Silke

Ein Ausflug in die Vergangenheit. Ein echter.

Ein Ausflug in die Vergangenheit. Ein echter.

Eine Reise in die Vergangenheit. Eine lange verschüttete Vergangenheit, hinter der jemand schon 1983 die Tür geschlossen hat. Hinter dieser Tür saß all die Jahre eine Spielkameradin aus der ersten Grundschule, eine Kinderfreundschaft, eine Jugendliebe. Und heute? Sie ist mit ihren Töchtern heute Abend in Ripdorf bei Uelzen. Wo wir endlose Sommer lang in den Feldern, zwischen Strohballen und in alten Autos gespielt haben. Wo ich als Teenager pathetische Liebeskummerballaden unter einem Kirschbaum gesungen habe, in dem 42 große Lebkuchenherzen hingen. Wo die Zeit stehen blieb. Ich habe den Daimler vollgetankt, die Gitarre und ein paar Reliquien der 90er eingepackt oder angezogen und sehe heute Abend…. Silke.

Verzeihen Sie mir - ich werde jetzt jemand anderes

Verzeihen Sie mir – ich werde jetzt jemand anderes

Den Typen kennen Sie, oder? Ja. Ich auch. Von dem verabschieden Sie sich jetzt bitte mal für zwei Geschichten, denn der Sandmann wird heute wieder zu Jensi. Schlimm, hinten mit i. Total albern und peinlich für einen Mann über 40 im neuen Jahrtausend, das gebe ich gern und unter Zeugen zu, aber so um 1986 rum hieß ich nun mal so. Mit i. Das hatte sich so eingeschlichen, und eine handvoll Menschen nennt mich heute noch immer so, ohne dass es mir auffallen würde. Ich ziehe die fast schon angewachsenen Lloyd Halbschuhe aus und streife meine alten Chucks über. Mein schwarzes Hemd tausche ich nicht gegen ein T-Shirt aus den 80ern, auch meine Hose ist und bleibt eine graue Jeans, aber ich habe meine alte weiße Jacke aus Amsterdam wiedergefunden. Schlimme 90er. Die und einen rot-karierten Hoody gegen die Kälte werf ich auf den Rücksitz. Und noch ein paar andere Sachen wie meine Zahnbürste und ein Kuschelkissen, denn ich habe vor, mit Silke nennenswerte Mengen an Alkohol zu trinken, also werde ich am Zielort nächtigen. Keusch und brav in meinem Auto. Für ein Zelt und ein Fahrrad, das klassische Ensemble von 1986, fehlt im Frühherbst 2014 der Kirschbaum und die nächtliche Wärme des schwindenden Sommers.

was man so mitnimmt

was man so mitnimmt

Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein und eine dicke Decke. Ich packe meinen Kombi, und ich nehme mit: Eine Gitarre und zwei Flaschen französischen Rotwein, eine dicke Decke und einen 8 Jahre alten Einweg-Grill. Das können Sie jetzt noch lange so weiterspielen, wichtig ist dabei nur, dass Sie alles mitnehmen, was sie hier auf der Ladefläche meines alten Mercedes sehen. Da sind noch ne Strandmuschel dabei (albern), Noten, Texte und Akkorde (hinter dem Wein liegend ahnt der Kenner die Noten von Simon & Garfunkel’s Greatest Hits), Würstchen, ein paar Tabakpfeifen, ne Lampe und ein Schlafsack. Ich fühle mich gut ausgestattet, ich weiß zwar wo ich hinfahre aber ich weiß absolut nicht wo ich ankommen werde. Was dieses Treffen nach Jahrzehnten für Geschichten bringen wird. Aber ich muss ja auch nicht alles vorher wissen. Probiere ich es einfach aus.

