Der Abend vor dem Morgen danach.

Das könnte auch Südfrankreich sein.

Das könnte auch Südfrankreich sein.

Was mache ich, wenn ich mich eine Woche lang zum Arbeiten in Dänemark verschanzt habe? Arbeiten. Okay. Was noch? Essen, trinken, Musik, schlafen. Und – Autofotos! Dass ich dieses Mal nicht mit dem geliebten Taunus gefahren bin hatte zwei gute Gründe: Der Schnee und das Salz vom Hinweg wären nicht gut für ihn gewesen. Und der Scorpio war bisher noch kein Sonnenuntergangs-Protagonist. Vermutlich war er das noch nie bei irgend jemandem jemals. Ihr könnt ihn mögen oder hassen, ich fahre den heute trotzdem an den Nordseestrand und mache die Bilder, die ich so mache, wenn ich hier bin. Pathos, Licht und Schatten, Rost und Spaß. Kommt ihr mit? Es wird eine rauschende, chromfarbene Meeresorgie, von der ich mich erst am nächsten Morgen erholen werde. Aber ich will vorher noch einen Hotdog essen.

Dänemark ist Hot Dog.

Kein Dänemark ohne Pölser Hotdog!

Kein Dänemark ohne Pölser Hotdog!

Da und auch nur da schmeckt ein Hot Dog, wie ein Hot Dog schmecken muss. Mit allem drauf, frische Zwiebeln, Röstzwiebeln, rote Sauce (ich weigere mich, das Ketchup zu nennen), gelbe Sauce und weiße Sauce (ich weigere mich, das Remoulade zu nennen), Sennep, viele dänische Gurken und nach Möglichkeit eine rote Wurst. Risted. Warum plötzlich auch Burger King und Mc Donald’s in einigen ihrer Pommesbuden Hot Dogs verkaufen ist mir schleierhaft. Ich will doch da keinen Hot Dog essen?? Genau so, wie ich beim Italiener keine Pizza mit Gyros und Reis essen will (dafür gehe ich dann zum Griechen) oder im Eisladen keine Sorten wie Schwarzbrot-Ingwer oder Rote Beete Papaya brauche. Ich bin irgendwie Lebensmittel-Clean. Hot Dog muss Dänemark. Die Gottheit der Toleranz straft mich umgehend mit einem Windstoß, und die leckeren Gurkenscheiben wehen mit einem leisen Klatsch auf den Fußweg 🙁 Na super. Die einzige Frage, die nach einem echten Hot Dog in Dänemark noch offen bleibt ist: Esse ich jetzt gleich noch 12 weitere? Nein. Heute nicht, nicht jetzt, ich will an den (Henne) Strand.

Sich mal gehen lassen. Toll hier.

Sich mal gehen lassen. Toll hier.

Genaugenommen will ich erst einmal auf den Parkplatz AM Strand, die Sonne steht noch eine Idee zu hoch für den klassischen Lone Wolf Pathos, der mir vorschwebt. Hier liegen ein paar Bunkerreste rum, auf die man toll die Kamera stellen kann. Auch wenn die 10 Sekunden des Selbstauslösers den Weg von der Kamera zurück zum Objekt zu einer echten Herausforderung werden lassen. Und hier ist jede Menge Sand für den Sandmann. Dieses Auto wird kein Auto für die Ewigkeit sein, nicht einmal in meinen persönlichen Definitinen von Ewigkeit. Also widme ich ihm ein bisschen Raum in meinem eigenen kurzen Zeitstrahl zwischen 1971 und X. Ich finde, der freundliche Fisch™ hat es verdient.

Haubensitzen reloaded

Haubensitzen reloaded

Salz und Sand

Hier in den klaren Kontrasten des frühen Abends wird erst so richtig offensichtlich, wie viel Salz das große Auto aus Köln allein auf dem Weg von Kiel an die dänische Nordseeküste geschluckt hat. Es ist regelrecht gepökelt. Ein guter Moment, um die fehlende Typenbezeichnung am Heck zu ergänzen. Scorpio ist doch so viel mehr als nur ein Sternzeichen, vielmehr steht hier am Strand ja die letzte Ausbaustufe des Granada. Finde ich. Und man beachte die sagenhaft fortschrittlichen Abstandssensoren im Stoßfänger. Ein herrliches Feature, was seine Signale piepend auf eine kleine Ampel im Heizlüfterformat auf der Hutablage sendet. Ich mag diesen unbeholfenen Technikmist aus den 90ern sehr. Auch wenn ich nie ein Auto mit Abstandswarnern haben wollte. Allerdings wollte ich auch nie ein Auto mit einem dritten Bremslicht. Mist. Ich werde weich.

