte. Ich hatte so viel Angst vor dem Murmeltiertag-Couchpotatoe-Dasein, dass ich damals die Grundlagen für das Leben legte, das ich heute immer noch führe. Vier Töchter von zwei verschiedenen Frauen, zwei Wohnsitze und vier bis fünf freiberufliche Jobs in der journalistischen Ecke der Automobilbranche.“
„Ich kenne ihr heutiges Leben, werter Sandmann, und ich verdiene damit gutes regelmäßiges Geld…“
„Ich weiß. Aber heute wünsche ich mir an so manchem Abend, vor dem Fernseher zu versacken und meiner immer dicker werdenden Lebensgefährtin nichts zu sagen zu haben. Tatsächlich bleibt aber die Glotze aus, mein halbfinnisches Fräulein Altona glänzt in einer nicht enden wollenden, nordischen Attraktivität und wir reden und reden jeden Abend, als hätten wir uns ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Um dann gegen 21:00 Uhr einzuschlafen, weil die Tage wirklich lang sind.“

„Ah…“

„Deshalb ist es so schön, meinen alten Schulfreund Olaf zu besuchen. Diese Abende laufen immer ähnlich ab, wir quatschen als hätten wir uns ein halbes Jahr lang nicht gesehen, was daran liegt, dass wir uns immer mindestens ein halbes Jahr lang nicht gesehen haben. Ich schlafe dann immer nach zu viel Wein und vielen emotionalen Geschichten neben meinem großen Töchterchen im ehemaligen Kinderzimmer auf einer Matratze und wache immer mit Rückenschmerzen auf, weil ich immer zu wenig Kopfkissen bestelle.“
„Sie behaupten, Ihre Zweitgeborene… warten Sie mal, die ist doch jetzt auch schon… 19 Jahre alt??… Also die fährt noch immer mit Ihnen da hin? Ernsthaft?“
„Ja! Strahlen Sie mal ein bisschen was positives aus, Doc. Ich bezahle Sie nicht dafür, dass Sie mir durch die Blume mitteilen, dass Sie mich und meine halbe Familie für bekloppt halten!“
„Entschuldigen Sie bitte. Fahren Sie fort.“
„Ja. Taunus.“
„Wie bitte?“
„Vergessen Sie’s. Also. Olaf. Dann gibt es immer ein köstliches Frühstück zusammen mit seiner Gattin Menni und deren Tochter Jette und dann nimmt der Tag so seinen Lauf. Ich liebe das.“

Das „kleine“ Meyerholz

„Ein sehr detaillierter und unglaublich aufschlussreicher Traum von Olaf, den wir beim Frühstück um die Wette gedeutet haben, lässt Mira und mich unseren klassischen Spaziergang durch Papas Kindheit heute an einer anderen Stelle beginnen.“
„Warten Sie warten Sie. Ein Traum? Was für ein Traum?“
„Das erzähle ich Ihnen nicht. Das ist jetzt meine Geschichte hier, nicht die von Olaf.“
„Hmmmmmm. Und wer ist Mira?“
„Herrgott meine Tochter!“

**schluck** „Entschuldigen Sie. Äh… Whiskey? Einen Canadian?“
„Ja. Gern. Ist der im Preis mit drin? Also wir parken den Taunus am Rand einer anderen Siedlung (das Titelbild) und zäumen das Pferd aus Gründen heute einmal von hinten auf. Hier laufen wir jetzt einerseits auf einem Teil meines Schulweges in der 5. und 6. Klasse, der Weg nennt sich Meyerholz und verläuft entlang des kleinen Flüsschens Wipperau zwischen dem Kanaltunnel und eben dieser Siedlung, in der das Auto steht.“
„Wer war dieser Meyer? Und warum ist ein Holz nach ihm benannt worden?“
„Ich… was? Was weiß ich? Irgend ein Bürgermeister oder ein Stadtrat oder sowas. Haben Sie sich als Kind Gedanken über die Herkunft des Namens der Straße gemacht, in der Sie aufgewachsen sind??“
„Ja.“
„Das… äh… egal. Also die Ansammlung von großen, alten Bäumen habe ich wie so Vieles wesentlich größer in Erinnerung. Aber die kleinen Trampelpfade abseits des gepflasterten Weges, auf denen ich mein damals schon betagtes, goldenes Klapprad mit dem schönen Namen Bob (frei nach dem schrottreifen, fliegenden Roboter aus dem Disney Film „Das Schwarze Loch“) querfeldein ritt, erinnern mich noch immer an Szenen aus E.T. Ich durfte damals halt kein BMX Rad haben. Aber Kinofilme haben mich und meine Fantasie stark beeinflusst.
Der Whiskey ist gut, kann ich noch einen haben?“

„Gern. Warte Sie… wenn es ein einerseits gibt, was ist dann mit dem andererseits? Meyerholz und so?“

„Ah. Langsam hören Sie zu. Das Meyerholz war damals auch Teil einer unserer sonntäglichen Spaziergänge. Es gab das „Kleine Meyerholz“, also von unserem Haus über die Felder, einmal am Kanal lang, das Meyerholz hoch, rechts ab durch die Siedlung und die Hauptstraße wieder zurück. Während mein Opa manchmal eine Sonntagszigarre rauchte und meine Eltern sich leise und besonnen über die bevorstehende Scheidung auseinandersetzten erzählte ich allen, die nicht zuhörten, endlose Geschichten aus den Lustigen Taschenbüchern mit Donald Duck und freute mich auf den kleinen roten Automaten auf halber Strecke, an dem man für 10 Pfennig dragierte Erdnüsse ziehen konnte. Ein Highlight. Die mag ich noch immer…

