Der ewige Winterschlaf – oder?

Sind es nur die guten Erinnerungen…?

Bei Hempels unterm Sofa

Bei Hempels unterm Sofa

Liebe Blog-Gemeinde. Gestern Abend war es wieder einmal um mich geschehen. Während ich die notwendigen Kämpfe im Web2.0 ausfechte und zwischen Blog, Facebook und Motorkultur.com pendel stolper ich über dieses kleine, nette Programm, das mein Töchterchen immer zum Pimpen ihrer Handyfotos verwendet. Picasa. Ich probiere es aus und gucke fasziniert zu, wie es frech meine Festplatte auf Fotos durchsucht und sie säuberlich in eine Ordnerstruktur einbindet. Ich höre Sie beherzt gähnen? Okay. Worauf ich hinaus will: Plötzlich erscheinen längst vergessene Fotos meiner kleinen, goldenen Zeitmaschine, die mich gemeinsam mit Örg im letzten Herbst zurück in die Kindheit gebracht hat. Er steht da draußen und wartet immer noch. In meiner kleinen Garage. Der vergessene, wassergekühlte VW von 1971. Es zieht mich wie magisch zu ihm.

„Papa, wo gehst du noch hin?“ – „Komm einfach mit, wir suchen den Frosch!“

Als die letzten leider nur lauwarmen Sonnenstrahlen die Giebel der alten Häuser hier in der Gegend streicheln, öffne ich das quietschende Garagentor. Da steht er, so wie ich ihn damals im Oktober abgestellt habe. Der Alltag aus Fahrrädern, kurz mal abgestellten Kartons, schmutzigen Ersatzteilen und allem möglichen Tinneff hat ihn regelrecht verschüttet. Auf seinem Kofferraum stehen noch die Utelsilien vom letzten Ölwechsel, auf dem Dach lagern diverse noch nicht komplett ausgetestete Pflegeprodukte von Caramba, Putzlumpen und Kühlwasserbehälter. Er sieht traurig aus, der K70. Man ahnt, dass er es hier sehr einsam hat. Er will gefahren werden, möchte den Familienvätern von einst noch einmal den Kopf verdrehen. Möchte dem Familienvater von heute noch einmal als Alltagsauto dienen. Will unbedingt ein Picknick mit dem halbfinnischen Fräulein Altona und Freunden in Hamburg veranstalten. Er muss hier raus!

Und ich muss da jetzt rein. Alles fühlt sich vertraut an. Der massive Türgriff aus verchromtem Grauguss liegt warm und gut in der Hand, die 38 Jahre alte Tür schnappt satt und zufrieden auf. Die vordere Innenleuchte geht dienstbeflissen an und erhellt das angepinnte Foto von Papa Kalle in jungen Jahren. Das bedeutet, die Batterie ist noch nicht ganz tot. Ich kurbel das Fenster herunter, während mein kleines Töchterchen fotografierend um das Auto herumschwirrt wie der Mond um die Erde. Sie mag den KaSi, weil er klare, einfache Formen hat und irgendwie so gar nicht aggressiv wirkt. „Papa, fahren wir damit am Wochenende wieder in die Schwimmhalle?“ Die Schlagworte abgemeldetRostlöcherdefekte Bremsenund H-Kennzeichen baue ich in einen für 8-jährige Mädchen verständlichen Satz ein und ernte ein enttäuschtes Seufzen.

Haaaallooooo jüngste Vergangenheit! Ich muss Papa mal wieder anrufen. Im Fond liegen der Frosch, das orange 70er Häkelkissen und der Shell Atlas von 1973. Sie öffnet fröhlich „ihre“ Tür, sieht die hintere Leuchte angehen und gesellt sich dazu. Knuddelt den Frosch. Und fragt mich, ob sie eins von den Kaugummis da unten haben darf. Da die ins Auge gefasste Klebware hier schon den ganzen Winter liegt verneine ich, und sie hoppst weiter rastlos auf dem sprungfedergepolsterten Sofa-Rücksitz. Ich gucke auf das zeitlose Armaturenbrett, umfasse das dünne Bakkelit-Lenkrad und stelle mir aufgewühlt wieder einmal mehr die Frage, warum ich dieses Auto nicht ans Licht hole und im Alltag bewege? Für das H-Kennzeichen bedarf es nicht viel, ein paar fachmännisch geschweißte kleine Bleche im Unterboden, neue Bremssättel vorn und Zylinder hinten, eine nachgefertigte Vergaserfußdichtung und eine liebevolle Überarbeitung des Innenraums. Das war’s. Kosten: keine 300 Euro.

