Rad. Lauf. Chrom?

Unterm Chrom lauert das Grauen.

Unterm Chrom lauert das Grauen.

Die alte Bauernregel. Die, die mir meine Oma jeden Abend vor dem Einschlafen einbläute, sie klingt noch immer in meinen älter werdenden Ohren: „Hat der Vormann Chrom geschraubt, braune Pest von innen graut„. Kein perfekter Reim, aber eine Menge Wahrheit. Wer? Es muss wohl der Erstbesitzer gewesen sein, eine Versicherung in Berlin. Diese Bauernregel war dort anscheinend unter den östlichen Großeltern nicht bekannt, vielleicht gehörten die halbrunden Blinki-Bleche aber damals auch zum guten Ton des jungen wiedervereinigten Geschmacks? Vorweg: Ich -> mag die nicht. Außerdem zeigte sich schon beim Kauf meines ungeliebten Winterautos hinten links eine leichte Unterrostung, und deshalb müssen die Dinger jetzt runter. Dringend. Ah ja. Retrospektiv frage ich mich, ob das wirklich eine so gute Idee war.

Das Problem war bekannt.

Auf der Transitstrecke

Auf der Transitstrecke

Vielleicht haben sich nur wenig Interessenten auf das damalige Inserat gemeldet, weil sie Radlaufchrom ebenfalls scheiße finden?

  • In den 70ern gewann man diesen Zierrat ab Werk noch Attraktivität ab, sowas gab’s bei den gehobenen Ausstattungen der Limousinen reichlich.
  • In den 80ern stellten nachgerüstete Chromleisten nur noch die übrig gebliebene Geschmacksverwirrung einer alternden Generation dar.
  • In den 90ern hat Radlaufchrom schlicht nichts mehr zu suchen.

Wer in den 90ern ein Auto mit diesem Nippes nachrüstete, stand auf einer Stufe mit den Leuten, die kleine dünne Chrom-Klebeleisten um ihre Scheinwerfer, den Kühlergrill und jede vorhandene Sicke ihrer tiefergelegten Rest-Tüv E-Klasse pappten und damit funkelnden Luxus zeigen wollten. Stilistisch ist das ungefähr so geil, wie demonstrativ mit einer gefälschten Rolex am Handgelenk zu wedeln. Wer sowas tatsächlich mag – bitte, ich halte niemanden davon ab 🙂 Für mich entsprechen nachgerüstete Chromleisten an Autos, bei denen es sowas ab Werk nie gab, dem Schönheitsideal einer sozialen Unterschicht, in der dieses Fahrzeug niemals angesiedelt werden wollte. Verdammt. Und jetzt hab ich’s am Hacken.

Was für einen MIST man so machen muss...

Was für einen MIST man so machen muss…

Ich mein‘ hallo? 90ger Jahre? Da konnte man schon kleben, da konnte mal clippsen oder da konnte man wenigstens klemmen. An diesem Scorpio wurden die vermutlich sogar recht teuren Chromblenden mit schwarzen Kedern an den Kanten an das jungfräuliche Blech der Kölner Limousine gelegt und stumpf reingebohrt. Anschließend fein siiiit siiiiit siiiiiiiit sechs kleine Blechschrauben je Radlauf reingedreht, und fertig war die Laube. Irgend jemandem muss es a) gefallen haben und war es b) egal, wie lange es halten möge. Denn um eine Versiegelung der kleinen Bohrlöcher wurde sich genauso wenig gesorgt wie um die Langzeitfunktion der ebenfalls hier gern verbauten, sich selbst kompostierenden Kabelbäume. Die 90er waren schon seltsam. Ex und Hop. Hier noch was wegstreichen, da noch sparen. Und alles schön mit Chromleisten vordergründig kaschieren, damit auch der letzte angewidert wegschaut. Zurück zum Thema. Jede zweite Schraube überdreht oder reißt ab. Na herrlich.

... und das ist noch die beste Seite...