So, wir fangen mal an

So, wir fangen mal an

Was weder Sie noch ich bisher in den Koffer gepackt haben ist die runde Nickelbrille aus den 20ern, die ich in den 80ern getragen habe. Urks. Ich habe sie noch, und ich nehme sie mit. Ich setze sie auf 🙂 Mal sehen ob die mich irgendwo hinter Lüneburg rauswinken, bei den Kasernen, in denen schon Joachim Witt seinen Wehrdienst leisten musste. Weil ich wie ein Sniper aussehe. Lustig ist auch, dass meine gute Kamera kaputt ist und die alte Sony Blog-Cam, die ich schon zu AutoBILD Zeiten nutzte, unerwartet das Datum ins Bild drückt 😀 Was ich erst am nächsten Morgen bemerkt habe. Egal. Der frische Nordwind treibt mich in ein kleines Dörfchen namens Ripdorf, gleich neben Uelzen, direkt am Elbe-Seitenkanal. Mich trennen rund 180 Kilometer von diesem Ripdorf, das dauert ungefähr zwei Stunden. In zwei Stunden fährt mich dieser Mercedes aus dem Jahr 2014 zurück ins Jahr 1986. Das sind 85 Tage pro Minute. Also wenn die in Sindelfingen damals geahnt hätten, dass sie eine Zeitmaschine mit Common Rail Einspritzung bauen würden hätten sie den Wagen anders beworben.

Der Weg ist auch diesmal ein bisschen das Ziel

Der Weg ist auch diesmal ein bisschen das Ziel

Heimat. Zu Hause. Wie definieren Sie das? Mein Zu Hause ist da, wo meine Familie ist, meine Freunde, Menschen, die mich lieben. Aber meine Heimat? Da bin ich aufgewachsen. Das wird immer und ewig Uelzen sein, die ziemlich unbedeutende Stadt in Niedersachsen mit einer Zuckerfabrik und einem Bahnhof, der nach Hundertwassers Tod so wie von Hundertwasser gestaltet umgebaut wurde. Auf dem Weg dahin kenne ich jeden einzelnen Meter, und das fühlt sich heute besonders schräg an. Die Leitpfosten entlang der Autobahn stehen im Abstand von 100 Metern, also fahre ich mit jedem Pfosten knapp 6 Tage weiter zurück in meine Vergangenheit. Wusch. 6 Tage jünger. Wusch. 12 Tage jünger. Das macht mir Angst. Ich tauche und tauche und höre dazu mit pathetischen Gedanken den Soundtrack meiner Jugend. Auf dem alten iPhone, was ich jetzt als mp3-Player benutze und mit dem Mercedes-Radio über einen schnöden Kassettenadapter verbunden habe läuft Patty Smyth. Die querdenkende Ex-Punk-Lady singt mir etwas vom schwindenden Sommer ins Ohr, dass sie es nicht glauben kann, und warum eigentlich nur die kalten und einsamen Zeiten immer so beständig sind? Und ist das da nicht Don Henley im Hintergrund? Ach ja, die 90er.