Fragen Sie den Frosch. Dieses außergewöhnliche Fahrzeug hat besseres verdient als einen dunklen Platz in einer (immerhin trockenen) Garage, zugemüllt unter Kartons, Ersatzteilen und Wohlstandsabfällen. Zumal ein Historisches Kennzeichen weniger kostet als ein Stellplatz in der Innenstadt von Kiel. Es ist diese sich heimlich einschleichende, träge Mühle in der arbeitenden Bevölkerung, die bremst. Sie kommen müde nach Hause und vernachlässigen Ihre Kinder, oder Ihre Freundin, oder Ihre Freunde – Couchpotatoe vorprogrammiert. Nach der Arbeit noch joggen? Tz, ich bitte Sie. Abends noch an einem alten AutoschraubenJA. Denn aus dem Alter der Vernachlässigungen bin ich inzwischen raus. Kinder, Freundin, Freunde, Haus, Arbeit – wenn man dem Tag erst einmal beigebracht hat, dass er gefälligst 28 Stunden zur Verfügung stellt, geht das! Glauben Sie mir. Und geben Sie der abendlichen Rumhängerei keine Chance, viel zu schnell fangen Sie an, das Feierabendbierchen zu brauchen und entschuldigen sich für die Vorabendserien mit einem gemurmelten „ich will ja wissen wie’s weitergeht…“. Nix! Atlas her. Plan machen. Ich will dieses Auto fahren!

Die Kieler Woche beginnt. Örg hat in der Werkstatt noch den Mustang stehen, wird ihn aber vorläufig auslagern. Es müssen noch viele Teile bestellt werden, aber das ist eine andere Geschichte. Neben meinem Granada steht da noch die „Göttin“ aus Frankreich, die ist aber fast fertig. Der Sattler macht momentan das Gestühl klar, und dann hat zumindest Örg seinen Klassiker der 70er auf der Straße. Das bedeutet? – In rund drei Wochen wandert der K70 in unser Schrauberparadies und wird auf sein H-Kennzeichenvorbereitet. Am Wochenende bestelle ich die kaputten Ersatzteile. Mein Töchterchen freut sich, erstens weil sie den Frosch wiedergefunden hat, zweitens, weil wir bald wieder mit diesem lustigen, hellen, geräumigen und unkomplizierten Auto fahren werden. „Kann ich den dann vielleicht haben, wenn ich Führerschein mache…?“ Mal sehen. Vermutlich gibt es kompatiblere Einsteigermodelle. Aber seien Sie mal ehrlich: Die Richtung stimmt, oder? Irgend etwas habe ich in der Erziehung wohl richtig gemacht.

Los, committen Sie sich endlich – Sie haben doch auch die Nase voll von europäischen Designautos mit blasigen Scheinwerfern, schwülstigen Rücklichtern, einer Heckscheibe weit über dem Horizont und einem engen Interieur voller grauem Plastik und Elektroschrott. Warum nicht ein richtiges AUTO fahren, was unsere Kinder auch wiedererkennen? Bei Fixkosten von 480,- Euro im Jahr, Steuern und Versicherung. Na? Werden Sie nachdenklich?

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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4 Responses to Der ewige Winterschlaf – oder?

  1. Daemonarch says:

    Sehr gut, diese Gedanken erwärmen mal wieder mein kaltes, totes Herz.
    Das einzige, das eigentlich gegen einen dauereinsatz des KaSi spricht, wäre, das ihm im hektischen Alltagsverkehr etwas „zustoßen“ könnte!

    • Touranus says:

      N’Abend Maik… Maik?….Hey, was ist denn mit Dir los?

      Kaltes, Totes Herz klingt nicht gut… gar nicht gut! Was macht der Astra? Freue mich schon auf Fortsetzungsberichte! Wie bereits mehrfach erwähnt, rückt der Tag näher, an dem ich dem Touri hinterherwinke und Deinen Weg einschlagen werde… Sehe ich mit gemischten Gefühlen entgegen… Der Luxus (Ich meine die Extras) und der geringe Verbrauch werden mir fehlen, aber ich freue mich auf’s Schrauben… und auf den Erfahrungsaustausch hier mit Dir und Sandmann!

      Uuuuuuuund übrigens: Bin ich blind oder fehlt noch der 3. und entscheidende Teil von P100s Auslandstour?????

      Lasst uns gemeinsam mal die Köpfe heben, in die warme Abendsonne blicken und an unseren Träumen arbeiten…. bitte…. 😉

      Touranus

      • Sandmann says:

        Ay Touranus, du Poet,

        die warme Abendsonne habe ich gerade therapeutisch hinter mir!
        Wann ist es denn soweit, dass deine Rummsmurmel endlich weg geht? Und hast du anschließend schon was ins Auge gefasst???

        Stimmt, P100 ist noch offen, wo steckt der Kerl??? 😀

        Sandmann

    • Sandmann says:

      Und die Ersatzteilversorgung…
      Es gibt nur noch über den Club einen endlichen Vorrat an Teilen. Dem steht entgegen, dass irgendwie gefühlt nichts an diesem Auto kaputt geht. 🙂
      Na ja und zustoßen… wenn dem KaSi was zustößt, dann auch seinen Insassen. Keine Kopfstützen, feste Gurte, starres Lenkrad… Hm…

      Sandmann

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