Nicht wirklich ein Winterauto

Eigentlich kein Winterauto

Eigentlich kein Winterauto

Allen Unkenrufen zum Trotz habe ich mich entschieden, meinen Plan für das Wochenende durchzuziehen. Plan? Ja. Nach einigen mehr oder weniger interessanten Träumen, die samt und sonders in meiner Heimatstadt Uelzen in Niedersachsen spielten, will ich da nach langer Abstinenz einmal wieder hin. Mein kleines Töchterchen ist Feuer und Flamme (wohl ob der Schlüsselwörter „Schwimmhalle„, „Eis“ und „Hotel„) und erklärt sich fröhlich zur offiziellen Beifahrerin. Schließlich habe sie noch nie in einem Hotel geschlafen, ihr Tigi auch nicht, und ein Papa/Tochter Ausflug sei schon längst wieder einmal dran. Okay. Das sehe ich auch so. Nun… in der Garage schläft ein fast 40 Jahre alter, seit 7 Jahren abgemeldeter und seit 1 Jahr nicht bewegter Fronttriebler, eigentlich ein NSU, aber von VW gekauft. Gold. Prinzipiell fahrbereit. Hm… Sollen wir…?????

Das Pilotenteam

Das Pilotenteam

Ja. Wir sollen! Das 5 Tage geltende Kurzzeitkennzeichen ist am Freitag flugs besorgt und angebaut, und wie bestellt beendet die Nacht von Freitag auf Samstag das entspannende Tauwetter mit kräftigem Frost. Wenigstens nicht mit neuem Schnee. Ausgestattet mit neuester Sicherheitstechnik steht der 1971er VW K70 auf seinen 4 nicht mehr nagelneuen Reifen in einer extra für ihn freigeschaufelten Schneebucht vor unserem Haus. Beladen, betankt. Bewundert – weil er aus eigener Kraft ansprang, mit einer winzigen 44AH-Stunden Batterie nach einem langen Winter in der Garage. Okay, es gibt nun verschiedene Überlegungen, wie Mira und ich in das 200 Kilometer entfernte Schafwedel kommen. Da wohnt mein Papa. Zunächst könnte man in Erwägung ziehen, den Beifahrerairbag auszuschalten, aber das Steuergerät ist ohnehin eingefroren. Bei Blitzeis ist ABS gar nicht gut, das macht aber nichts, irgend jemand hat damals vergessen, es rechtzeitig zu erfinden. Pyrotechnische Gurtstraffer funktionieren nur bei Automatic-Gurten, der K70 hat fest eingestellte mit Karabinerverschluss. Zumindest vorn. Extreme Glätte macht Servolenkungen überflüssig. Der Kopfstützensimulator in der Softwareversion 2.0 ist real existent am Kindersitz meines 9jährigen Schützlings. Bei allem Fun. Und Tigi ersetzt die Alarmanlage. Es kann losgehen!

Zeitgenössische Musik

Zeitgenössische Musik

Eiszeit. Nicht nur draußen. Als Annette Humpe noch nicht das Pflaster auf die lästigen Lippen von Adel Tawil klebte, schwamm sie mit der Guppe Ideal Anfang der 80er auf der New Wave, der Neuen Deutschen Welle. Es war die Zeit, in der ich begann, Musik zu hören und auch zu fühlen. Jeder halbwegs Verrückte machte damals Karriere, indem er auf ein Spielzeug-Keyboard eindrosch und möglichst einfache, zwielichtige Texte ins Mikrofon schrie. Musik, wie geschaffen für die Ohren minderjähriger Töchter. Musik, wie geschaffen für den K70. Er war damals schon ein altes Auto, eine Dekade lang rollte er schon in seinem nicht hohlraumkonservierten Blech über die Straßen. Musik, wie geschaffen für mich, denn ich war damals nur unerheblich älter als meine mitsingende Beifahrerin! Wenn schon zurück in die Vergangenheit, dann aber auch richtig. Der KaSi schnurrt wie ein Uhrwerk, und hey – plötzlich funktionieren tatsächlich die eigentlich kaputte Uhr und der Kilometerzähler des Tachos wieder!!! Wir haben kein Radio, aber ein Navi mit mp3-Player. Ich will Spaß, Tretboot in Seenot, Ich Will und Katharine… Überland weg von der Waterkant. Uelzen – wir kommen!

Eine Art Erstbesitzer

Eine Art Erstbesitzer

Wenn es einen Verantwortlichen für meine gesamten emotionalen Anmaßungen, meine Kindheitstraumata, meine nicht enden wollenden Heimkehrereien, meinen gräßlichen Humor und meine Liebe zum Rotwein gibt – dann ist das dieser Mann hier! ER hat damals einen VW K70 gekauft und ist mit uns damit in den Urlaub gefahren. ER hat mit mir den Audi 100 vor der Haustür gewaschen. ER ist mir in Erinnerung geblieben als der Typ, der immer gelacht hat, und der das Auto immer heil zurück gebracht hat. Und was danach kam … das war nicht so lustig, aber das ist eine andere Geschichte.

Generationen vor Gold

Generationen vor Gold

Nun… ER ist immer noch da, der Fels in der Brandung, der Titan der CDs, LPs, VHSs und DVDs und Mogul der fettfreien Ernährung: Mein PAPA. *schwärm* Nach 35 Jahren wieder einmal hinter dem Steuer seines damaligen Autos. Wie die Zeit vergeht. Sie vergeht so unbarmherzig, dass er wie jeder andere auch aus dem alten Auto nicht ohne weiteres rauskommt. Der Griff für die Entriegelung der Tür ist eben doch recht gut versteckt…

Na gut. Verlieren wir nicht allzu viele Worte über die geschlossene Eisdecke auf dem Rückweg von Schafwedel (was anerkanntermaßen das kulturelle Zentrum der Lüneburger Heide ist) und widmen wir uns adäquaten Schlafmöglichkeiten in der Stadt der Eule und der Zuckerrübe.

