Die Werkstatt. Unendliche Weiten…

Kleinigkeiten selber machen. Haha 🙂

Wir schreiben das Jahr 2009. Dies sind die Erlebnisse des Raumschiffs D11 und seiner Crew. Logbucheintrag 02 Zulu Delta Bravo, Captain Sandmann: Der galaktische Winter nimmt kein Ende! Statt eines warmen Frühlings haben wir hier oben schon wieder Herbst, es regnet, schneeregnet und ist allgemein nass. Wohl denen, die bei ihrem Autowagen regelmäßig den Füllstand des Wischwasserbehälters im Auge haben. Damit nicht beim nächsten Überholvorgang die Windschutzscheibe lediglich verschmiert und nicht mehr gereinigt werden kann. Das ist nicht nur lästig, sondern wegen fehlender Blindflug-Navigation auch gefährlich. Stimmt nun zwar der Füllstand des Behälters, doch ist der Schlauch zu den Waschdüsen gerissen, abgegangen oder sonstwie seiner Funktion beraubt, denkt sich der versierte Heimschrauber: „Tausche ich den doch schnell einmal aus.“ Dieser Satz mag bei einem Golf, einem Fiesta oder einem beliebigen Auto mit minimal Platz um den Motor herum nachvollziehbar sein. Beim Audi V8 ist alles anders.

Nicht, dass man den Vorratsbehälter für das Wasser nicht finden würde. Der V8 hat davon sogar zwei, beide unabhängig voneinander und mit je einer eigenen Pumpe und eigenem Schlauch. Wie dekadent. Einer fasst unerhebliche 0,5 Liter und ist für ein Reinigungskonzentrat gedacht. „Intensivwäsche„. Der andere schluckt sagenhafte 8,5 Liter und lässt Sie an allen umliegenden Tankstellen trotz der herumstehenden großen Kannen die vorhandenen Wasseranschlüsse kennen. Man sieht ihn von oben im Motorraum. Der Anschluss des Schlauchs ist nun aber unten drunter, und da kommt eine kräftige Männerhand nicht ohne weiteres heran. Was nun? Handeln. Vielleicht von hinten? Rechtes Vorderrad ab, inneren Radkasten aus Plastik gelöst und erst einmal ungläubig gestaunt ob der vielen mechanischen und elektrischen Gerätschaften, die einem hinter dieser Abdeckung wie Gedärme entgegenquillen. Erstaunlich, was in meinem Auto alles im Kotflügel steckt…

Und nun? Noch immer ist kein Rankommen an das Gummiding. Auch ein Lösen des großen Behälters, um ihn vielleicht ein wenig wegdrehen zu können, bringt keine Abhilfe. Meine Arme sind zu kurz, meine Hände sind zu groß. Das kann doch nicht wahr sein! Bei jedem anderen Auto ist diese Reparatur innerhalb von 10 Minuten durchgeführt, ohne sich den Sonntagsanzug zu beschmutzen. Ich wiederum habe gefühlt schon mein halbes Auto zerlegt und kann den Stutzen noch nicht einmal sehen! Zudem sehe ich schon wieder aus wie ein Schwein. Und schmutzig bin ich auch. Planung! Planung ist alles. Die Stoßstange zu demontieren halte ich (noch) für übertrieben, aber vielleicht kommt man ja irgendwie von vorn an den Anschluss? Der Blinker… er müsste ungefähr auf Höhe des Schlauchs sein…

Bingo! Durch die Öffnungen hinter der demontierten Blinker/Nebelleuchten-Einheit sehe ich mein Ziel. Der flexible Gummistopfen, in den der malade Kunststoffschlauch gesteckt ist. Nur – wie so oft bei diesem Auto bedeutet sehen nicht unbedingt, dass man auch heran kommt! Die runden Aussparungen für den Kabelbaum in der Stoßstange sind viel zu klein, um mit den Fingern durch zu kommen. Mannooo! Also bau ich den Blinker ein wenig frustriert wieder ein, pöbel leise vor mich hin und ersinne Alternativen. Nicht von hinten, nicht von der Seite oder von oben…? Bleibt nur noch die Möglichkeit, von unten an das Corpus Delicti heran zu kommen! Ach – wenn wir doch nur schon die Hebebühne hätten!