… das „Große Meyerholz“ schlug noch einen weiteren Haken, vorbei an Café Ebeling und seinen legendären Rumkugeln und am Ilmenaupark zurück.“

Der ewige Kanaltunnel

„Nach ein paar 100 Metern kommen wir zum Kanaltunnel. Haben Sie jemals meine Blogs gelesen? Dann würden Sie diese Orte inzwischen kennen.“ – „Ist das der, wo sich Ihre Mutter bei einem Fahrradunfall einen blutigen Fuß an der rauen Mauer geratscht hatte?“ – „Ja genau. Respekt. Die Sonne bricht durch die grauen Wolken, und für einen kurzen Moment ist das Licht einfach wundervoll. Meine dicke neue Jacke wärmt, und erstmals hat meine Tochter auch keine kalten Füße. Neue Schuhe und so, gestern gekauft.“

„Was empfinden Sie, wenn Sie ihren alten Schulweg gehen?“
„Ich empfinde schleichende Vergänglichkeit. Hier hat sich seit den 70ern kaum etwas verändert, und trotzdem ist alles anders. Es leben ganz andere Menschen hier, mit eigenen Geschichten und Schicksalen. Mein Elternhaus gehört schon lange jemand anderem. Markus‚ Eltern sind tot, das Haus ist verkauft. Olafs Vater lebt hier noch, seine Mutter ist im Heim, Michelle hat das Haus ihrer verstorbenen Tante übernommen und Klaus ist der letzte Mohikaner in unserer alten Siedlung. Den treffen wir heute Abend noch. Alle anderen sind weg.“

„Suchen Sie etwas? Wollen Sie wieder ein Kind sein, wenn Sie durch diese Straßen laufen?“
„Kann ich bitte noch einen Whiskey haben?“
„Selbstverständlich…“

Der höchste Punkt der Lüneburger Heide

„Wir kommen an dem alten Kiosk vorbei, also dem Neubau, ich hab hier immer jede Woche meine Micky Maus gekauft…“
„Sandmann, bei allem Respekt, aber ich glaube das erzählen Sie mir jedes Mal, wenn es um diese Kleinstadt geht…“
„Vermutlich haben Sie Recht. Aber habe ich Ihnen auch schon von dem Haus erzählt, in dem mein Schulfreund Holger gewohnt hat? Der, der sich später auf dem Weg zu mir totgefahren hat? An dem kommen wir auch vorbei, und am Friedhof, auf dem sein Grab inzwischen eingeebnet wurde. Ich drehe mich im Kreis. Ja – ich drehe mich im Kreis, und dadurch dass dieser kleine Spaziergang eigentlich immer genau gleich abläuft, bekommt er eine gewisse Konstante. Ein paar Dinge ändern sich eben nicht, und wenn es nur Erinnerungen sind.“

„Was ist denn, wenn Sie nicht mehr da sind? Was passiert dann mit diesen Erinnerungen?“
„Das sind genau die Fragen, wegen denen ich Ihnen heute in diesen 45 Minuten vermutlich die komplette Flasche leertrinken werde…“
„Warten Sie, ich helfe Ihnen ein wenig… so… Prost! Bin ja längst nicht mehr im Dienst um diese Zeit.“
„Prost. Meine Tochter und ich stehen auf der Brücke über den Elbe-Seitenkanal, auf der ich schon diverse Pathosmomente hatte.“

Die Engel bereiten sich vor

„Die Dezembersonne sinkt langsam über der spießigen Siedlung… wissen Sie, wir gucken gerade diese Miniserie, „Chernobyl“. Schrecklich und ergreifend, aber egal, jedenfalls sieht die untergehende Sonne ein bisschen aus wie der explodierende Reaktor. Oder wie die Hiroshima-Bombe. Wenig romantisch, wenn man mal drüber nachdenkt. Aber die ganze kleine niedersächsische Welt ist plötzlich in ein warmes, gelbliches Licht getaucht. Fast mediterran. Ich erzähle meiner Tochter zum vierten Mal – und Ihnen vermutlich auch schon zum zweiten Mal – dass ich die Brücke hockend in einem Höllentempo mit Rollerskates runtergekachelt bin und erst kurz vor der Kurve unten begann, darüber nachzudenken, wie ich eigentlich bremsen könnte. Sind Sie eigentlich betrunken??“
„Ich… äh… wie bitte? Wollen Sie noch einen? Is gut oder?“
„Ja, einen nehme ich noch. **burps** Entschuldigung. Haben wir noch Zeit? Ah, ja.“

„Wir sind heute das erste Mal ganz ohne Auto auf dem alten Feldweg, der an meinem Elternhaus vorbei zum Bauern führt. Weil das Auto ja hinter dem Meyerholz steht, wegen Olafs Traum. Aber zu Fuß ist das irgendwie auch schön. Es ist Rübenkampagne, die Zuckerfabrik produziert weißen Kram was das Zeug hält und der malzige Geruch liegt süßlich über der Stadt. Ich mag das. Es erinnert mich an graue Sonntage voller Zeit in einer Welt, in der meine Mama und mein Papa noch beide zu Hause waren…“

