Farvel, Danmark

So viel Glück muss sein.

So viel Glück muss sein.

Die letzten Minuten einer schönen Zeit.
Oft haben sie mich traurig gemacht. Oft haben mich sogar schon die letzten 24 Stunden einer kreativen Dänemark-Auszeit in ein pathetisches Tief aus Selbstmitleid und nicht-loslassen-Können gestürzt. Immer wenn etwas zu Ende ist, habe ich damit ein Problem. Ein Therapeut würde sich bei der Analyse meiner Kindheit die Finger lecken, doch heute wäre ich kein interessanter Patient. Heute stehe ich hier, in diesen letzten Minuten einer schönen Zeit, und ich bin nicht traurig. Warum nicht? Liegt das an der bunten Glückskette, die mir mein viertelfinnisches Sandmädchen gebaut hat? Funktioniert die etwa wirklich? Oder liegt es am grauen Nieselregen, der sich wie eine kalte, nasse Decke über das Land legt, so furchtbar und einsam, dass man einfach gute Laune haben muss? Ich weiß es nicht.

Voll hin, halbvoll zurück.

Der war auch schon mal voller.

Der war auch schon mal voller.

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen ich alle Lebensmittel für eine ganze Woche schon in Deutschland kaufte, weil sie in Dänemark viel teurer sind. Das sind sie noch immer, vor allem bei Kobmand Hansen mitten in Henne Strand, hier ist der Tourismus-Aufpreis sagenhaft. Aber es macht so viel Spaß, da einzukaufen! Die luftigen Brötchen, die gesalzene Butter, die Leverpostej und die in Dänemark hergestellte Tiefkühlpizza. Alles schmeckt so anders und so gut 🙂 Und alles ist so herrlich ungesund und frei von Nährstoffen. Auch das ist inzwischen für mich Dänemark, das mache ich mir doch nicht mit Birkel Eierwickli, Nutella und Böklunder Bockwurst kaputt. Nein nein. Nur guten Wein importiere ich, den können die hier einfach nicht. Und sie lassen es sich trotzdem fürstlich bezahlen. So kommt es, dass der Kofferraum einer schlichten Stufenhecklimousine für den ganzen Schaddaradatsch einer ganzen Woche völlig ausreicht, inklusive Bettdecken, Computern, Kaminholz und Briketts. Toll: Auf dem Rückweg ist der mitgebrachte Wein ausgetrunken und das Holz verbrannt, also ist sogar noch Platz da hinten drin. Tz. Habe ich nicht in irgend einem Zimmer noch was vergessen? Nein.

Tschüss, Häuschen.

Tschüss, Häuschen.

Dann ist das jetzt wohl der Moment, der mir vor einer Woche, beim ersten Betreten des dänischen Häuschens, noch so weit entfernt schien. Der letzte Blick in die Runde. Alles ist pikobello sauber, wie üblich gefühlt wesentlich sauberer als bei der Ankunft. In diesem (nicht sagenhaft schön eingerichteten) Häuschen befand sich aber auch ein vorbildliches Arsenal an gesundheitsschädlichen Reinigungsmitteln, gemeinsam mit dem General und Meister Propper habe ich heute Morgen bei lauter Musik und Kaffee in Rekordzeit Aprilfrische auf den gefliesten Boden gezaubert. Klopapier und Küchenrollen habe ich gespendet, die Nachwelt wird dankbar sein. Meine Kaffeefilter sind wieder irgendwo in meinem Koffer ganz unten verschwunden, ungenutzt. Immer waren die alle, und immer kaufte ich neue, teure in Dänemark. Seit ich dran denke und aus Deutschland jene nun reichlich vorhandenen Filter mitnehme sind in jedem Haus ausreichend Filter im Schrank. Egal. Klick. Klack. Zu. Durchatmen, einmal noch das Kiefernharz durch die regennassen Nüstern ziehen.

