Leb‘ wohl, B404

Zwischen Tag und Traum

Zwischen Tag und Traum

Es gibt spannendere Themen als eine Bundesstraße in Schleswig-Holstein, aber ich muss das jetzt mal loswerden. Solange es da noch was loszuwerden gibt. Von Kiel in Richtung Süden bis Schwarzenbek schlängelt sich die Bundesstraße 404. Grobe Richtung: Uelzen. Ganz grob. Sie trug in den frühen 80ern meine Mama aus der Lüneburger Heide hoch nach Plön zu dem Mann, der später eine Vaterrolle für mich übernahm. Sie trug mich auf dem Fahrrad in den späten 80ern immer wieder zurück zu dem Ort, den wir wegen des Mannes aus Plön verlassen haben. Und sie war immer eine verlässliche Überland-Alternative zu der chronisch verstopften A7. Seit ein paar Jahren fräsen sich die Bagger durch diese Bundesstraße und machen aus ihr die Autobahn 21. Und sie hauen alles um, was im Weg steht. Auch meine geliebte Nordoel-Tanke, sie stehen schon direkt vor ihrer Tür.

Eine klassische Tankstelle mit Werkstatt und Waschhalle.

Bald ein historisches Bild.

Bald ein historisches Bild.

Sie ist nur die erste Station der Erinnerungen, so etwas wie das Tor vom Norden auf den Weg in Richtung Elbe. Die hochen Bäume sind schon alle gefällt. Schon seit letztem Jahr. Die alte Tankstelle ist noch in Betrieb und trotzt wie ein störrischer Eremit dem Ausbau der alten kleinen B404. Der Sprit war hier, ein paar Kilometer aus Kiel raus, immer angenehm preiswert. Es gab sogar LPG für den Audi V8. In dem kleinen Shop wurde man nicht zugeballert mit Sonderangeboten für Vodka und Whiskey oder musste sich an aufgestapelten Warsteinerkisten vorbeiquetschen. Es gab ein paar Zeitungen, was zu naschen, Cola und Fanta, ein wenig nützlichen Kram fürs Auto und Bockwurst. Sind wir mal ehrlich – mehr braucht eine Tanke eigentlich auch nicht zu verkaufen. Diese blinkenden Supermärkte, die manchmal auch Benzin verkaufen und wo einen der Student am Schalter fragend anguckt wenn man eine 21 Watt Lampe für hinten oder Sicherungen kaufen möchte nerven mich. Hier in der Nähe von Nettelsee bekommt man in erster Linie Treibstoff. Noch. Bald wohl nicht mehr, denke ich mal, denn das Autobahnfundament geht schon direkt bis an den Zaun.

Bis hierher und nicht weiter. Heute.

Bis hierher und nicht weiter. Heute.

Guckt man sich an, was die Schaufelbagger im ostdeutschen Tagebau alles so vom Planeten getilgt haben und vor allem was sie für Löcher hinterlassen – dann ist so ein mehrspuriger Ausbau einer Bundesstraße vergleichsweise belanglos. Das passiert jeden Tag in jedem Bundesland. Trotzdem bin ich heute ein bisschen trübselig. Der „Kieler Schnellweg“ war eine zeitintensive, aber landschaftlich schöne Route zwischen Kiel und Lauenburg an der Elbe, ich bin diese Strecke immer gefahren wenn ich es nicht eilig hatte. Anfangs noch als Beifahrer in Mamas rotem Jetta, den sie sich neu gekauft und für den sie Opas guten alten rostfreien Käfer in Zahlung gegeben hatte. Darüber könnte ich mich heute, 30 Jahre später, immer noch aufregen. Aber damals war es einfach nur ein altes Auto 🙁 Und der Jetta war neu, cooler als ein Golf und echt schnell. Bumms war die Kelle draußen, ich fand mich als 10jähriger in meiner ersten Polizeikontrolle wieder und erinnere mich noch sehr gut an die allerersten Blicke auf das Haus, was später mein neues Zuhause werden sollte.

Baustopp am Rand der Tanke.

Baustopp am Rand der Tanke.