There are no mistakes in Love

There are no mistakes in Love

Ja was, wie soll ich diese Gänsehaut denn jetzt wieder weg kriegen? Scheiße. Ich blicke auf ein ganz gutes Zeitpolster, ich bin früh losgefahren und heute ist nicht viel los auf den Bundesstraßen südlich Hamburg, rund um Lüneburg. Auf der B4 zwischen Lauenburg und Uelzen, dieser waldigen Überlandstraße im typischen Niedersachsen-Stil: Vereinzelte Birken links und rechts, und dahinter Kiefern und Felder. Was die Flächenland-Idylle stört sind die zahllosen Kreuze, ebenfalls links und rechts, und es sind gefühlt noch mehr da als Birken auf diesem langen Teilstück. Seit ich denken kann bullern im Herbst die langsamen Rübentrecker mit zwei Anhängern aus der ganzen Umgebung zur Zuckerfabrik und bringen die Zuckerrüben von den Feldern zur Verarbeitung. Und jeden Herbst überholen ungeduldige Autofahrer diese Rübentrecker, bei Nacht und Nebel, und immer einige den Gegenverkehr und die Robustheit der Bäume am Straßenrand. Während über der Lüneburger Heide der malzig-süße Geruch der Rübenkampagne liegt, wird auf der B4 gestorben. Einige Kreuze sind so alt, dass man sie kaum noch erkennen kann. Solche Gedanken sind nicht gerade gut dafür, die musikalisch verursachte Gänsehaut zu glätten. Also halte ich mal an und mach ein paar Bilder von dem Typen mit dieser irren Jacke.
Die Jacke habe ich in Amsterdam gekauft, und nein, ich war nicht im Drogenrausch. Sie ist älter als der Mercedes und hat im Gegensatz zu ihm definitiv keinen red dot Design Award gewonnen. Mit dem grob gewebten Ding und den bunten Aufdrucken bin ich in den 90ern tatsächlich rumgelaufen 🙂 Da waren die 80er schon lange vorbei. Im Postkasten steckten noch vor wenigen Jahren die handschriftlichen Briefe von Markus und Olaf, mit den neuesten Ereignissen aus dem Alltag und bunten, selbstgezeichteten Comics. Freundschaften haben sich neu geordnet, Kinder wurden groß und plötzlich ging so etwas wie das „Leben“ los. In den 90ern kamen plötzlich Einladungen zu Hochzeiten, Geburtsanzeigen, safe the dates zu Kaffeekränzchen wegen Taufen und irgendwie auch die ersten Briefe mit wenigen Worten und einem schwarzen Rand. Fahrradfahrer wurden Autofahrer, Camper wurden Eigenheimbesitzer und Knutscher wurden Ringestecker. Ich habe sogar noch während meines Studiums, als sich die Wege der befreundeten Kinder verloren, den Kasperfaktor hoch gehalten und mich nicht nur schräg gekleidet. Ich habe mich geweigert, erwachsen zu werden. Und trotzdem ist es passiert, vielleicht genau deshalb viel verletzender als wenn ich mich freiwillig drauf eingelassen hätte.

Generationen treffen aufeinander

Generationen treffen aufeinander

Aber was macht man in diesem Leben schon freiwillig? Ich habe gerade die schlimmsten drei Jahre hinter mir, die beschissendsten Nachrichten überhaupt bekommen und die klarste Erkenntnis, dass das Leben eines Erwachsenen es nicht immer gut mit dir meint erfahren. Und jetzt geht es weiter. Jetzt besinne ich mich auf die schönen Momente in dieser Zeit, die Lichtstrahlen durch die grauen Regenwolken und die Gegenwart von Freunden, die immer sein werden. Die einfach da sind, egal was passiert, die sich den ganzen Mist immer und immer wieder anhören und die am Ende noch immer da sind. Plötzlich bin ich erwachsen geworden. Hart und schmerzhaft. Innerhalb kürzester Zeit trennt sich Spreu vom Weizen, müssen Entscheidungen gefällt und muss losgelassen werden. Kryptisch? Ja, aber was soll’s, nicht mehr als sonst oder? Nehmen wir einfach das Leben so wie es ist und ändern wir die Dinge, die uns belasten. Das geht am besten, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt und eine bunte Jacke aus Amsterdam anzieht 🙂 Ich werf noch die Xenon-Brenner an, dann ist’s auch fein hell. Ich blicke nach vorn und heute gleichzeitig zurück. Das fühlt sich gut an. Sehr gut.

Licht? Ja. Auch.

Licht? Ja. Auch.

Posing ging schon 1986. Damals war ich allerdings mit einem Fahrrad unterwegs, hatte viel längere Haare, Pickel und meinen Freund Lutz dabei. Im Jahr danach den Binz. Ripdorf bei Uelzen hatte eine magische Anziehungskraft für mich bekommen, ich war dort frei und fern meiner Eltern. Ich konnte dort mitten in der Nacht nochmal durch das Dorf laufen und über dies und das mit Lutz reden, ohne dass mich jemand fragt, wann ich wieder da bin. Selbstverständlich war Lutz ein bisschen in Silke verknallt. Binz im Jahr drauf auch. Und ich ja sowieso. Dieses leichte Kribbeln legte in jedem Sommer einen aufwühlenden Zauber des Verbotenen über die Abende und die Nächte. Wir waren Teenager, gebeutelt von Hormonen, getrieben von banalen Gedanken und gefangen in einem Jahrzehnt, in dem nicht ganz sicher war, ob vielleicht in ein paar Wochen alle im nuklearen Winter verrecken würden. Ich bin dieser Angst und diesen Gefühlen damals konkret mit zwei Aktionen begegnet: Gitarre spielen und Lebkuchenherzen in einem Kirschbaum aufhängen. Es gibt eine Menge Bilder von diesen Touren und diesen Tagen. Vielleicht tu‘ ich Ihnen das beizeiten mal an 🙂 2014 habe ich das Fahrrad gegen einen Mercedes-Benz S210 220 CDI Avantgarde getauscht, ne alte Karre, aber ich mag ihn. Der Weg ist der gleiche. Das Ziel auch. Die Gefühle sind inzwischen anders, aber noch immer interessant…