… und das ist noch die beste Seite…

Mit einem beherzten **KNIIIRSCH** lassen sich die jahrzehntealten Chromleisten runterziehen. Als ich bei Facebook darüber philosophierte lernte ich neue Vokabeln vom Kaliber des „Negerkuss“. Die einen nannten die Leisten „Sinti-Sicheln“, die anderen bezeichneten sie als „Zigeuner-Halbmonde“. Zitat Ende. Das ist in Zeiten, wo man darüber streitet ob das in Chemnitz denn nun ein „Mob“ war oder nicht, selbstverständlich voll nicht p.c., sowas sagt man nicht mehr. Warum sagte man es je? Angeblich, weil die genannten Volksgruppen ihre schweren Zugfahrzeuge gern mit Radlaufchrom ausrüsteten. Ich kann da nicht mitreden. Aber ich kann abbauen. Vorn rechts… oh jemineh, zwei Durchrostungen. Vorn links… puh, okay, sind ja nur die Kotflügel, da habe ich noch Ersatz liegen. Hinten rechts… Alter… handtellergroße, unterrostete Lackplatzer, an zwei Stellen durch. Hier muss ein neues Blech rein. Hinten links… okay. Also, nicht okay im Sinne von okay sondern okay!!! sowas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Der äußere Kotflügel ist auf einer Länge von über 30 Zentimetern in die ewigen Jagdgründe verschwunden. Der Innenkotflügel hat ebenfalls den Aggregatzustand geändert, das alles wandert runter bis zum Schweller unter der Tür. Der ist auf 10 Zentimetern ebenfalls dahin. Von innen kommt irgendeine schwarze Plastikfolie raus. Wahnsinn. Sowas kennt man sonst nur von den hinteren Radläufen fünf Jahre alter E-Kadetts. Hier hat die unversiegelte braune Pest unbemerkt und unbeachtet über Jahre ganze Arbeit geleistet! Ich bin erschüttert.

Alter Schwede...

Alter Schwede…

Das sieht jetzt noch beknackter aus als vorher 😀 Okay, ich gebe zu, ich habe die Leisten schon vor über einem halben Jahr runtergerissen, aber jetzt steht der TÜV an und ich finde diese Geschichte irgendwie… nun… ich sag mal ins Thema passend. Ich habe hier ein fast rostfreies Auto, was der Meister bei Ford in Hamburg auf der Bühne noch hoch gelobt hat. Bis auf die Radläufe. Er habe schon Scorpios gesehen, die nach 5 Jahren nicht mehr so gut wie dieser dastanden. Und dieses schwarze, eigentlich rostfreie Auto sieht an den Radläufen aus wie eine schlecht gespachtelte Möhre aus den 70ern! Da, und nur da. Schräg. Ein paar Jungs im Netz haben geschrieben, dass man mit den Chromleisten bestimmt schon vorhandenen Rost überdeckt habe. Das sei gängige Praxis. Das glaube ich in diesem Fall aber nicht, ich glaube eher, dass erst durch die Leisten der Rost freie Bahn hatte…..

Es gibt was zu tun - packen wir's an.

Es gibt was zu tun – packen wir’s an.

Ein Mann wächst mit seinen Aufgaben. Mir ist gerade ein Schlacht-Scorpio angeboten worden, gleicher Motor, Automatik, erst 90.000 gelaufen. Ich sollte den nehmen. Da kann ich dann auch die Radläufe rausdremeln und in meinen reinbraten, oder? Schließlich habe ich mir ein kraftvolles Schutzgas-Schweißgerät „Made in Germany“ gekauft, das soll endlich mal zum Einsatz kommen. Lohnt sich das? Nein, natürlich lohnt sich das nicht. Aber was lohnt sich schon in diesem Hobby? Ein 300SL? Ja. Ein 911? Ja, auch. Aber will ich das? Nein. Sodenn. Nun ist der Scorpio quasi nackig und funkelt nicht mehr um die Radkästen rum, im Gegenteil. Das „Pantherschwarz Metallic“ leuchtet in der Herbstsonne. Bis auf die Radläufe 😉 Links und rechts neben dem Auto sind meistens Parkplätze frei, weil die anderen Autofahrer Angst haben, dass der Rost auf ihre Kiste überspringt. So bekomme ich immer gut alle Türen auf, das ist doch toll. Ich fang dann mal an mit den TÜV Arbeiten. Und nächstes Wochenende fahre ich mit diesem Auto mit meinem viertelfinnischen Sandmädchen ein altes Baumhaus und ein Steingrab aus der Bronzezeit suchen. Denn kommt es nicht mehr auf die Geschichten an, die man mit einem Auto erlebt… als auf das Auto selbst?

Sandmann

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Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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7 Responses to Rad. Lauf. Chrom?

  1. Will Sagen says:

    Nu jammer‘ nich, schweiß eben neue Bögen ein. 😉
    Aber nicht aus nem Schlachtauto. Gibt doch garantiert billige Rep-Bleche.

    Btw.: Waren die Schrauben nicht son Feigenblatt für den TÜV, wie das auch bei Nachrüst-Spoilern üblich war?

    • Sandmann says:

      Tach schön,

      ja doch, ich schweiß ja. Aber warum nicht aus dem Schlachter? Die sind toll, passgenau und innen wie außen schon fertig. Einschweißbleche hab ich liegen, muss ich aber anpassen…

      Was meinst du mit Feigenblatt?
      Sandmann

      • Will Sagen says:

        Hmpf. Ist mein vorheriger Kommentar jetzt verschluckt worden?