Den Fahrradweg, den ich (vor meinen eigenen automobilen Eskapaden) als Teenager entlang des Nord-Süd-Highways für meine Touren in Richtung „zwei-Wochen-unbeschwerten-Sommerzeltens“ bei Silke in Uelzen genutzt hatte gibt es schon lange nicht mehr. Als zur Jahrtausendwende große Autobahnteilstücke freigegeben wurden hat man den planiert. Okay, ich bin nun auch schon länger nicht mehr die 180 Kilometer in meine alte Heimatstadt geradelt, aber wo würde ich denn eigentlich langfahren, wenn ich das mal wieder machen will? Das muss ich mir doch glatt mal raussuchen. Auf so einer Autobahn fährt sich das vermutlich gar nicht schlecht mit meinem Mountainbike, aber es gibt eine gewisse Art von Öffentlichkeit, die ich nicht unbedingt haben muss 😉 Hm. Hat denn jemand, der von Kiel nach Uelzen mit dem Fahrrad fahren möchte heute keine Lobby mehr?
Schon krass. Ich sitze in meinem Daimler und gucke über einen kleinen Zaun auf den neuesten Streckenabschnitt, der bis an dieses Grundstück geht. Jedes mal wenn ich hier entlangfahre ist ein Stückchen mehr von der A21 fertig. Und nun sind sie am Grundstück angekommen. Wie geht es weiter?

Und wann geht es hier nun weiter?

Und wann geht es hier nun weiter?

In den letzten drei Jahren hatte die Streckenführung ab hier in Richtung Süden einen gewissen Unterhaltungswert. Alte Brücken weg, neue Brücken hin, Sandberge hier, Baumfällarbeiten da – und die schmale, schnell mal hinasphaltierte Behelfsstraße schlängelte sich jede Woche in anderer Art durch die Baustelle. Mein kleines viertelfinnisches Sandmädchen hätte an den Baggaaaaas ihre wahre Freude gehabt. Inzwischen toppt der über eine Dekade geplante dreispurige Ausbau der A7 dieses Baumaschinenszenario um Längen, auch wenn es dort immer nur geradeaus geht. Hier kurz hinter Kiel eigentlich nie. Es war keine gute Idee, sich an eine aktuelle Straßenvariante zwischen den rot-weiß gestreiften Baken zu gewöhnen, denn eine Woche später fuhr man schon wieder woanders lang. Und dann, wenn ich durch war, war die Bahn offen, es ging bis Bargteheide flott voran und das alte Navi wurde fröhlich verarscht und überfordert, denn es dachte wegen der fehlenden Kartenupdates immer noch, ich würde viel zu schnell auf und neben der B404 fahren. Lisa. Na wenn du wüsstest. Deine Nachfolgerin weiß es schon.

Lost Place Showroom

Lost Place Showroom

Wie trist.
Die hellen, großen Verkaufsflächen gehörten mal einem Anbieter für Rasentrecker und ähnliche motorisierte Kleinmähmaschinen, der vermutlich rechtzeitig was neues gesucht hat und nun umgezogen ist. Irgendwie zum Tonberg, das steht jedenfalls auf einem komplett zerrissenen Segeltuch. Die gepflasterte Parkplatzfläche vor den erstaunlich sauberen Scheiben wächst langsam zu, hier fährt niemand mehr hin und hier hält niemand mehr an, warum auch? Wann werden die Hallen wohl abgerissen und räumen das Feld für den nächsten Autobahnkilometer? Nächste Woche? Nächsten Monat? Und wie lange wird die Tanke noch da sein? Spannend. Ich könnte ja eigentlich mal reingehen und fragen, aber mein Tank ist noch fast voll und – letztendlich werde ich es ja miterleben.

Keine Rasenmäher mehr.

Keine Rasenmäher mehr.