Damals war es ein Fahrrad

Damals war es ein Fahrrad

Merken Sie was? Ich zögere die Zeit raus. Ich habe echten Respekt vor diesem Abend, gut gelaunten Respekt, neugierigen Respekt, aufgeregten Respekt. Ich glaube, das ist ganz normal, wenn man eine alte Freundin, in die mal immer wieder mal ziemlich doll verknallt war und für die man damals ein paar echt verzweifelte Teenager-Balladen geschrieben hat, nach so vielen Jahren wiedersieht. Verkleidet als Jensi. Warum nochmal genau? Ach ja – um die Scheiße, die gerade am Abklingen ist ein bisschen bunter zu färben und der gesamten Szenerie eine lustige Absurdität zu geben. Das funktioniert. Allerdings passe ich in diese Jacke nicht mehr richtig rein, also weg damit auf den Rücksitz.

Okay Folks. Vorbei an der Siedlung, wo ich aufgewachsen bin und in der ersten Reihe dem Drama der Trennung meiner Eltern beiwohnen durfte. Vorbei an einem grauen Gewerbegebiet, was bis vor ein paar Jahren noch eine grüne Wiese am Rand des Waldes war, wo der Baum steht, in den ich alle meine Jugendlieben mit einem Messer eingeritzt habe. Vorbei an genau diesem Wald, den es noch immer gibt. Den Baum auch? Ich muss nochmal wiederkommen. Über die Kanalbrücke rüber, rechts ab – und ich bin da.

Statt Uelzen

Statt Uelzen

Hier geht sie nicht erst los, meine Vergangenheit, ich bin schon mitten drin. Einmal links abbiegen, dann einmal rechts und die schmale Straße führt entlang der Mauer des Bauernhofes, wo ich all diese unbeschwerten Stunden verbracht habe. Der Name auf dem Schild ist noch immer der gleiche, aber so wie das hier aussieht gibt’s keine Schweine mehr. Früher gab es hier unfassbar viele Schweine in den Ställen, deshalb bekamen Silkes Eltern auch immer alles, was die irgendwie futtern konnten angeliefert. Und manchmal waren das die Überbleibsel eines Jahrmarktes und seiner Zuckerbäcker. Lebkuchen, Popcorn, was weiß ich noch alles. Und manchmal, wenn der Sommer fast vorbei war, haben die Schweine nicht alles davon bekommen. Manchmal hat ein nicht erwachsen werden wollender Teenager auch den ganzen Krams in den Kirschbaum gehängt.
Der Kirschbaum ist weg. Der Plattenweg dahin und die Hecke auch. Mist. Aber die Treppe zur Haustür ist die gleiche, der Klingelton kommt mir bekannt vor. Ich bin schrecklich aufgeregt. Silke macht die Tür auf und drückt mich. Als wären keine 15 Jahre oder so vergangen. Sie entkorkt den Wein, und ich werfe den alten Einweg-Grill an. Nicht unter dem nicht mehr anwesenden Kirschbaum, sondern unter einem Vordach mit Blick auf das, was vom damaligen Garten noch übrig ist. Gut so, denn es wird kalt und fängt leicht an zu regnen.