Klick

Klick

Ich bin früh dran. Wenn man alleine unterwegs ist macht auch das Putzen keinen großen Spaß Aufwand. Die erwartete Welle von früh aufstehenden Niedersachsen und Bremern in ihren praktischen Sharans und Kangoos bei der Ferienhausvermittlung ist noch nicht da. Vermutlich streitet man sich gerade in multiplen Kemenaten darüber, wer das Klo und wer das Wohnzimmer putzen muss, wo der Playstation Stecker ist und warum der Hund schon wieder alles zerwühlt hat. Gut so.
Tach, war schön, hier ist der Schlüssel, farvel und tak.

Einmal noch auf den Blåbjerg

Henne Strand ist nicht für seine Gebirgswelten bekannt oder gar für seine alpinen Ausblicke berühmt. Aber ich kann hier nicht sieben Tage sein, ohne einmal den Blåbjerg bestiegen zu haben. Diese historische Erhebung mitten im Wald zwischen Henne und Houstrup. Fast schon mechanisch zähle ich die Stufen nach. Ich habe ein kleines, inzwischen sehr altes Filmchen, auf dem meine große (inzwischen 23 Jahre alte) Tochter oben vor dem Runenstein sitzt und auf einem Blatt Papier behauptet, es seien fümunsiepzich Schtufn bis ganz oben.

Einmal Blabjerg und zurück

Einmal Blabjerg und zurück

Ist es ein Fun Fact oder ist es eine Korrektur der Vergangenheit? Ich zähle nur driunsiepzich Schtufn und teile das der Protagonistin von damals auch gleich mit. Was ist passiert? Sind zwei Schtufn geklaut worden? Haben wir uns damals verzählt? Fragen über Fragen.
Es ist sogar bei diesem absoluten Scheißwetter sehr schön hier oben. Der knorrige Wald mäandert wie ein hölzerner Nebel unten über die Heide, und an so vielen Stellen könnte ich kleine Geschichten von spielenden und lustigen Quatsch brabbelnden Kindern erzählen. Aber dafür ist es heute dann doch zu nass. Noch immer springt mich die übliche Melancholie nicht an. Im Gegenteil, ich freue mich auf Zuhause und auf meine nächste Tour hier hin. Wie kommt das? Wo ist der Pathos?

Ganz oben in Dänemark

Ganz oben in Dänemark

Ich glaube, der tief drin sitzende und alles relativierende Pathos ist schlicht die Tatsache, dass es mir und meinen Lieben gut geht. Und dass sich gerade keine Katastrophen ankündigen, wie bei so vielen Dänemark Auszeiten. Einige standen unter keinem guten Stern. Das ist heute anders, ich fahre also quasi zurück in eine schöne Welt, auch wenn sie Alltag ist. Und das ist ja nun nicht das Allerschlimmste.

Werbung aus der Hölle

Kennt ihr dänische Radiosender? Irgendwelche? Die Musik ist erstaunlich gut, viel lokaler Kram – der aber ganz lustig ist. Nur wenn die Werbeblöcke kommen… wenn überdrehte Däninnen und Dänen viel zu schnell in dieser Angesoffen-Würgelaute-Kotzgeräusche-Kehlkopf-Sprache Produkte anpreisen und zu alberner Musik sich hektisch verbal übergeben… dann muss ich erst lachen und entscheide mich doch lieber für den CD Wechsler oder das iPhone. Aber die nächste Stunde höre ich noch Radio. Wenn ich schon mal hier bin. Ich mag außerdem dieses Grün, mit dem im Scorpio alle Armaturen und das unkonventionelle Nicht-DIN-Radio beleuchtet sind. Irgendwie… verströmt das eine stoische Ruhe.

Das... nur hier.

Das… nur hier.