Die leeren Räume erzählen von lange vergangenen Zeiten, als man noch entlang einer Bundesstraße mit Rasenmähern ne Mark verdienen konnte. Ich bin hier niemals drin gewesen, ich hatte nie Bedarf an einem Aufsitzmäher. Und ich bin schwer verwundert, dass die Scheiben noch nicht eingeworfen sind, diese großen Glasflächen an einem abgelegenen Ort ohne Laternen schreien ihre Einladung an die Zerstörungswut regelrecht in die Welt. Das kommt bestimmt bald. Genau so wie die Pest der Sprayer, die ihre Teks auf jede unschuldige weiße Wand genervter fremder Menschen klatschen müssen um was-weiß-ich damit zu kompensieren kommen irgendwann die Scheibeneinschmeißer. Oder sind die inzwischen ausgestorben, weil es dafür keine App gibt und man sein komfortables Zimmer verlassen müsste? Ich weiß es nicht. Auch das werde ich miterleben, ich komme hier ja ein bis zwei mal in der Woche dran vorbei. Noch ist alles heile. Mal sehen.

Na gut. Das wars dann wohl.

Na gut. Das wars dann wohl.

Es ist ja auch irgendwie fein, in Zukunft schneller von Kiel über Bargteheide auf die A1 und in den Osten Hamburgs zu kommen. Da habe ich kein Problem mit, da ist der Verlag und ich begrüße jede erdenkliche Alternative zu dieser wahnsinnig machenden A7. Aber es verschwindet mit der B404 auch ein kleines Stückchen Langsamkeit. Vor ein paar Jahren noch war es über eine Strecke von 50 Kilometern faktisch unmöglich, einen Lastwagen zu überholen, also haben die meisten es einfach gelassen und sich ihrem Schicksal geduldig ergeben. Andere, die es trotzdem wissen wollten, weil sie einfach alles vor sich überholen müssen gab es auch immer wieder. Ein paar Kreuze am Straßenrand erzählen von ihnen und leider noch von ein paar anderen Menschen, die ihnen unschuldig entgegen kamen. Ich bin hier deshalb immer langsam gefahren, habe Abstand gehalten und ein paar Wahnsinnige geduldig vor- und vor mir reingelassen. Hinter der A1 nach Hamburg holpert die Bundesstraße heute noch immer wie vor 30 Jahren weiter bis zur A24 nach Berlin, und dann verschwindet sie irgendwann im schönen Sachsenwald. Hier gibt es sogar noch Fahrradwege 🙂

Kaum ein Horizont zu sehen

Kaum ein Horizont zu sehen

Genug Fotos gemacht. Es sieht auch so aus, als fängt es gleich an zu regnen. Ich stecke mir noch einen Zigarillo in den Mundwinkel und paffe ein paar Vanillewolken in den Abendhimmel. Schon komisch, wie viele Erinnerungen an einem Stückchen Straße hängen können. Straßen sind etwas ganz besonderes. Sie bringen uns an andere Orte und sie verbinden Menschen, privat und beruflich. Entlang den Straßen finden wir alles, was wir für eine Reise brauchen. Und wir können uns außerdem über die Menschen amüsieren, die ihre seelenlosen vollfinanzierten Neubauhäuser direkt an diese Adern des Individualverkehrs pflanzen, weil die Grundstücke hier ein bisschen billiger waren als drüben am Waldrand. Das wiederum ist aber nicht so schlimm, denn diese Menschen trennen sich meistens sowieso wieder, weil sie den Kredit so knapp finanziert haben, dass sie das ganze Jahr nur für ihr Neubauhaus schuften und sich schon bald nichts mehr zu sagen haben, der Verkehr ist eh zu laut. Ich schweife ab. Sie sehen, ich habe eine klare Meinung zu knapp finanzierten Neubauhäusern entlang der Bundesstraßen. Rund um mich rum gehen gerade erschreckend viele Familien aus diesem Grund den Bach runter, aber es kann ja jeder wie er will. Hier an der B404 wird nicht gebaut. Hier wird bald abgerissen.