Würstchen auf dem Einweggrill

Würstchen auf dem Einweggrill

Reden. Unfassbar viel reden. Sabine ist anfangs auch dabei, Silkes große Schwester, die ich damals nur am Rande wahrgenommen hatte. Irgendwann ist man in einem Alter, da spielt es keine Rolle mehr, dass 8 oder 7 oder 9 Jahre zwischen den Anwesenden sind. Damals schon. Mit 16 war für mich jeder über 20 schon echt alt, und die Leute über 40 waren spießig, langweilig und scheintot. Krass. Ich bin inzwischen spießig, langweilig und scheintot, zumindest in den Augen des kleinen Jensi in den 80ern. Der sich damals gar nicht so klein fand. Wir bringen die Zeit seit der Jahrtausendwende auf den aktuellen Stand und trinken Rotwein. Ziemlich sicher viel zu viel davon, irgendwann (sehr bald) sind meine beiden Flaschen alle, aber in Ripdorf ist man vorbereitet. Was soll’s. Die Qualität der Fotos genügt anschließend nicht mal mehr dem Blog 🙂 Inzwischen ist es dunkel, der Regen hat wieder aufgehört, dafür kriecht die Kälte langsam an mir hoch. Mal schnell den Pulli anzuziehen. Ist noch Wein da?

Spät? Ja.

Spät? Ja.

Zeit? Was ist das denn? Wir lachen und frotzeln, als wären höchstens ein paar Monate vergangen, seit wir uns zuletzt gesehen haben. Was ist in den ganzen Jahren passiert? Wir erzählen es uns. Und werden nicht müde, jedes noch so unwichtige Detail nachzufragen. Zwischendurch schweifen wir immer wieder ab in die 80er, zu den Kindergeburtstagen bei Michelle (inzwischen verheiratet, ich fuhr den Brautwagen, erinnern Sie sich?), zu Olaf (die sehr sehr emotionale Geschichte mit den Poesiealben) und zu Markus. Zu Menschen, die woanders sind und zu Menschen, die GANZ woanders sind, weil es sie nicht mehr gibt. Sie warten vermutlich jetzt auf die Antwort auf die Frage, wie ich die Beziehung zwischen Silke und mir im Jahr 2014 definiere? Ganz einfach: Wir sind Freunde. Und das waren wir doch schon immer. Wir singen die Lieder von damals und ein paar neue, die in den Folgejahren dazu gekommen sind. Die das Leben geschrieben hat. Ich habe ein paar Kerzen angezündet (es gibt so ein paar Lieder, da habe ich mir mal geschworen, dass ich die nur bei Kerzenlicht singen werde) und ich schwebe in einer zeitlosen Blase aus Vergangenheit und Gegenwart. All diese Geräusche um mich rum sind so vertraut. Es riecht wie damals, nach nassem Gras, nach Bauernhof und ein bisschen nach einem Sommer, der langsam vorbei ist. Komm Silke, lass uns eine Runde durch das Dorf gehen, bevor wir in unsere Betten krabbeln. So wie 1986.

Unterwegs durch Ripdorf

Unterwegs durch Ripdorf

Der größte optische Unterschied zu 1986 ist, dass ich damals noch keinen Wein getrunken habe. Deshalb sind auch die meisten Bilder von damals echt super geworden. Heute ist das ein bisschen schwierig, die Melange aus antiker Digitalkamera, einer nicht näher bekannten Anzahl an Rotweinflaschen und einer Dunkelheit, mit der dieser Autofocus anscheinend nicht klarkommt legen einen Nebel des Vergessens über die Bilder. Silke friert. Also lege ich ihr meine schlimme Amsterdam-Jacke um, in die sie dankbar reinschlüpft. Ripdorf. Ich kann gar nicht sagen, ob mir diese abendliche Runde durch die Straßen noch in der Erinnerung hängt, weil es inzwischen so spät ist, dass alle Straßenlaternen ausgeknipst wurden. Und das bedeutet: Es ist dunkel. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie dunkel es in Niedersachsen sein kann, wenn das Licht aus ist. Aber das macht nichts, wir halten uns aneinander fest, schieben uns in die jeweils richtige Richtung und kommen irgendwann auch wieder heil und ohne gebrochene Knochen auf dem Bauernhof an. Silke geht schlafen. Ich auch. Sie nach oben in ihr altes Zimmer, ich bleibe hier in meinem Auto und krabbel so wie ich bin (nur ohne Schuhe) unter die Decke und den Schlafsack. Verdammt, ist das kalt. Der Sommer ist vorbei, ich kann es echt nicht glauben. Er war so schnell vorbei. Warum scheinen eigentlich nur die kalten und einsamen Zeiten immer da zu sein? Zitat Ende.