Oha. Die Bremsbeläge der gewaltigen HP2 Bremse sind auch schon wieder runter. Audi will dafür 259,- Euro haben. Aber das ist eine andere Geschichte. Die „Pappe“ unter dem Motor (die man bei anderen Autos gern einmal weg lässt, um Ölundichtigkeiten nachzuspüren und an alles besser heran zu kommen) hat beim V8 noch eine Nebenfunktionen: Sie leitet über kleine Kanäle in der Frontschürze den Fahrtwind auf die belüfteten Bremsscheiben und in Richtung Ölwanne zur Lichtmaschine. Mit nur drei Karosserieschrauben ist sie halbseitig gelöst, lässt sich herunter klappen und – gibt den Raum unter dem Behälter frei! Endlich. Hätte man es gewusst, wäre es erheblich einfacher gewesen. Grummelnd schraube ich den inneren Radkasten und das Rad wieder dran. Örg bemerkt derweil, dass ich mehr Zeit mit fotografieren verbringe als mit schrauben. Phhh. Der neue Schlauch ist schnell verlegt und auf Länge gebracht, nur noch den alten am Behälter abziehen… oh. Ach ja. Der ist randvoll und in dem Moment unten offen…

Nach der Beseitigung des flüssigen Kollateralschadens auf dem Werkstattboden funktioniert alles wieder. Leider ist der Effekt im Vergleich zum Aufwand sehr gering… die Düsen spritzen Wasser auf die Scheibe, das ist natürlich eher unspektakulär weil so gedacht. Aber ich habe wieder etwas neues bei meinem Auto gelernt, das ich nun immerhin schon seit 8 Jahren fahre. Als nächstes kommen dann wohl die Bremsen dran, bevor es im Mai in den Schwarzwald geht. Gullernd fahre ich den Audi aus der W8 heraus, um wieder Platz für den ’64er Mustang zu machen, an dem Örg gerade schweißt. Wir brauchen dringend diese Hebebühne. Hat mal jemand eine große Tüte Zeit für mich?

Kennen Sie das auch, wenn Sie eine Kleinigkeit selbst reparieren wollten und es eine abendfüllende Geschichte wurde? Verschraubte Grüße mit immer noch schmutzigen Fingern und ein schönes Wochenende!

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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10 Responses to Die Werkstatt. Unendliche Weiten…

  1. Touranus says:

    Moin moin,

    hey, was’n hier los? Keine Kommentare?
    Oder haben sich die Stamm-Kommentierer damals bereits im AuBi Blog schon ausreichend zu dem Thema ausgelassen? 😉

    Ich kann es guuuut nachvollziehen… So ging es mir ja mit den Scheibenwischern des Beetles auch. Ewigkeiten rumprobiert, diesen dämlichen Mechanismus aus der Höhle zu bekommen, bis ich die drei Schrauben der unteren Schottwandabdeckung löste und siehe da: Dieses Karosserieteil ist NICHT aus Metall, wie man erst vermutet, sondern aus Plastik und es lässt sich auch ganz einfach nach vorne abziehen… Obwohl es so aussieht, als sei es fest mit der Karosse verbunden…

    Hat man’s erstmal rausgenommen, geht der restliche Ausbau der Scheibenwischeraufnahme eigentlich fast von selbst… 😉

    Vielleicht veröffentlichst du die Reparaturanleitung ja noch… auch wenn sie nicht wirklich ein Storyhighlight ist *lach*

    Aber die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, passen so schön zu Deinen hier geschilderten 🙂

    Touranus

    • Sandmann says:

      Bester Touranus,

      vielleicht sind Reparaturberichte ähnlich kommentarspärlich wie Reiseberichte oder Testfahrten 🙂 Aber wie du ja auch schon bemerkt hast, bei den „recycleten“ Berichten (von denen noch viele kommen, ich hab die ja noch nicht alle auf meiner Seite) ist wenig Interaktivität. Schade eigentlich. Aber ich kann ja niemanden zum Sabbeln zwingen 😉

      Deine Reparaturanleitung hab ich mal direkt online gestellt, das wird ja auch andere VW Fahrer noch interessieren… Am Ende zählt der Erfolg!!!