Angekommen in der Heimat

Angekommen in der Heimat

Waren Sie schon einmal in Uelzen? Ja? Uelzen? Nordzucker?? Hundertwasserbahnhof??? Also wenn ich dort nicht einen elementaren Teil meiner verdrängungsintensiven Kindheit verbracht hätte, ginge mir dieses verschlafene Nest links drei Meter am Ars** vorbei. Altstadt mit Fachwerkhäusern? Suuuuper. Pfad der Steineund ein nach Hunderwasser’s Tod in seinem Stil gestalteter ehemals grottenhässlicher Hauptbahnhof? Toooll. Sterbende innerstädtische Einzelhändler, florierende 1-Euro-Shops, Handy-Distributoren und Back-Factories… neee, was soll man hier, wenn man nicht seine Kindheit aufzuarbeiten hat? Immerhin gibt es ein Hotel in der Innenstadt!

Obelix fassadentauglich

Obelix fassadentauglich

Hotel Stadt Hamburg. Warum? Ich mach doch auch kein Mietbettenetablissement in Kiel auf und nenne es Stadt Berlin? Aber egal, google hat mir dieses im Jahre 1985 neu aufgebaute Mittelklasseschlafangebot als einziges hervorgehoben, und die Kritiken waren durchweg harmonisch. Ein Parkplatz direkt vor der Tür ist nicht schwer zu finden, wir haben Samstag und der gemeine Niedersachse ist irgendwo, aber nicht in Uelzen. Vielleicht ist es auch nicht so recht die Jahreszeit, angeblich sind im Sommer hier wesentlich mehr Touristen. Mir soll es recht sein, ich freue mich über ein gemütliches Doppelzimmer zur Hauptstraße raus, eine warme Heizung und ein gratis W-Lan, welches von der Erreichbarkeit irgendwo in einem benachbarten Bundesland zu sein scheint. 1985??? Seit dem ist hier nichts passiert. Was den Preis nicht rechtfertigt, aber egal. Sauberkeit und Gemütlichkeit, kombiniert mit einer funktionierenden Heizung und flauschigen Bettdecken. Töchterchen, lass uns einziehen.

Gute Nacht, KaSi

Gute Nacht, KaSi

Weitere kindheitliche Ereignisse des Tages folgen im kommenden Blog. Zu viel Emotionen auf einmal sind dann vielleicht doch nicht so ganz okay, ein Auto von damals, die Orte von damals, ich inzwischen 30 Jahre älter und eine Tochter, die auf den alten Kram genau so viel Bock hat wie ihr Vater – neeee das kann Tränen produzieren. Nicht heute. „Warum schlaft ihr denn im Hotel??? Ich/wir haben doch ein Gästezimmer…“ ja nee. Trotz der Angebote von Freunden und Verwandten nur zwei Tage Zeit, jede Menge Schnee und ein Auto, was eigentlich längst im Museum stehen sollte… da bleibt kein Platz für abendliche Diskussionen. Und ein Hotel mitten in der Stadt ist doch fein, zumal sich mein Freund Olaf noch für das Abendmahl angekündigt hat. Das nehmen wir unten im gleichen Gebäude ein. Im „Astefix„. Will ich wissen, woher der Name kommt? Nein, ich schau auch nicht im Internet nach, das Essen ist lecker, keine Hinkelsteine in Sicht und auch kein Barde, der schräge Lieder singt. Und die Preise sind erstaunlich günstig! Der Abend geht sehr entspannt zu Ende, während meine Tochter im Bett noch einen Trickfilm schaut quatschen Olaf und ich in einer Art Lounge im Korridor auf bequemen Ledersesseln noch ein bisschen zu sardischem Rotwein und einer guten Pfeiffe.

Bloggen in der Nacht

Bloggen in der Nacht

Bloggen. Das geht immer dann gut, wenn das Internet rund läuft. Tut es das nicht, muss man Alternativen finden oder es sein lassen. Es soll Hotels geben, in denen der Nachtportier ab 23.00 Uhr einfach zu Hause und über Anrufweiterleitung im Notfall erreichbar ist. Ist dies ein Notfall? Netz da, Internet nicht? Kann ich vielleicht selbst den Router resetten? Egal, da ist ja auch noch der UMTS Stick, so ein Ding, was es auch vor 30 Jahren noch nicht gab. Wie so einiges andere. Viel zu viele Eindrücke in meinem Kopf, während unten vor der Tür ein uraltes Automobil leise tickend abkühlt und auf den morgigen Tag wartet. Meine Tochter schläft neben mir mit tiefen Atemzügen den zufriedenen Schlaf eines glücklichen Kindes. Sie wird ernst genommen in einer schneller werdenden Welt voller Brutalität. An einigen Plätzen hier ist noch alles in Ordnung. Zu ihnen zurück zu kehren bedeutet, den Blick in die Zukunft zu schärfen und gewappnet zu sein. Ein altes goldenes Auto rettet nicht diese Welt. Aber eine Reise in diese Gegend festigt vielleicht den Glauben eines Kindes an das Gute. Wir werden sehen. Morgen. Und wir hören Fred vom Jupiter.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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2 Responses to Nicht wirklich ein Winterauto

  1. El Gigante says:

    … ich weiß wohl, warum das hier keiner kommentiert: so ein altes Auto gehört definitiv NICHT auf salzige Winterstraßen! Schade drum! Aber du willst ja nicht hören 🙁

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