Die Fahrt dauert knapp vier Stunden. Ich mag die dänischen Autobahnen nicht. Sie sind wie die A7 zwischen Hamburg und Kiel, aber mit viel weniger Autos und mit viel weniger Landschaft drumrum. Und zwischen Hamburg und Kiel ist auch schon echt nicht viel Landschaft, das könnt ihr mir glauben. Ich fahre lieber die Landstraße 11 über Varde und Ribe, da darf man nur 80 fahren, aber da kommen wenigstens ab und an mal kleine Städtchen mit ein paar Menschen. Skærbæk, wo ich immer albern an Airbag denken muss aber das noch nie jemandem erzählt habe. Brons, wo es den Brons Kro gibt, bei dem ich mich immer frage, wie der sich finanziell halten kann. Ålbæk, was so schnell kommt wie es wieder zu Ende ist und wo ich definitiv einen Blitzer aufstellen würde, wenn ich Blitzer aufstellen würde. Nebenbei frage ich mich da auch immer wieder, wann der Engländer endlich seinen Aal zurück bekommt, aber das ist 90er Jahre Kalauertum und ich behalte auch das für mich. Neben mir auf dem ledrigen Beifahrersitz hat Olaf, das Reiseschaf, platzgenommen. Er hat die ganze Woche über gut aufgepasst, dass ich keinen Mist mache und schnüffelt jetzt hungrig an der Papiertüte. Ich habe uns Reisebrötchen™ geschmiert, lecker mit salziger Butter, Leverpostej und Käse. Damit krümeln wir zwei jetzt bis hinter Ribe alles voll und schmatzen glücklich vor uns hin, während draußen ein grauer Regen niedergeht.

Musik, Essen und Olaf

Musik, Essen und Olaf

Alleine. Aber nicht einsam.

Vielleicht bin ich ja doch tief in meinem Herzen ein Reisender.
Meine Pendelei zwischen Kiel und Hamburg, zwischen Häuschen und Wohnung, zwischen großen Kindern und kleinen Kindern, zwischen Alleinsein und Familienleben wird mir nicht zu viel. Ich mache das gern, und mein Zuhause ist da, wo die Menschen sind, die ich liebe. Und auch ein temporäres Zuhause wie so ein Häuschen in Dänemark ist für den Moment ein Zuhause, denn in Hamburg und Kiel sind ja noch immer die Menschen, die ich liebe. Das fühlt sich gut an. Einsam sein ist nicht schön, aber ein paar Tage alleine sein tut uns allen sicherlich sehr gut. Gerade, wenn das Leben und der Alltag vollgepackt sind mit Menschen, Arbeit und Autos – in Dänemark komme ich immer wieder herrlich zu mir selbst zurück. Ich darf mich selbst nicht verlieren. Ich kenne zu viele Menschen, denen das über die Jahrzehnte nicht gelungen ist – und die das nicht mal merken.

Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder

Jetzt habe ich schon wieder viel mehr vor mich hinphilosophiert, als ich eigentlich wollte. Das hätte man auch in einem Absatz abhandeln können. Dänemark vorbei, putzen, abschließen und nach Hause fahren. Und selbst dann wäre dieser eine Absatz nicht besonderes spannend gewesen 😉 Danke, dass ihr bis zum Ende gelesen habt. Vielleicht lasst ihr ja auch einen Kommentar da, denn zu dem Thema „alleinsein“ kann doch bestimmt jeder von euch was erzählen, oder?
Mal sehen ob ich im November wieder hier bin. Im September ist noch so ein kleines Ereignis, was die nachfolgenden Monate ein wenig mitbestimmen wird 😀 Aber das ist eine andere Geschichte.

Sandmann

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Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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8 Responses to Farvel, Danmark

  1. MainzMichel says:

    Alleinsein hat schon was. Aber nicht auf Dauer.
    Ich selbst bin sehr selten allein unterwegs. Aber meine Frau unternimmt mit Ihren Schwestern ab und an mal etwas und ist dann mehrere Tage unterwegs. Wenn sie dann noch unseren Sohn mitnimmt, geniesse ich die Ruhe, die dann herrscht. Dann ist es einfach angenehm, sich um keinen Anderen scheren zu müssen, sich keine großartigen Gedanken zu machen.
    Nach ein paar Tagen reicht das dann aber auch wieder. Dann bin ich froh, wieder die ganze Baggage um mich zu haben und alles ist, wie man es gewohnt ist. Und wie es sein soll. Meistens jedenfalls.