      Schönen Sonntag Abend aus Hamburg im Sonnenuntergang

      Sandmann

  2. calimero says:

    Tach Wassermann,

    ich frage mich auch jedes mal wieder, wieso einige Behälter so schwer zugänglich sind. Warum macht man nicht die Autos 5cm breiter oder länger, und schon ist alles wartungsfreundlich? Ich hab das nie verstanden.
    Aber schön, daß deiner wieder wischen kann 🙂
    Abel

    • Sandmann says:

      Ay Calimero,

      DAS habe ich mich auch schon immer gefragt.Nun, der Motorraum eines Audi V8 ist schon recht groß… aber der eingebaute Motor sprengt jeden Rahmen, da war Audi halt noch nicht Oberklasse…

      Sandmann

  3. Stefan P100 says:

    Hiho Sandmann,

    kann da auch eine kleine Geschichte einwerfen.
    Als ich vor einiger Zeit bei meinem damaligen Seat Ibiza Bj 94 EINE Nebellampe wechseln musste, erinnere ich mich nur daran wie ich vor dem Auto stand und überlegte wie ich doch an die Rückseite des Scheinwerfers komme. Doch es half nichts, selbst als ich unter dem Auto lag (man bedenke auf der Straße) konnte ich keinen einfachen Weg finden. Somit musste ich mich 2h damit beschäftigen die komplette Stoßstange zu demontieren um wie schon erwähnt lediglich eine Glühlampe der Bauart H3 zu wechseln :-P.
    Achja, einen Monat später ging die andere Kaputt… Habe sie in den 3 Jahren die ich das Auto fuhr nicht mehr gewechselt. „… und die Moral von der Geschicht, wechsle die Nebellampe nicht…“ hihi

    Mfg & Cya

    • Sandmann says:

      Ay Stefan P100,

      ist das wirklich so, dass noch immer Autos gebaut werden, bei denen man für die einfachsten Wartungsarbeiten erst einmal stundenlang irgendwelche teile abschrauben muss? Ich weiß vom Citroen SA, dass man da auch an einen Scheinwerfer nicht ran kam… Wer denkt sich sowas aus??????? Nicht zu fassen…

      Sandmann

  4. Stefan P100 says:

    Hey Sandmann,

    Ja ich stand auch davor und konnte es nicht fassen wie unfähig die Konstrukteure gewesen sein können. Das die Scheinwerfer raus müssen gab es aber leider schon bei vielen Autos, was ich mich fragen musste… Gab es den V8 damals nicht auch mit xenon? Würde doch besser passen zur Oberklasse 😉

    Ps. Achja dachte p100 könnte ganz gut zum Nachnamen und zum V8 passen :-p, es darf spekuliert werden 😀

    MfG der P100

    • Sandmann says:

      Also ICH spekuliere mal nicht über den Namen, dann löse ich das Rätsel ja auf 😉

      Den V8 gab es nicht offiziell mit Xenon, Xenon kam erst später. Der wurde ja nur bis 1993 gebaut. Ich kenne einige, die das nachgerüstet haben. Vor allem, weil die Scheinwerfer dieses Autos mit der zeit echt zu Funzeln verkümmern.

      Ich mag Xenon allerdings nicht. Schön hell, aber kalt und schrill. Mein sanftes, warmes, gelbes Licht beruhigt mich irgendwie. Und bei der Truppe, die ich momentan unterrichte, kann ich das ganz gut brauchen 😀

      Sandmann

  5. Stefan P100 says:

    hm,
    ich überlege gerade wie ich das nun zu Interpretieren habe…
    Denke doch wir sind eine sehr Reizende Truppe 😉
    Zurück zum Xenon, habe es ja selber und bin sowas von überzeugt davon Kurvenlicht und der ganze Schnickschnack ist schon ne tolle sache hätte ich vorher nie so gesehen aber jetzt fällt es mir nur auf wenn ich wieder auf mein 3 Zylinder „Wochenauto“ umsteige. Das auch mit „sanftem“ Licht ausgestattet ist 😉

    der P100

    • Sandmann says:

      Zugegeben…
      Gutes Licht ist schon fein. Aber hier oben im flachen Land komme ich mit meinem milden, warmen, schlechten Licht schon ganz gut zurecht. Jedenfalls werde ich kein Xenon nachrüsten, das ist mit zu viel Heckmeck und wie gesagt – ich mag dieses kalte Blau nicht…

      Sandmann

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