        Jedenfalls meine ich, dass man die Teile schon längst nur hätte kleben können. Nur wegen irgendeiner TÜV-Regel mussten eben noch ein oder zwei Schrauben reingedreht werden.

  2. Radlaufchrom gehört für mich ebenso wie aufgeklebter Böserblick verboten! Und zwar mit EM beim TÜFF gestraft!

    Den Radlaufchrom findet man sehr gerne an W126, W202, W163 und Audi 100 C3. Fahrer sind zu 100% männlich, entweder übergewichtig oder mit dunklem Teint. Auf der Kofferraumklappe klebt gerne noch ein verwitterter Aufkleber (Fidéle-Rommé-Club, Angler-Stammtisch-Gießen e.V., Bitte ein Bit, ﻍ ﻑ ﻕ ﻙ ﺵ ﺹ , etc.).
    Wahlweise auf der Hutablage oder um die Rückenlehne des Fahrersitzes eine gelbe Warnweste, die nachgerüsteten Alufelgen (MAX. 16″) vorne sind mit Bremsstaub schon seit Jahren neu gepulvert.
    Die Ablagen in den Türen oder im hinteren Fußraum völlig vermüllt oder mit fürchterlich vielen Pfandflaschen übersät.

    …achsooo der Rost! Ja das ist ja noch im Rahmen. Lass Dich nicht entmutigen, schön raustrennen und Neues mit Fleisch einlöten. 🙂 Vielleicht noch vooor den Frosttemperaturen…Anfang der Woche warens morgens hier in Hannover schon -2°C… brrrrr…..

    Weiter machen! Salute!

    • Sandmann says:

      Ay Philipp,

      herrliche Vorurteils-Tirade, das hätte auch von mir kommen können 😀 Vielleicht fällt ausgerechnet mein Auto da raus. Der Vor- und Erstbesitzer war etwas älter und hat den Wagen als Langstreckengleiter im Außendienst für eine Versicherung benutzt. Der ist innen wie neu und hat ansonsten keine Aufkleber 😉

      Schweißen werde ich frühestens ab November. Möge das Wetter sich warm halten. Momentan sind meine Vatertätigkeiten erst einmal mehr gefragt als rostfreie Radläufe…

      Prost
      Sandmann

  3. Mahathma says:

    Hallo Sandmann, auch Du stellst bei solchen Autos die „Lohnt-sich-das-Frage“. Natürlich „lohnt“ sich das! Ich habe gerade nach 4 Jähriger Restauration mein E30-Cabrio wieder zugelassen. Das ist nur ein 318i und deshalb „lohnt“ sich das nicht. Oder doch? Auf jeden Fall treibt mir das Auto mit jedem Kilometer das Grinsen ins Gesicht, es führt an der Tankstelle zu „Benzingesprächen“ mit wildfremden Leuten die hochpreisige Auto chauffieren und einer „lässigen Ignoranz“ gegnüber Leuten, die sich über einen „schicken“ Neuwagen profilieren wollen. Im Moment versteht sicherlich keiner, dass Du soviel Arbeit in ein derart ungeliebtes Auto steckst, aber wenn man es SELBST gemacht hat sitzt man später einfach stolz „wie Bolle“ hinterm Lenkrad. Einfach machen! Es muss ich für einen SELBST lohnen. Für sonst niemanden…

    • Sandmann says:

      Ay Mahatma,

      du schreibst genau das nieder, was ich denke und was ich hier auch bei anderen Autos schon oft erzählt habe. Natürlich stelle auch ich die Frage, ob sich so etwas lohnt. Aber ich beantworte sie ja quasi noch im selben Satz mit einem klaren NEIN, zumindest aus wirtschaftlicher Sicht. Scorpios mit TÜV ohne Radlaufrost gibt es für 500€. Vielleicht ohne Leder, aber egal. Na und?
      Ja, ich mag dieses Auto. Eben. Und ich investiere minimal Geld und ein bisschen Zeit. Für den Gegenwert würde ich drei Scorpios kaufen können, aber du hast völlig Recht: Dieses Gefühl, etwas selbst wieder heile gemacht zu haben, ist klasse. Nicht nur austauschen, sondern reparieren. Mit Fernsehern oder Telefonen macht das keiner mehr, aus den selben Gründen. Aber ich habe alle Teile da, sogar ein komplettes Automatikgertiebe. Ich muss völlig verrückt sein. Aber ist das nicht ein tolles Gefühl? 😀

      Ja, für MICH lohnt es sich. Und wenn mir auf dem Supermarktplatz einer mit dem Einkaufswagen reindizzt, lade ich ihn noch zum Bier ein 😉
      Sandmann

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