„Wir kommen immer wieder zurück auf Ihre Eltern, Sandmann. Sie merken das selbst, oder? *hick* Entschuldigung. Die sind als Paar nicht mehr da. Nie wieder. Die sind weg wie Ihre Kindheit. Sie sind ein alter Mann, und die Welt dreht sich weiter. Entschuldigen Sie meine offenen Worte. Aber ich frage mich noch immer, warum Sie diese Spaziergänge wieder und wieder machen… Noch einen Whiskey?“

Möge sich dieses Bild niemals ändern

„Ich hab noch. Danke.
Doc, ich weiß es doch auch nicht. Es fühlt sich gut an. Mir ist doch klar, dass ich nicht wieder Kind sein kann. Nie wieder. Dass ich jetzt bis an mein Lebensende Verantwortung für andere Menschen trage und nicht mehr in den Tag hineinleben kann, so wie damals, 1980. Ich kann pathetisch zurück blicken, das dann aber auch in der Vergangenheit ruhen lassen. Ich kann das. Bis ich wieder herkomme. Dann ist alles wieder da, dann sind die alten Orte wieder lebendig und die alten Freunde wieder bei mir. Habe ich Ihnen erzählt, dass wir am Abend auf den Weihnachtsmarkt gehen werden?“

„Machen Sie das nicht immer, wenn Sie in Uelzen sind? Mit so ner Tiffy und Engeln auf Leitern und Schnaps im Keller und so?“

„Äh… ja, fast richtig beschrieben. Und jetzt stellen Sie sich aber erstmal vor, Sie atmen tief ein. Sie riechen kalte, reine Luft und das leichte Aroma von süßem Malz. Sie hören…“

„… kanadischer Malz. Ich kann es deutlich riechen. *hick* Entschuldigung. Fahren Sie Ford.“

„… Sie hören die Geräusche der Stadt. Den Wind in den Büschen und Bäumen. Sie hören und riechen genau das, was Sie als Kind auch gehört und gerochen haben!“

„… und jetzt?“

1980… 2020… hier steht die Zeit still

„Ich hatte gehofft, dass Sie mir das sagen können. Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich das niemals rausfinden. Nicht mal mit der Hilfe von Ihnen. Oder einem Ihrer Kollegen.“

„Hallo? Sind Sie eingeschlafen??“

„Ich… was? Nein. Natürlich nicht. Ups? Ja die Zeit ist um oder? Wir sollten alle schlafen gehen. Und Sandmann – kommen Sie doch nächstes Mal zu den normalen Praxiszeiten, wenn sich das einrichten lässt. Ja?“

„Ja sicher. Bis dahin, und danke für den Canadian. Lecker. Das Geld liegt auf Ihrer Kommode. Haben Sie eigentlich immer noch was mit meiner Ex? Ich lauf mal lieber zu Fuß nach Hause. Wissen Sie was noch kommt? Ein Abend auf dem Weihnachtsmarkt mit einer Menge lustiger Leute. Und mit den angesprochenen Engeln auf den Leitern. Und mit einem Uhlenköper, der nicht mehr frieren muss. Und eine Nacht im Hotel, mit Badewanne und Anti-Falten-Creme. Ich lasse mal die Kindheit ruhen und ziehe mit meiner Tochter durch das weihnachtliche Uelzen des neuen Jahrtausends.“

Auf in den Abend.

Denn es geht immer weiter. Wir lesen uns.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

22 Responses to 3,6 Kilometer Kindheit

  1. Never ending Vergangenheitsbewältigung… kenn‘ ich auch aus eigener Perspektive! Ich glaube, Männer können emotionaler als Frauen sein. Wahrscheinlich muss das so…

    Gruß aus dem naßkalten Drebber

    • Sandmann says:

      Bester Andreas,
      oh ja, ich muss oft an dich denken, wenn ich solche Geschichten schreibe. Auch du hast da ja einen großen Rucksack zu tragen.
      Ich weiß nicht ob ich auf diese Art und Weise die Vergangenheit tatsächlich „bewältigen“ kann, oder ob ich in einer Dauerschleife aus Selbstmitleid und Angst vor Vergänglichkeit immer weiter rotiere. Aber dann ist das eben so. Ich bin gern in der alten Heimat, ich kenne da noch ein paar wirklich liebe Menschen und es ist immer ein Stück Freizeit und Loslassen. Wenn ich das so irgendwann mit ins Grab nehme, dann soll das eben so sein. Ich bin ein Scheidungskind, was aus seiner geliebten Umgebung rausgerissen wurde. Dieses Schicksal teile ich mit tausenden anderen, daran zerbricht man zum Glück nicht. Wenn wir mal ehrlich sind handelt es sich da sogar um Luxussorgen, andere Menschen haben noch viel schlimmere Geschichten zu stemmen. Aber schlimmer geht immer. Und meine Vergangenheit ist nun einmal mein Thema, ich lebe das, um jeden Tag wieder nach vorn gucken zu können. Klappt einigermaßen 😉

      Auf ein Wiedersehen in 2020, mein Guter. Grüße an die Frau Gemahlin, und fahr vorsichtig.
      Sandmann

      • … obwohl ich „NUR“ zehn Jahre älter bin als Du, befürchte ich, dass dieses Gedankengut dem Altern geschuldet ist. Ich frage mich oft, warum man seiner Umwelt die alten Kamellen (seine ureigensten Probleme) immerwieder vorder- oder hintergründig mitteilt. Vielleicht ist ja geteiltes Leid nur halbes Leid. Oder ist es der Wunsch nach kollektivem Wundenlecken? Oder gar die Zurschaustellung der erlittenen Verletzungen als Zeichen von Märtyrertum?