Bis bald in diesem Streckenabschnitt

Bis bald in diesem Streckenabschnitt

Wenn der Highway fertig ist versuche ich mal, genau hier ein neues Foto zu machen – dann auf der Straße fahrend. Vielleicht erkennt man die Bäume links ja wieder 🙂 Die Baggerarbeiten laufen, die Brücke am Horizont steht schon, lange kann es eigentlich nicht mehr dauern. Aber jetzt fahre ich erst mal weiter in Richtung Hamburg, mal schauen wie die Streckenführung hinten bei der Brücke heute verläuft 😉 Ich nehme ein paar Erinnerungen mit, Radtouren mit dem Zelt, dem Kasettenrecorder und der Gitarre hinten drauf, Sinnsprüche mit einem Edding auf Brückengeländern. Freundschaften mit Binz und mit Lutz, meinen beiden Begleitern in jenen Jahren im Sommer auf dem Rad. Dann mal her mit der Autobahn, es wird wohl Sinn machen. Wenn ich heute durch das völlig verstopfte Hamburg fahre frage ich mich sowieso, wie viele Autos wir noch vertragen können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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24 Responses to Leb‘ wohl, B404

  1. Fetti says:

    Hallo Sandmann,

    das letzte Stück der A13 hier bei Dresden wird auch gerade neugebaut. Die alte hatte natürlich keinen Standstreifen, aber man konnte sehen dass die noch mit Respekt für die Natur gebaut wurde (ok, wahrscheinlich gabs in den 30ern weder Bedarf noch schwere Technik, um die in die Hügel zu fräsen). War immer schön, kurz vorm nachhausekommen ein Stück Entschleunigung zu erleben. Aber den 150+ – Fahrern hats natürlich nicht gefallen. Jetzt weiss ich was Flächenverbrauch ist. Gefühlte 100 Meter Breite sind jetzt durchgewühlt. Ich werde auch alt, alle Änderungen nach dem 35. Geburtstag sind eine Störung der natürlichen Ordung 🙂

    Grüße, Fetti

    • Sandmann says:

      Ay Fetti,

      ja seltsam oder? Kaum geht es auf die 4 vorn zu oder drüber, wird man ruhig und beginnt, sich über die kleinen und großen Sünden aufzuregen. Ich glaube, in 10 Jahren laufe ich grantelnd durch die Stadt und prügel mit einem Regenschirm auf Jugendliche ein 😀

      In den 30ern wollte man mit dem Bau von Autobahnen vor allem eins: Bei Bedarf schnell Panzer an die Front bringen. Da sind mir die 150+ Fahrer heute lieber, die sind wenigstens zivil unterwegs. Aber dass alles immer schneller wird macht mich auch fertig. Deshalb: Audi 100 LS und das, was von der B404 noch übrig ist. Und eine schöne Kassette hören 🙂

      Sandmann

  2. Touranus says:

    N’Abend Sandmann,

    Gerade im Bereich um Adendorf und Lüneburg hat sich extrem viel verändert. Ich habe schon so manche Grünphase verpennt, weil ich daran denken musste, das ich vor vielen Jahren an der Stelle, wo ich gerade stehe, mit dem Fahrrad durch ein Wäldchen gefahren bin… und wo ich immer hinwollte, und das es Spaß…. HUUUUUP!

    Is ja gut, ich fahre schon…. 😀

    Wenn Du jetzt mal die Strecke von Schwarzenbek nach Lauenburg fährst, gucke mal in dem kleinen Nest, welches dazwischen liegt nach links. Der silberne Eimer mit der Pflaume drauf ist meiner 😉
    Kommst Du direkt dran vorbei 😀

    • Sandmann says:

      Ay Touranus,

      echt? Ich bin all die Jahre, in denen ich diese Strecke gefahren bin bei euch vorbei gekommen? 🙂 Nächstes mal hupe ich. Mindestens.

      In Adendorf ist ein guter Freund von mir aufgewachsen, da sind wir irgendwann mal hingefahren. Und auch er hat nicht viel wiedererkannt. Ist da nicht auch irgend so ein Puff direkt an der B4, wenn man in Richtung Lüneburg fährt auf der linken Seite?
      Oder wohnst du DA? 😀

      Ich werde im Herbst mal wieder für drei Tage nach Uelzen fahren. Alte Freunde besuchen und ein paar Lost Places aufsuchen, im wahrsten Sinne. Ab und an brauche ich das ja mal…

      Sandmann

      • Touranus says:

        Ich bin sogar gebürtiger Adendorfer 😉
        Stimmt, da gab es dieses Haus, auf dessen Parkplatz die Leute gerne ihr Kennzeichen abgeschraubt haben, wenn sie dort zu Besuch waren 😛

        (Leider) lebe ich schon eine ganze Weile nicht mehr dort, sondern an der wundervollen Salzstraße (Ironie aus).
        Wenn Du hupst, befindest Du Dich in bester Gesellschaft. Das ist hier anscheinend gängiger Brauch, wenn im Gasthof nebenan Gäste begrüßt, oder verabschiedet werden… und zwar um JEDE Uhrzeit *nerv*

        Hoffnung, das Du hier auch anhälst habe ich schon gar nicht mehr *hihi*

        • Sandmann says:

          Ay Touranus,

          na ja… wenn man WEISS dass da jemand am Straßenrand wohnt kann man ja auch mal anhalten. Diese Info habe ich noch nicht so lange 🙂 Wenn ich im Herbst mal wieder Blätter zählen am Elbe-Seiten-Kanal fahre melde ich mich vorher. Wäre doch gelacht….

          Sandmann

  3. m30lars says:

    Ich aktualisiere es morgen. das waren ein paar bier zu viel… 🙁

  4. TIAN says:

    Wunderbarer altmodischer Farbstich in deinen Bildern. Als wären sie aus einem Album der 70er oder frühen 80er.

    Die 404 auf dieser Strecke werde ich auch vermissen!

    • Sandmann says:

      Ay TIAN,

      ich liiiiiiiiiiiiiiiebe so einen leichten, ganz zarten Sepia Hauch. Die Layouter im Verlag hassen mich glaube ich inzwischen, weil ich am liebsten jeden Artikel in Sepia gebaut hätte 🙂 Gniiihihi so sieht jede jede saftig grüne Überlandstraße gleich ein bisschen nach Desert Valley aus……

      Und zum Vermissen… ich bin schon traurig seit der Fahrradweg geebnet wurde. Ich kenne die Strecke ja ursprünglich schon vom Fahrrad aus. Die A21 wiederum ist irgendwie seelenlos, wie die meisten norddeutschen Autobahnen auch. Schade schade. Aber vermutlich sollen Straßen auch keine Seele haben.

      Sandmann

  5. Hi Sandmann,

    als ich 1980 zum 1. Mal in die Nähe der 404 kam zog ich nach Schönberg bei Trittau. Aus Freiburg i.Br. kommend war das für mich eine neue Welt. Die 404 war die tägliche Verbindung Richtung Kiel. Fast 30 Jahre lang war sie meine Hausstrecke zwischen Bargtheheide und Kiel. Ab 1995 fast täglich. Ich habe tausende Kilometer auf ihr verbracht und zu jeder Tages und Nachtzeit.

    Im Winter bei viel Schnee oder im Sommer bei Regen oder Hitze. Oft auch spät in der Nacht und oft auch viel zu schnell.

    Als sie langsam zur Autobahn wurde habe ich mir auch den Luxus gegönnt über die Dörfer zu fahren um der trostlosen Schnelligkeit der neuen Autobahn zu entkommen.

    Wenn ich heute von Berlin nach Kiel fahre und an der Nordöl Tankstelle vorbeikomme fühle ich mich Zuhause. Dann kommt noch ein Teil der alten B404. Man kennt dann schon fast jeden kommenden Mittelstreifen persönlich.

    Alte Straßen sind wie Narben in einem alten Gesicht. Sie haben Charakter. Aber wer will heute schon noch Charakter?

    Tschüss 404… war schön mit Dir!

    • Sandmann says:

      Ay Roland,

      was für schöne Worte…
      Ich finde es sehr bezeichnend, dass du lieber die lange Strecke über die Dörfer wählst, in einer Zeit, in der autofahren oft als lästige Zeit empfunden wird, die man noch möglichst effizient mit Telefonaten vollstopfen soll. Mir wird die Welt langsam zu schnell, das liegt wohl am Alter.