Am Ende ist es auch nur ein Granada.

Am Ende ist es auch nur ein Granada.

So nach und nach wird das Licht gelblicher und der Horizont gegenüber bläulicher. In meinen Taschen, meiner Hose und meinem Kragen sind nennenswerte Mengen Sand und Kieselsteine und es wird Zeit, der Sonne und dem Tag gute Nacht zu sagen. Der eine, dieser einzige sagenhafte Poller zwischen Parkplatz und Strand steht noch. Der, an dem noch die alte Kette hängt, an die ich schon vor vielen Jahren den Audi V8 angebunden hatte. Alles andere hier hat sich sehr verändert, hier ein Kiosk, da ein Kunstwerk, dort aufgeschüttete Dünen mit Sitzbänken drumrum. Henne rüstet auf für den Sommer.

Historischer Leinenzwang

Jetzt hänge ich den korrodierenden Kettenrest in die Abschleppöse des alten Ford. Er langweilt sich manchmal, wenn man ihn allein auf einem Parkplatz lässt. Dann fährt er suchend rum und hupt fragend. Das ist dann peinlich. Also, Fordi, schön hierbleiben. Feiiiiiin. Papi geht kurz runter ans Wasser, die sinkende Sonne fotografieren. Wenn du brav bist bekommst du nachher auch einen Schluck Einspritzanlagenreiniger. Ja feiiiiin.

DU wartest jetzt mal feiiiin hier.

DU wartest jetzt mal feiiiin hier.

chchch 😀 Na der wird nicht weglaufen.
Und schon ist es wieder einer dieser Abende an der Nordsee. Der letzte. Die sehen auch auf Sylt wunderschön aus, aber hier oben ist einfach mehr Platz. Mehr Platz für die Augen, für den Kopf und für das Herz. Wenn die Wellen sich langsam beruhigen, kommt irgendwann dieser Moment, an dem die vielen Möwen landen und einen kurzen Augenblick lang still sind. Die Fische hören auf, ihre Seemannslieder zu singen und die Muscheln lassen das Rülpsen sein. Es sind nur wenige Minuten. Alles scheint den Blick in Richtung der untergehenden Sonne zu wenden und sich zu fragen, was der kommende Tag wohl alles bringen mag. Was allein schon die kommende Nacht parat halten wird. Und einige denken über den Tag nach, der vergangen ist. Meine Tage hier in Dänemark ähneln sich ein bisschen, aber sie sind alle wunderschön. Gelebtes Alleinsein, arbeitsreiche Tage mit kreativen Stunden. Bilder im Kopf. Und das alles zieht mit Lichtgeschwindigkeit an meinen Augen vorbei, wie ein langer Traum, der tatsächlich nur ein paar Sekunden dauert.

Alte Männer und alte Bänke

Alte Männer und alte Bänke

Seit ich begriffen habe, dass ich mit meiner Buchung mitten in die erste Osterferienwoche von Niedersachsen und Bremen reingerutsch bin erstaunt es mich umso mehr, wie wenig Menschen hier heute Abend sind. Machen die in Dänemark etwa genau das, was sie auch zu Hause machen? Deutsches Essen kochen, ab vor die Glotze und ins Bett? Hm. Na jeder wie er mag. Den Fernseher habe ich in diesen Tagen noch keine Minute angehabt, da sehe ich sowieso nur schlimme, bildgewaltige Nachrichten und von Werbung zerfressene Banalitäten. Ich mache mein eigenes Programm.

Besser als fernsehen

Und heute Abend habe ich ausnahmsweise sogar das Stativ für die Kamera dabei 🙂 Eigentlich suche ich mir für Selbstauslöserbilder immer irgendwelche Mülleimer oder Baumstümpfe, auf die ich den Fotoapparat stelle. Manchmal fällt er auch nicht runter, bevor das Bild fertig ist. Derartige Utensilien sind an einem Strand aber genau so selten wie auf einem Leuchtturm, also muss es heute Abend einmal die absolute fotografische, dreibeinige Spießigkeit sein.