        Ich weiß es nicht – ehrlich gesagt ist es mir so langsam auch egal. Jeder muss sein Leben irgendwie überstehen – jeder muss einen Weg durch sein Tal der Tränen finden. Ich finde es auch durchaus okay, „seinen Scheiss“ in Worte und Formulierungen zu fassen – Geschriebenes ist geduldig… und man ist das, was einen immer so drückt, losgeworden. Durch die verbale und schriftliche Bearbeitung setzt man sich mit der Vergangenheit auseinander. Man sieht sie oftmals auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Mir persönlich macht das die Verarbeitung oftmals leichter.

        Aber selbst, wenn Du glaubst, das nun innerlich Klartext geschrieben ist – wirst Du Deine Vergangenheit niemals abschütteln können. Es ist wie das bekannte Video, was von der ersten bis zur letzten Sekunde Deines Lebens unweigerlich aufgezeichnet wird. Es gibt kaum eine Situation, die Du nicht irgendwann schonmal erlebt hast. Und Dein Kopf hat hinterrücks den ganzen Tag nichts besseres zu tun, als (aufgezeichnete) Verhaltensmuster zu checken und mit dem Hier und Jetzt abzugleichen.

        Ja – auch ich würde mich über ein Wiedersehen in 2020 freuen. Mal sehen, was daraus wird. Es steht Einiges an, in dem bevorstehenden Jahr. Ich bemerke, dass ich mich verändere, verhaltener werde. Denn alles andere kostet mich zuviel Energie, die ich einfach nicht mehr aufbringen möchte.

        Grüße auch Du Deine Mädels…
        und – klar – fahr‘ ich vorsichtig (das weiße Fahrschulauto ist knapp drei Jahre alt und hat schon wieder fast 180.000 Kilometer auf dem Tacho)

        Andreas

        • Sandmann says:

          Bester Andreas,
          oh ja, oh ja. An den rausgeschriebenen Klartext glaube ich allerdings selbst nicht. Dann würde ich ja nicht immer, wenn ich in Uelzen war, einen ähnlichen Sermon absondern. Vielleicht schreibe ich einfach gern drüber und freu mich, wenn es viele lesen. Opa erzählt vom Krieg oder sowas 😉

          In diesem Jahr läuft für mich wieder einiges entspannter als im vergangenen. Die Kinder sind in der Schule und der Kita, das macht die Tagesplanung und die Reisemöglichkeiten wesentlich einfacher. Beruflich wie privat. Und ich komme tagsüber endlich wieder einmal dazu, strukturiert zu arbeiten. Man wundert sich doch, wie das zehrt, wenn das nicht möglich ist. Ich hatte das unterschätzt.

          Fühl dich nebst Olivia herzlich und ganzjährig auf einen Besuch in Kiel mit Gästebett oder Stromkabel zum Bulli eingeladen. Und Drebber ist ja auch keine Weltreise. Ich bin da voller Optimismus.

          Sandmann

  2. MainzMichel says:

    Zum Glück kann ich solche Geschichten lesen, ohne viele Parallelen zu meinem Leben zu ziehen. Meine Eltern leben noch zusammen in der kleinen Wohnung im Mainzer Vorort, in der ich und meine ältere Schwester groß wurden. Anmerkung: Zu viert in einer 45m²-Mietwohnung, es hat funktioniert. Das ist nur zwanzig Kilometer von meinem jetzigen Wohnort entfernt, trotzdem (oder deswegen?) bin ich nur etwas mehr als selten dort. Nicht wegen den Eltern, da ist alles im tiefgrünen Bereich, aber der Ort gibt mir kaum noch etwas. Klar, wenn ich vor meiner alten Grundschule oder ähnlich kindheitsprägnanten stehe, keimt die ein oder andere Erinnerung auf, aber so tiefgreifend wie Du denke ich mich nicht zurück. Die meisten Kumpels sind weggezogen oder ich habe keinen Kontakt und der Vorort an sich verkommt meiner Meinung immer mehr. Ständig mehr Menschen mit Migrationshintergrund ziehen dorthin, das wollen wir aber hier nicht thematisieren. Wenn ich bewusst darüber nachdenke, sieht noch sehr viel wie früher aus, aber es gibt mir halt nicht allzuviel. Da finde ich die im Abstand von fünf Jahren getakteten Klassentreffen, die ich mitorganisiere, sehr viel interessanter.
    Ich lebe gern hier und jetzt, auch wenn einige Erinnerungen natürlich schön sind. Meine richtig guten sind eh‘ so um meine Volljährigkeit, wenn wir mit den ersten Autos herumgefahren sind und wir uns langsam abgenabelt haben.