Kein Zelt. Viel besser als ein Zelt.

Kein Zelt. Viel besser als ein Zelt.

Gute Nacht ihr alle da draußen. Das war ein schräger Tag. Bevor ich in einen alkoholisierten, traumlosen Schlaf falle denke ich noch ein bisschen über Freundschaften nach. Warum sie so sind, wie sie sind. Und warum einige halten und andere nicht. Bevor ich mit diesen Gedanken zu einem Ergebnis komme schlafe ich auch schon ein. Durch das halb offene Fenster rauschen die Blätter im Nachtwind. Es riecht nach Zuckerrübensirup und Landluft, von fern höre ich die Autos auf der Umgehungsstraße fahren und irgendwo tutet ein Schiff auf dem Kanal.

Sandmann


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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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6 Responses to Silke

  1. Graf Drehzahl sagt:

    Moin Sandmann,

    Freunde… vergangene, aktuelle, zukünftige… das is so´n Thema für sich.
    Früher wollte ich nie wahrhaben, daß Freundschaften einfach mal enden können. Das is halt der Lauf der Geschichte, da kann man nix machen. Bei einigen war ich traurig nach deren Ende, bei anderen wieder gar nich (war dann wohl auch nix Richtiges, aber das merkt man ja erst später).
    Um aber mal auf deine Geschichte zurück zu kommen: Ich hatte im Sommer Klassentreffen und habe 2 gute Freunde von damals wieder getroffen. Erst saß man sich etwas steif gegenüber, hat sich büschen beschnuppert, aber plötzlich war´s wieder fast wie früher. Eventuell hat man mittlerweile andere Ansichten zu den verschiedensten Themen, optisch bleibt man auch nich immer der Gleiche. Aber im Gespräch hat man gemerkt, die Freundschaft is immer noch da, da konnten auch die ganzen Jahre nix dran ändern.
    Und das is wie ich finde doch ein versöhnlicher Abschluß und ne zufriedenstellende Gewißheit.

    Grüße, Graf Drehzahl

    • Sandmann sagt:

      Ay Herr Graf,

      wieso ein Abschluss? Die Erkenntnis kann auch ein Anfang sein. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass Freunde viel wichtiger sind als die meisten anderen Menschen, von denen man dachte, dass sie vielleicht wichtiger sind als so manche Freunde…
      Und wenn dir das erst bei einem Klassentreffen klar wird – na und? Is nie zu spät.
      Für mich wird 2015 eine Art Neuanfang. Und ich werde mich mal wieder um Menschen bemühen, die mir einmal was bedeutet haben. Die etwas bedeuten in meinem Leben.

      Freundschaft hat viele Gesichter.