      Auch ich fahre manchmal noch die „alte“ B76 zwischen Kiel und Plön (da wohnen meine Eltern) nicht über die Umgehung, sondern wie in den frühen 90ern mitten durch Preetz durch. Das ist eine kleine Zeitmaschine. Und auch meinen Weg in die Heimat Uelzen werde ich wohl niemals über die A7, das Maschener Kreuz und die Autobahn nach Lüneburg fahren. Sondern immer über die alte B404, auch wenn sie bald Autobahn ist, dann durch den Sachsenwald und über Schwarzenbek und Lauenburg gemütlich in die Lüneburger Heide. Der Weg ist das Ziel. Und ich werde auch meine Pendeleien im Alltag immer so zu takten wissen, dass ich die Zeit im Auto niemals als gehetzte Pflicht, sondern immer als Quality Time mit Musik und Erinnerungen verbringen kann.

      In diesem Sinne.

      Sandmann

    • B. says:

      Ach guck. Jemand aus dem Nachbardorf, das auch mit S anfängt und das niemand richtig schreibt, wenn er den Namen zum ersten Mal hört ;). Oder kennen Sie Sandesneben? Eben.

      Ich kenn die 404 auch seit Mitte der 80er. Fast jedes Wochenende von Todendorf/Sprenge nach Schilksee zum Oly-Hafen. Das war ein Gegurke und Überhole. Da kam man natürlich auch immer an der Nordoel vorbei. Eine der Ersten, die LPG anboten. Und irgendwann kam der Treckerhändler dazu. Als das erste Stückchen A21 fertig wurde, war das damals ein Segen… Heute vermisse ich die alte 404 auch.

      • Sandmann says:

        Ay B.,

        oh doch oh doch, ich kenne Sandesneben. Allerdings nur zufällig, denn ich kenne die blond gelockte Dame, die im Gelben Haus wohnte. Nun nicht mehr. Also, wohnen.

        Ich bin erst heute wieder an der Nordoel und der danach kommenden Esso vorbeigefahren und war erstaunt, dass Super jeweils über 5 Cent günstiger als in Hamburg war. Mal sehen wie lange die Esso da noch bleiben kann. Die ist ja fast in Kiel, ich weiß gar nicht wie weit die Autobahn durchgezogen werden soll….

        Sandmann

  6. Daemonarch says:

    Bald wird es dann wohl heissen… 404 – Road not found.

    😀

    Aber deine begeisterung für lost places teile ich voll.

    • Sandmann says:

      Ay Daemonarch,

      noch ist es ja kein Lost Place, und ab dem Winter wird niemand mehr sehen, was da mal stand. So gesehen…. 😉 Aber dass du meine Begeisterung teilst weiß ist. Bei dir in der Gegend stehen ja auch so ein paar Relikte rum.

      Hier auf dem Grundstück wo wir unseren Sommerurlaub verbringen steht ein ganz eingewachsener uralter Traktor auf einer Wiese. Den werde ich auch mal fotografieren… Wenn da nur nicht so viele Mücken wären…

      Sandmann

  7. Uli says:

    Ich verbinde mit der B404 aus der Kindheit die Bezeichung „Todesstraße“, dazu habe ich hier einen alten Presseartikel gefunden als ich gerade sieben und ein halbes Jahr zählte: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/43837748

    Ich finde es immer wieder schön, die alte E3 zu fahren, welche die Nord-Süd-Strecke von Hamburg nach Flensburg war. Nur rund um den Kanaltunnel bei Rendsburg existierte ein vierspuriger Abschnitt. Noch heute kann man vor allem zwischen Rendsburg und Schleswig die vielen ehemaligen Tankstellen erkennen. So ein Käfer mußte genauso wie andere Autos damals eben öfters an die Zapfsäule, selbst die „Wanderdüne“ 200D mit ihren rasanten 55 Diesel PS soff 9l auf 100 km.