    Adios
    Michael

    • Sandmann says:

      Bester Michael,
      tatsächlich gibt es ja ab einem bestimmten Alter ZWEI Vergangenheiten. Die Kindheit und die Vergangenheit des eigenen, jungen, erwachsenen Lebens.
      So wie du mit deiner elterlichen Wohnung und der Umgebung umgehst sollte der normalste Weg sein. Du bist irgendwann ausgezogen, und ab dann schreibst du deine eigene Geschichte mit eigenen Erlebnissen. Die Welt dreht sich weiter, und der Ort, an dem du aufgewachsen bist ist zwar noch genau so da, gibt dir aber nichts mehr. Weil du kein Kind mehr bist und heute deine Prioritäten anders legst.
      Meine Orte sind nicht mehr da, das ist vielleicht ein Unterschied. Also klar, die Stadt, die Siedlung, die Schule, das alles gibt’s ja noch. Aber mein Elternhaus ist seit meinem 12. Lebensjahr ein anderes, in Plön, was ich auch sehr schätze (und meine Mutter und mein Stiefvater leben da auch heute noch), aber es ist eben nicht DAS Elternhaus. Da haben meine Großeltern noch bis um 1990 gelebt, nach dem Tod meines Opas ist es verkauft worden und meine Oma zog auch in eine kleine Wohnung nach Plön. Näher zur Tochter. Es ist einfach alles weg. 1983 wurde ein Schnitt gemacht, und wenn ich heute da bin hat sich der Ort nicht weiterentwickelt zu etwas, wo es mich nicht mehr hinzieht. Sondern die Zeit ist stehen geblieben. Weil ich weg war. Und das macht es glaube ich besonders. Wäre ich dort nicht aufgewachsen, ich würde Uelzen nicht mit dem Arsch angucken. Aber weil es so ist, ist es für mich ein magischer Ort 🙂

      Die eigene Vergangenheit der jungen Volljährigkeit kommt so langsam zu mir zurück. Kiel ist voll davon. Ich habe da in so vielen Wohnungen gelebt, dass die ganze Stadt für mich voller kleiner Geschichten steckt. Und das schönste daran ist – sie gehen ja immer weiter. Jetzt nabeln sich meine eigenen Kinder langsam ab, also die beiden großen aus meiner ersten Runde. Sie sind aber noch immer sehr Pro-Papa, ich möchte nicht ausschließen dass wir in diesem Sommer wieder nach Südfrankreich fahren **yayyyyy** 😀

      Lass uns Geschichten erleben! Alle miteinander. Ich hab hier noch ne Mofa für dich liegen, schauen wir mal wann ich dir die bringen kann 🙂
      Sandmann

  3. MainzMichel says:

    Wenn die Töchter weiterhin Pro-Papa sind, und davon zeugen Deine Berichte hier, hast Du nicht falsch gemacht. Zumindest nichts Wichtiges. Und das ist Gold wert. Mein kleiner Mann (mein einziges, das dritte meiner Frau) ist auch noch Pro-Papa. Oder besser Pro-Eltern. Aber das sollte mit kurz vor zwölf auch noch so sein. Warten wir ab, wie es weitergeht.
    Ja, so ein bewegendes Leben wie Du hatte ich nicht. Allerdings vermisse und brauche ich das auch nicht. Denke ich, denn ich weiß es ja nicht anders. Aber ich genieße es. Mal mehr, mal weniger, aber im Großen und Ganzen ist bei mir so alles Paletti. Dein Umgang mit der Vergangenheit ist für mich sehr interessant, ich lese es sehr gern. Vielleicht weil ich es so einfach hatte. Da ziehe ich meinen Hut vor Dir, andere schaffen das nicht so.
    Das Mofa hat Zeit, irgendwann passt das schon.

    Adios
    Michael

    • Sandmann says:

      Ay Michael,

      manchmal frage ich mich, warum ich diesen immerwährenden Seelenstrip hier mache. Am Ende ist es ja immer wieder das gleiche. Und es dreht sich immer wieder um die gleichen Themen, wenn ich in Uelzen bin.
      Und dann denke ich immer: „Das will doch keiner lesen“. Stimmt aber nicht. Sind die meistgelesenen Artikel im Blog. Ich sollte Therapeutische Bücher schreiben 😉

      So richtig „schwer“ hatte ich es ja gar nicht. Ja nun, Eltern haben sich scheiden lassen als ich 10 Jahre alt war, und dann der Umzug nach Schleswig-Holstein. Da bin ich ja in guter Gesellschaft. Andere haben ganz andere Probleme aus ihrer Kindheit mitgenommen. Ich bin nie geschlagen worden, musste keine Not leiden, bin in einem privilegierten, wohlhabenden Haushalt aufgewachsen, hatte liebevolle Großeltern statt Kita, musste noch kein Elternteil beerdigen und was einem sonst noch so einfällt….
      Der Punk kam eigentlich erst vor rund 8 Jahren. Da ging mein Leben plötzlich seltsame Wege, und viele davon habe ich nicht selbst verbockt oder verbaut. Aber auch da kann man sich wieder rausarbeiten. Wenn man nur durchhält und optimistisch ist.
      Aber das ist einer der Gründe, warum ich meine Vergangenheit besuche. Das letzte Jahrzehnt war wirklich krass. Und in Uelzen ist nichts mehr krass für mich. Da hat mir niemand was getan, da hat mich niemand je verklagt und da gab es auch kein Mord oder Totschlag. Da war ich nur Kind. Das war toll.

      Sandmann

  4. Baur-eta says:

    Ich glaube, ich sollte auch mal wieder eine Expedition in den Ort meiner Kindheit machen. Hegau statt Schwarzwald. Nein ! Ich sollte nicht, ich muss ! Wie ich erfahren habe wird meine Realschule abgerissen. Da brauche ich dringend noch das ein- oder andere Foto ……………..