    Adios
    Michael

    • Sandmann says:

      Ay Michael,

      genau so geht es mir aber auch.
      Ich würde bekloppt werden, wenn ich meine Damen nicht nach ein paar Tagen wieder um mich rum hätte. Ich vermisse die schon am ersten Tag, genieße es aber trotzdem. Wie du sagst: Einfach mal nur für sich selbst verantwortlich sein. Großartig.

      Gruß aus Kiel. Heute Abend allein, aber nicht einsam 🙂
      Sandmann

  2. Snoopy says:

    Was habe ich in Dänemark gelernt: Nur einmal selber geputzt, als dann alle wieder durchstürmten habe ich die Lust verloren. Das ist mehr Urlaub das machen zu lassen. Und nur Nutella muss mit. Das brauchen die Kinder angeblich zum Überleben 😉 , ist aber in Dänemark wirklich mehr als doppelt so teuer. Auch Brennholz gibt es jeder Ecke für ein paar Kronen. Und die ganzen Sachen ausprobieren. Und der Fischladen mit Räucherei… nur aus Essen gehen hat mich bis jetzt enttäuscht.

    • Sandmann says:

      Ay Snoopy,

      für eine Endreinigung (liegt hier bei rund 150 Euro) bin ich zu geizig. Zumal ich allein ja so gut wie keinen Dreck mache 😉 Mit dem ganzen Clan… würde das vielleicht anders aussehen. Ich weiß nicht.

      Den Holzerwerb vor Ort werde ich mal eruieren, das kostet da nicht die Welt und Holz nimmt echt viel Platz weg… Essen gehen ist glaube ich wirklich Glücksache. Also die Pizzaria am Ortseingang von Henne Strand kann ich vorbehaltlos empfehlen, da lohnt sogar mal ein kleiner Weg hin, wenn man woanders residiert.
      Fisch… Räucherfisch… neeeeee dazu muss man Fisch mögen 🙂 Örks.

      Sandmann

      • MainzMichel says:

        Du isst gar keinen Fisch? Willkommen im Club. Ich futtere auch nix, was aus dem Wasser kommt.

        Adios
        Michael

      • Snoopy says:

        Doch leckerer Fisch 🙂 Nur selber Angeln ist überhaupt nicht mein Ding. Und die lustigen Schlösser… jedes Jahr muss ich wieder kurz rätseln wie denn dieser Mechanismus funktioniert 😉

        • Sandmann says:

          Ay ihr,

          doch, ich esse Fisch. Aber nur den, wo Käptn Iglo drauf ist. Also alles was paniert und grätenfrei ist, ein Fischkenner würde also sagen dass ich DOCH keinen Fisch esse 😉
          Mir sind Gräten ein Greuel. Ich hasse Gräten. Sie verleiden mir das gesamte Essen. Also esse ich nur das, wo keine drin sind. Und was nicht geräuchert und möglichst fett paniert ist. Das geht dann…

          Sandmann

  3. bronx says:

    Dag,

    ich bin am liebsten in Bjerregård Strand. In unregelmäßigen Abständen seit 1994 immer mal wieder.
    Alleine dort hin geschafft habe ich das noch nie. Könnte mir aber mittlerweile auch mal eine solche Woche vorstellen. . .
    In Ruhe 2-3 Bücher lesen, die Zeit dazu ist kostbar geworden. Spazieren gehen, Strandwandern, Sauna und abends den Kamin an. Der obligatorische Besuch von Hvide Sande, ich wüßte schon, wie ich die Woche füllen würde.
    Aber spätestens nach dieser würde mir die Sippe fehlen. Meine Frau, die Jungs und meine Burg daheim. 😀

    Bjerregård, du er ikke glemt! 😉

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