    Gruß

    Uli

    • Sandmann says:

      Ay Uli,

      oh oh zum Glück scheinen die Zeiten sich geändert zu haben, Ich hab den Artikel jetzt nur überflogen, Berichte über tote Menschen passen gerade nicht in meine südfranzösische Urlaubsstimmung…

      Die alten Tankstellen zwischen Rendsburg und Schleswig kenne ich auch. Bin da eine zeitlang unterwegs gewesen. So welche standen auch noch lange Jahre (Jahrzehnte) im südlichen Teil der B404 bei Schwarzenbek, bevor die Straße eine Endmoräne runter ins weite Land ging. Da habe ich auch schon vor fast 20 Jahren Fotos mit meinem damaligen Audi 100 gemacht 🙂 Schau mal hier, das vierte Bild von oben: http://www.sandmanns-welt.de/haubensitzen/ das ist eine davon…

      Ich muss irgendwann noch mal eine Hommage an den Charme von Autobahnraststätten schreiben. Ich mag die ja, auch wenn die kleinen Tanken niedlicher sind…

      Sandmann

  8. mick-kiel says:

    Ja, im Rausch des „früher war es besser“ vergisst man ganz schnell die negativen Seiten.
    Ein Klassenkamerad von mir hat zwei seiner Freunde, die in seinem Auto saßen, als er unachtsam auf die 404 auffuhr, auf dieser Strecke verloren. Er selbst hat sich psychisch nie davon erholt. Das ist jetzt auch schon 25 Jahre her.

    • Sandmann says:

      Ay Mick,

      das tut mir sehr leid. Allerdings behaupte ich ja gar nicht, dass früher alles besser war…. Das stimmt ja so auch nicht. Früher waren einfach andere Sachen als heute scheiße… 🙁

      Aber die B404 war eine Straße der Langsamkeit. Wenn man sich daran nicht gehalten hatte (die notorischen Überholer) dann war man selbst Schuld an den Folgen, die Straße konnte da jeweils nichts für. Jeder Verkehrsweg birgt seine Gefahren, auch ein Fußweg oder eine Eisdiele kann tödlich sein, wenn Menschen nicht aufpassen.

      Das macht die Freunde deines Klassenkameraden leider nicht mehr lebendig und hilft seinem Trauma auch nicht. Auch ich habe einen guten Freund durch einen Autounfall verloren. Er war auf dem Weg zu mir. Und immer am 1. Oktober jeden Jahres denke ich an ihn. Inzwischen existiert nicht mal mehr sein Grab. Schau mal: http://www.sandmanns-welt.de/tod-eines-clowns/

      Viele Grüße
      Sandmann

  9. mick-kiel says:

    Hi Sandmann,
    auf „Früher waren einfach andere Sachen als heute scheiße“ können wir uns natürlich einigen :).
    Ich bin ja auch ein Freund des Altblechs, sonst hätte ich wohl auch keine 3 Oldies ;)….
    Aber was die Verkehrssicherheit angeht darf man sich da nix vormachen, da war früher so rein gar nichts besser.
    Anfang der Siebziger gab es alleine in Westdeutschland über 20.000 Verkehrstote pro Jahr, heute sind es in ganz Deutschland unter 4.000 und das bei dem mehrfachen Verkehrsaufkommen.

    Kennst du die „Rhapsodie in Blech“? Das sind ein paar alte Schmalfilme von Privatfahrten am Nürburgring. – Wenn nicht, Die gibt’s bei Youtube -> ansehen!

    Viele Grüße,

    Mick

    • Sandmann says:

      Ay Mick,

      irgendwie ist dein Kommentar 1,5 Jahre alt, ich glaube der ist mir damals durchgerutscht. Damn.
      Jaaaaaaa ich halte auch nichts von den Sprüchen wie „damals haben wir uns auch nicht angeschnallt und sind immer noch da!“. Wer sowas sagt, hatte damals einfach keinen Unfall. Dann würde er anders darüber reden.
      Ich fahre jetzt ein Auto ohne Kopfstützen und hinten auch ohne Gurte im Alltag. Ich bin mir des Risikos bewusst und fahre entsprechend aufmerksam. Ich hoffe, das wird lange gut gehen….

      Den Film kenne ich übrigens. Aber ich gucke nicht gern diese Materialschlachten 😉

      Sandmann

  10. pico24 says:

    Ich fahre die Strecke auch sehr gerne und kann die meisten deiner Eindrücke voll teilen!

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