    • Sandmann says:

      Ayayay….
      Das solltest du tatsächlich tun. Spätestens wenn die Schule nicht mehr genutzt wird und zu einem Lost Place verkommt. Das stelle ich mir ziemlich gruselig vor, davor wird sich eins deiner Schlachtschiffe gut machen 🙂

      Und auch sonst…
      Mit persönlich geht es immer etwas besser, wenn ich mal wieder im Damals gegraben habe. Das gibt mir Kraft, um weiter nach vorn zu gucken. Ich habe meine Wurzeln gesucht und immer wieder gefunden. Sie sind noch nicht ausgerissen, das sorgt für festen Halt in einer immer verrückter werdenden Welt…

      Sandmann

  5. Thomas McThomas says:

    „Was ist denn, wenn Sie nicht mehr da sind? Was passiert dann mit diesen Erinnerungen?“

    Verdammte Hacke, Sandmann, das war jetzt aber mal ein Volltreffer in mein Gedankenkontor. Und ich wohne im Haus meiner Großeltern – direkt neben meinem Elternhaus, das auch nach wie vor von denen bewohnt wird. Kannst du dir ausmalen, wie da der Erinnerungsmix aussieht bzw. wie man dabei immer irgendwo Kind bleibt?

    Abseits davon: Mäd Props, wie wir Cool-People sagen. Bei dem Artikel kam das schreiberische Ausnahmetalent, das ich dir schon seit Jahren klammheimlich attestiere, unübersehbar raus.

    So, genug geschleimt 😉

    PS: Nach abermaligem Lesen des Artikels (und Kenntnis deiner anderen Uelzen-sehnsuchtigen Artikel) bilde ich mir ein, zu wissen, was du willst. Und ich glaube, du weißt es auch, oooda?

    • Sandmann says:

      Ay Thomas,

      auch wenn ich dir schon auf Facebook mit Androhungen von Weintrinkereien geantwortet habe, hier auch noch einmal. Facebook haben ja nur noch wir alten Männer 😉

      Natürlich, wenn ich weg bin, dann erinnern sich noch meine Kinder an Dinge, die gewesen sind. Aber längst nicht an alle. Und was die nicht weitergeben, das verschwindet von der Erdoberfläche. So war das schon immer, so wird es bei den meisten von uns immer sein. Wenn ich durch das abendlich erleuchtete Hamburg laufe und mir vorstelle, dass hinter jedem fucking Fenster da oben in den ganzen Häusern ein Leben gelebt wird, eine Geschichte geschrieben und Leid und Freud bei jedem einzelnen Menschen auf diesem Planeten kommen und gehen… dann fühle ich mich plötzlich sehr klein und unwichtig.

      Einen kleinen Ausschnitt aus meinem Leben gibt es ja hier im Netz. Ich weiß gar nicht, wo der sein Haltbarkeitsdatum hat. Und wenn wir irgendwann mal weg sind – dann kommen andere. Da wir dann aber weg sind, interessiert uns das ja genaugenommen auch nicht mehr 🙂

      So long
      Sandmann

  6. Philipp Gerken says:

    Ahoi Sandmann!
    Mal wieder eine schöne Heimatgeschichte von Dir (das klingt schon wieder so AFD-mässig belastet; aber ich glaube das Wort trifft es ganz gut).

    Ich bin erst gestern wieder durch Deine Heimat-hood gekommen.
    Schönes Gespule von CE via B191 nach UE. So wenig Verkehr habe ich lange nicht auf der Strecke gehabt. Kommt ja auch viel LKW-Verkehr aus Richtung Hannover über UE Richtung Hamburg.
    Am nördlichen Ortsausgang von UE – wobei „Ort“ ist vielleicht das falsche Wort – man kann ruhig Stadtausgang sagen, gibt es diesen schönen Kreisel, wo gleich die zweispurig ausgebaute B4 anschliesst.
    Mein Bruder auf dem Beifahrersitz: „Oh, das ist aber ein schön gleichschenkliger Kreisel.“ Er meint damit, die Zu- und Abfahrt vom Kreisel. 😀
    https://1.bp.blogspot.com/-jgtlVdo8kfg/Xhrta-pVQDI/AAAAAAAAJms/qm2hMrD8gpMwexx4W72m12GX0kFQitSfQCLcBGAsYHQ/s1600/200111_%25C3%259CLF_3.jpg

    Ab da gings dann über LG am Schiffshebewerk vorbei nach Lauenburg und dann parallel zur Elbe entlang. Da bei Geesthacht ist die Landstraße schön hügelig und es macht tatsächlich Spass ein bisschen schneller zu fahren. Und dann hinter Geesthacht immer die kleinen Landsträßelchen entlang der Elbe. Quasi kein Verkehr und viele Reetdach-Häuser. Ziel mal wieder HH-Ciddy. Da ist ja auch ein Teil der Family verwurzelt.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich komm‘ ganz gerne durch ‚Deine‘ Gegend. Fühlt sich für mich auch immer noch etwas nach Zuhause an; obwohl Hannover nun auch schon etwas weiter weg ist. Die Kumpel früher in LG besucht und oft direkt durch UE gekommen und auch mal im Aussendienst dort Klinken geputzt.