      Sandmann

  2. Bo Brockmann sagt:

    Hey Sandmann,

    deine Geschichte könnte so ähnlich ca. 8 Jahre später (ich bin 79 geboren) bei mir abgelaufen sein, jedenfalls gibt es da erstaunlich viele Parallelen. Ich spiele zwar nicht Gitarre, bin aber trotzdem Musikfreak. Ausserdem bin auch ich in Niedersachsen aufgewachsen. Zwar in Jesteburg und Lüllau, aber die Alleen sehen da wohl nicht großartig anders aus. Das tolle ist, dass ich eigentlich schon lange pennen wollte, aber deine Querverweise zu anderen, von Dir verfassten Stories, lassen mich einfach nicht zur ruhe kommen! 😉 Jedenfalls bin auch ich auf Höfen und im Dorf groß geworden und weiss auch, wie Dunkel die Nächte in Niedersachsen sein können. Wir hatten bei uns am Feuerwehrhaus einen Schalter, mit dem die Straßenbeleuchtung im ganzen Dorf eingeschaltet werden konnte. Die ging nämlich um 22!! Uhr Automatisch aus. Deswegen wurden wir auf Parties irgendwann nachts unvermittelt vom Ortsbrandmeister nach Hause geschickt, weil er JETZT die Straßenbeleuchtung für ne halbe Stunde anschaltet… Hach, das waren Zeiten. Die Dörfer aus meiner Erinnerung sind aber gar nicht mehr da, denn sie haben sich so sehr verändert, dass ich sie nicht mehr wiedererkenne. Auch Freunde von damals sind nicht geblieben. Den einen, der hätte bleiben können, hat ja das gleich Schicksal ereilt, wie dein Kumpel. Auch das hab ich Dir hier schon mal geschrieben. Witzig eigentlich, denn sonst rede oder schreibe ich nie über solche Dinge. Da kannst Du mal sehen, was deine Geschichten mit manchen Leuten veranstalten. Mir hats gefallen und ich freue mich auf die Fortsetzung. Jetzt aber husch in die Kiste. Bo

    • Sandmann sagt:

      Ay bester Bo,

      danke für deine offenen Worte. Schau, is doch gut, wenn du hier mal aus dir rauskommst. Und wenn ich das mit ein paar Worten irgendwie erreichen konnte macht mich das glücklich 🙂

      Ja – Niedersachsen kann sehr dunkel sein.
      Ich kehre ja regelmäßig zurück in diese Gegenden meiner Kindheit, und dort ist noch vieles genau wie damals. Ob das gut oder schlecht ist weiß ich nicht, aber ich lade immer wieder meinen Akku auf. Indem ich einfach durch die Straßen ziehe und mich erinnere. Über den Schulhof laufe. Mal auf den Friedhof gehe 🙁

      In Ripdorf, von dem ich schreibe, ist äußerlich noch ALLES wie immer. Nur dass eben der Kirschbaum nicht mehr da ist. Was sich innerhalb der Häuser getan hat weiß ich nicht, die Familie von Silke lebt jedenfalls noch dort und ich kehre immer wieder gern zurück, jetzt noch lieber als vorher. Da ist die Zeit auf eine angenehme Art und Weise stehen geblieben…
      Am nächsten Morgen bin ich statt zu duschen zum Baggersee gleich nebenan gefahren, wo wir als Kinder immer die Sommer verbracht haben. Und reingehüpft. Aber das ist eine andere Geschichte 🙂 die kommt Mittwoch Abend oder so.

      Wenn du mal wieder nicht schlafen kannst/willst und nicht lange die Querverweise suchen möchtest… am rechten Rand des Blogs generieren sich immer zufällig Vorschaubilder von alten Geschichten neu. Ein Klick drauf – und es geht weiter 🙂

      Sandmann

  3. SteffenG sagt:

    Sehr geehrter Sandmann,

    in dem Ort, in dem ich geboren wurde und auch lange gelebt habe, hat sich seit der Wende viel verändert. Manchmal komme ich mir wie ein Fremder vor – und dann gibt es Orte, wie z.B. die Pizzeria meines ehemaligen Sportlehrers, in der wir und früher oft getroffen haben, und alles ist wieder da. Nur die Freunde, die haben entweder ihr fahrerisches Können überschätzt oder sind weggezogen. Nur wenige sind noch da, zu noch weniger habe ich noch Kontakt.

    Ich muss auch mal wieder Kontakt zu meiner Jugendfreundin aufnehmen…

    Steffen

    • Sandmann sagt:

      Ay Steffen,

      ich weiß nicht ob es ein bestimmtes Alter gibt, in dem man plötzlich wieder die alten Freunde und Freundinnen ausgräbt… Wenn ja, bin ich grad drin 🙂
      Zu meinen Uelzenern habe ich allerdings über die Jahrzehnte immer wieder den Kontakt gehalten. Liegt natürlich auch daran, dass mein Papa und meine große Schwester noch in der Nähe dort wohnen.
      Und dank des Internets findet man heute ja nahezu jede Verflossene irgendwie irgendwo wieder.

      Sandmann

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