Tatsächlich mal ein Stativ!

Tatsächlich mal ein Stativ!

Und da ist er dann, dieser Moment. Stille. Sogar die babbelnden Paare mit Partnerlook Softshell Jacken von Jack Wolfskin sagen für ein paar Minuten mal nichts. Kann man sich Sonnenuntergänge übersehen? So wie Bilder von IKEA an der Wand oder Filme aus den 80ern? Ich glaube nicht. Sie haben auch nach meinem Physikstudium nicht ihren Reiz verloren, nur weil ich dann erklären konnte, warum alles rot wird. Ich finde Sonnenuntergänge über dem Meer schöner als die meisten anderen Ereignisse auf dieser Erde. Deshalb mache ich auch nur eine handvoll Bilder und schalte dann die Kamera aus. Klick. Stativ zusammenstecken klack klack klack und Ruhe jetzt. Ich setze mich in den kalten Sand und genieße den Übergang vom Tag zur Nacht einfach nur mit meinen Augen und meinem Kopf.

Gute Nacht, lieber Tag.

Gute Nacht, lieber Tag.

Der Moment der Stille

Wie schnell das dann immer geht. Eben war noch alles Feuer und Glut, jetzt ist es Stahl und Chrom. Kaum ist die Sonne im Meer versunken, wird es rapide kalt. Die wenigen Handyknipser stromern in Richtung Ferienwohnung, die Hundebesitzer sind da schon längst (denn sie müssen ja nachher nochmal raus) und ich bin gefühlt mal wieder ganz allein auf der Welt. Der Ford wartet geduldig an seiner Leine und kleckert vor Freude ein paar Tropfen Kühlwasser in den Sand, als er mich sieht. Der Gute. Die Wärme im Inneren und die beheizten Ledersitze tun jetzt gut. Im Häuschen habe ich extra die Lichter angelassen, und es knistert noch ein Dauerfeuerchen im Bullerofen. Der leichte Geruch nach brennendem Buchenholz bringt so eine heimelige Gemütlichkeit mit sich, dass ich fest glaube: Ein Leben ohne Kaminofen ist möglich, aber dann fehlt was.

Prost, letzter Abend.

Prost, letzter Abend.

Na denn, Henne Strand. Das war schon wieder eine ganze Woche. Für euch ja noch viel länger, denn ich hatte dann doch so viel zu tun dass ich mit meinen kleinen Geschichten gar nicht richtig hinterher gekommen bin. Morgen früh muss ich hier noch ein bisschen saubermachen, meine sieben Sachen zusammenpacken und den Heimweg zu meinen geliebten Frauen, groß wie klein, antreten. Bereit für Neues und einsam ausgeruht für fröhliches Familiengewühle. So einfach lässt sich mein Akku wieder aufladen. Herrlich.
Aber heute Abend ist der morgige Tag noch weit. Auf dem mitgeschleppten Desktop läuft ruhige Musik von Agnes Obel und London Grammar, der letzte Tesdorpf Wein (den ich als Fotomodell mitgebracht hatte) schmeckt besser als alle anderen zuvor und ich bin heute Abend mit mir, meinem Leben und der Welt sehr zufrieden.
Tandaradei ♫

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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2 Responses to Der Abend vor dem Morgen danach.

  1. Andrea says:

    Warum wird alles rot? 😳

    • Sandmann says:

      😀

      Weil der Weg des Lichts von oben, also aus dem Zenit, auf die Erde ein kürzerer ist als der Weg schräg seitlich über dem Horizont auf die Erde.
      Am Mittag erscheint der Himmel blau, das liegt daran, dass blaues (kurzwelliges) Licht auf seinem kurzen Weg durch die Atmosphäre nicht sehr stark gestreut wird.
      Das Licht der Sonne muss am Abend durch viel mehr Luft- und Dreckschichten zu unserem Auge. Auf dem Weg wird es an ganz vielen kleinen Partikelchen gebegt, zerlegt und gestreut. Das blaue Licht wird quasi herausgefiltert. Und das was dann noch übrig bleibt ist vor allem das langwellige, rote Licht.

      Okay? 🙂
      Sandmann

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