    Ich denke das Schreiben hilft einem selbst die Geschichte und Rückblicke zu verarbeiten. ‚Irgendwann‘ kommt der Punkt, wo man gerne zurückblickt. Das kam bei mir mit Ende 20 (jetzt 31) das erste Mal auf. Bist also unter Gleichgesinnten. 😉

    • Sandmann says:

      Bester Philipp,

      danke für deine Zeilen und die Beschreibung einer Strecke, die ich nur zu gut kenne 😉 Herrlich.
      Die B4 zwischen Uelzen und Lüneburg hat für mich noch zwei weitere Faktoren, die immer präsent sind. Einmal sind da das „Bermuda-Gradeck“ zwischen dem Fischimbiss und Angelteich Grünhagen (von Uelzen kommend) und dem Ortsschild von Melbeck. Oder wenn du aus dem Norden kommst eben andersrum. Da bin ich schon drei! Mal havariert, einmal mit einem Platten am Fahrrad, einmal (unrettbar) mit einem Ast im Kettenspanner vom Fahrrad und einmal mit meinem ersten Taunus, da ist mir ein Zündkabel auf den Krümmer gesackt und durchgeschmort. Komische Gegend. Ich hupe jetzt immer, wenn ich da durch bin 🙂

      Und dann die vielen Kreuze entlang der der B4. Die meisten kommen von zu knapp Überholenden während der Rübenkampagne im Herbst. Ich hatte mal die Idee, da eine Geschichte drüber zu machen. Angehörige zu befragen, Fotos zu recherchieren. „Die Toten der B4“ Das war mir dann aber doch eine Nummer zu tragisch…

      Hab gute Zeiten. Und wenn ich nächstes Mal am gleichschenkligen Kreisverkehr 😀 vorbeikomme werde ich an euch denken!
      Sandmann

  7. Martin says:

    Hi Sandmann,

    vielen Dank für diese Geschichte, die zwar diesmal wenig mit Autos zu tun hatte, aber trotzdem sehr schön war. Etwas traurig vielleicht…
    Erinnert mich daran, wie ich manchmal in meiner alten Heimat alte Freunde besuchte, und mich wunderte, dass auch bei denen die Zeit weitergelaufen war… Und jetzt, nach einigen Umleitungen, Abkürzungen und Sackgassen, die das Leben bereithält, gibt das Zurückblicken auf den Ort der Kindheit vielleicht etwas beruhigendes. Manches besteht noch, vieles ist ganz anders. Die Welt hat sich auch ohne uns weitergedreht. Und ich denke, das ist in Ordnung so…

    mfG Martin

    • Sandmann says:

      Ay Martin,

      ja, dass die Welt sich auch ohne uns weiterdreht ist sehr in Ordnung. Und auch normal, das hat sie schon immer gemacht 🙂

      Aber für mich sind ein paar Kleinigkeiten, die dann eben DOCH noch immer wie früher sind, ein kleiner Anker. Ein Fels in der Brandung der sich schneller drehenden Welt. Ich brauche das ab und an, um mir zu beweisen, dass ich eben DOCH unsterblich bin. Dass das vielleicht nicht so sein könnte wurde mir schon einmal gesagt, das glaube ich aber noch nicht.

      Sandmann

  8. Maik Mugato says:

    Guck mal, er wird wieder melancholisch. Liest sich aber auf jeden Fall spaßiger, als wenn du nervig politisch wirst, da möchte ich dir jedes mal eine große Packung Snickers schicken…

    Ich werde auch immer melancholisch, wenn ich über die schöne Zeit meiner Kindheit sinniere, in unserem fast 100 Jahre alten Ex-Pastorenhaus, das leider für ein pseudomodernes Wohngrab abgerissen wurde.

    Als ich vor einigen Jahren mal an der Einfahrt stand, und gedankenverlorend auf diesen Betontod starrte, kam sofort einer der neuen Bewohner raus, und fauchte mich an, was ich da zu suchen hätte… Haben anscheinend auch kein gutes Leben.

    Wie dem auch sei. Lese deine Heimatberichte nach wie vor gerne, nur iss bitte öfter mal ein Snickers, okay?

    Gruß vom grantigen Ruhrpottler

    • Sandmann says:

      Ay Maik,
      Snickers gehören zu meinem täglich Brot 🙂 Aber zur Altersmilde kommt bei mir parallel eine schwindende Toleranz gegenüber grobem Schwachsinn und blindem Hass. Große politische Äußerungen wirst du von mir hier wenn, dann nur sporadisch lesen. Aber meine Meinung gegenüber Menschen, die grundlos hassen und ihr eigenes Versagen oder ihre eigene Unzufriedenheit unreflektiert auf andere Unbeteiligte abbilden formt sich täglich fester. Solche, die dich aus ihrer Einfahrt vertreiben, weil du da „nichts zu suchen“ hast. Sowas mag ich nicht.
      Gleichzeitig schimpfe ich aber nicht mehr gegen Menschen, die ihre Autos besser pflegen als ich 🙂 Versprochen.
      Sandmann

  9. Hans-Ulrich Neumann says:

    Es ist wohl einer der Folgen, wenn Eltern sich trennen, bevor man wirklich erwachsen ist. Kinder brauchen Vater und Mutter, auch wenn so mancher im neuen Zeitgeist da anderer Ansicht ist. Es ist im Grunde immer noch so, wie es im Alten Testament steht, „darum verläßt ein Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an…“ Von einer Geborgenheit in die andere. Wenn Eltern sich trennen, dann muß es wohl so sein, wie ein Film, der abrupt aufhört, der kein wirklich Ende, schon gar kein „Happy End“ hat. Und dann sucht man da anzuknüpfen, wo es aufhörte – man sucht und findet es doch nicht. Wenn man dann noch feststellt, daß es eben nicht wie bei einem Film ist, den man zurückspult und es ist eben wieder genau alles wie beim letzten Ansehen, sondern es sich viele geändert hat, dann kommt die Wehmut hoch, dann merkt man, daß man es nicht fortführen kann, sooft man immer wieder an den Punkt „zurückspult“, sooft man versucht, Dinge, wie z.B. die Autos von Damals als Vehikel mit in die Szene zu nehmen. Denn die wichtigsten Protagonisten, sie nicht nicht mehr da, Mutter, Vater – als gemeinsames Elternpaar. Ich bin froh, daß mit selbst die Erfahrung erspart geblieben ist, aber es sind die drei Kinder, die nun auch junge Erwachsene sind, die meine Frau mit in unsere Ehe gebracht haben, die das erlebt haben. Ja, beide Eltern leben noch, beide sind aber neu verheiratet. Wir haben Kontakt. Und ein wenig versuche ich, den „Kindern“ ein wenig davon zu geben, wonach sich ihr Herz doch so sehr sehnt. So haben wir ihren Vater und seine Frau schon zweimal zu Weihnachten hier gehabt. Die „Kinder“ haben beide Eltern gleichzeitig am selben Ort. Nein, sie sind kein Paar mehr, werden es nie mehr sein. Wie kommt man denn als Mann, dessen leibliche Kinder es nicht sind, auf so eine Idee? Nun, Paulus schriebt, daß es Glaube, Liebe und Hoffnung gibt, die Liebe aber das Größte von allem sei, wer alles tue, alles wisse, alles könne, der ist nichts, wenn der die Liebe nicht hat. Spät habe ich das erfahren, nachdem ich wirklich Nachfolger Christi geworden bin. Er heilt, er ist der, der auch Ausgleich schafft und uns tröstet. Nein, ich kenne das Gefühl nicht, getrennte Eltern zu haben, bevor ich erwachsen werden konnte, dennoch hätte ich auch heute noch gern meine Mutter in meinem Leben, sie starb 2007 an Krebs. Doch mein Vater, er lebt noch, er ist mittlerweile 97 Jahre alt, lebt noch allein und ist – im Anbetracht seines Alters – wirklich fit. Was zeigt uns das? Wir sollen nicht klagen, was wir nicht (mehr) haben, sondern uns an dem erfreuen, was wir hatten und noch haben. Wenn es Dich immer wieder nach Uelzen zieht, so zeigt es doch, daß Du glückliche Jahre dort hattest, auch wenn sie so unvermittelt und so endgültig verloren waren. Du hast nicht nur eine Familie verloren, sondern auch gleich die Heimat, das Umfeld. Wenn die Menschen ehrlicher wäre, so mancher könnte erzählen, wo er Brüche und Niederlagen erlebt hat, was schwer zu verdauen war. Doch heute wollen alle nur stark, erfolgreich und frei von Problemen erscheinen – sie sind es nicht. Dein Blog zeigt viel von Dir, das ist authentisch und deswegen so wichtig. Das sind die leisen Töne in der Kakophonie der Selbstdarsteller und Gernegroße, aus dem Holz sind die Helden des Alltags geschnitzt, die sympathisch sind. Es gibt immer weniger davon, bekannte, wie unbekannte, es sind die Jan Fedders und die Gunter Gabriels des Alltags, oft „auf die Fresse“ bekommen, aber wieder aufgestanden, gemacht, getan und nicht geklagt.
    Schön, daß Du auch Deinen Kindern zeigst, daß Du nicht der „Held“ ohne Schwächen bist, sie mit hineinnimmst, so verstehen sie Dich besser. Ich denke, da bist Du ein guter Vater. Du schaffst in Ihnen die Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben – in ihren Leben – während wir längst – je nach Sichtweise – beim HERRN sind oder die Radieschen von unten ansehend Regenwürmer sortieren.

    • Sandmann says:

      Ay Hans-Ullrich,

      hey nach so langer Zeit auch mal wieder ein paar Zeilen von dir hier. Das freut mich. Auch wenn dein Text vielen wohl etwas zu viele Querverweise auf die Bibel haben mag, in deinem Inhalt bin ich ganz bei dir. Danke, dass du uns diese tiefen emotionalen Einblicke gegeben hast.
      Es ist wirklich schräg, wie unterschiedliche Menschen sich zu unterschiedlichen Geschichten hier äußern. Vielleicht schreibe ich deshalb so gern. Weil man, je nach Thema, immer wieder andere aus dem Dunkeln lockt und ihnen ein paar Äußerungen abringen kann 🙂 Das freut mich.
      Einen schönen Abend
      Sandmann

  10. Hallo,lieber Sandmann ,
    plötzlich ist man hier auf der angenehmen Seite in Deiner Welt,
    man denkt vielleicht aufdringlich es wahrzunehmen, aber wir
    Leser dürfen es, vielen Dank für die geistige Vielfalt und das
    ansprechende Design. Werde es den Mitgliedern von
    Nordbuch e.V. in Kiel als Anregung weiterleiten, auch unserem
    jungen Webmaster, der solche Gedanken aufnehmen kann.
    Alles Gute, Ingo

    • Sandmann says:

      Ay Ingo,
      haha grad noch mit dir einen Heizkessel in den Garten getragen und nun schon als Leser hier 🙂 Das freut mich.
      Dein junger Webdesigner wird vermutlich bei meinem „Design“ hier eher schmunzeln. Das ist eine einfache WordPress Seite, und ich habe den Aufbau bewusst eher konservativ gehalten. Viele aktuelle Webseiten sehen wesentlich spektakulärer aus. Mich nervt das aber eher.
      Vielleicht findest du ja noch andere Beiträge hier, die dir gefallen. Es sind inzwischen ja ein paar mehr 😉
      Und hol mal den Kessel ab, der friert hier…
      Sandmann

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