Zeig’s mir, Christine

Angst? Ja - vielleicht...

Angst? Ja – vielleicht…

Das rote Auto ist für viele ein alter Plymouth mit Flossen aus den späten 50ern, einer dieser Saurier. Der schräge Vogel, der dem Wagen einen Roman gewidmet hat ist für viele zwar ein weltberühmter Schriftsteller, der triviale Horrorgeschichten verfasst – aber er wird damit niemals in den Olymp der tiefgeistigen Literatur aufsteigen. „Christine“ ist meine Jugendsehnsucht, ein Roman aus den 80ern, seine Verfilmung von John Carpenter ist für den kleinen 12jährigen Jens der Beginn seiner Autoverrücktheit. Und dann kommt so ein Typ, Andreas Schmidt, und fragt ob ich mal Christine live erleben will. Fertig ist der ganz persönliche Film. Gerettet in die Gegenwart, bezahlt, gegruselt und gefahren. Dies ist die Geschichte von einem roten Monster in einem grünen Tal. Sogar mit Happy End.

Adolph Beck - und Christine

Adolph Beck – und Christine

Klappe, die erste: Es sind gute Zeiten im Amerika der späten 50er Jahre. Rock ‘n‘ Roll sägt aus den Röhrenradios, und der American Way of Life eskaliert im Design der Automobile. Am 6. Februar 1958 rollt in den Chrysler-Werken in Evansville, Indiana, ein rot/weißes Plymouth Savoy Hardtop Coupé vom Band und wird in die Ausstellungsräume der Barker Implement and Motor Company in Lenox, Iowa, geliefert. Der in Deutschland geborene Adolph Beck, mit seinen 70 Jahren längst im Ruhestand, verliebt sich auf den ersten Blick und gönnt sich das für seine Ausstattung und Motorisierung relativ preiswerte Auto für seinen Lebensabend.

Was Feines für den Rentner, damals

Was Feines für den Rentner, damals

Ein Plymouth gilt als robust und arbeitsam, eine für Europäer nicht nachvollziehbare Form von Understatement der Chrysler Corporation im Schatten von Cadillac und General Motors. Beck fährt mit seinem Auto jeden Sonntag bei gutem Wetter raus an den See zum Angeln. Bei dem noch heute existenten Autohaus erinnert man sich noch gut an seine Angelruten und die Reusen, die immer aus dem heruntergelassenen hinteren Fenster hingen. Der Plymouth begleitet den alten Mann bis zu seinem Tod 1975. Die Witwe kann mit dem schon lange nicht mehr zeitgemäßen Saurier aus dem Pleistozän nichts anfangen und gibt ihn gegen einen Duster in Zahlung.

Flossen hoch! Gott wie sexy das ist!

Flossen hoch! Gott wie sexy das ist!

Wenige Jahre später schreibt der amerikanische Bestsellerautor Stephen King den Horror-Roman „Christine“, in dem er einen rot-weißen Plymouth Fury von 1958 die Titelrolle spielen lässt. John Carpenter verfilmt die Romanvorlage 1983 und verschafft damit dem Auto einen unsterblichen Platz in meinem Kopf. Mit 12 Jahren sehe ich den „Horror“film, höre den Soundtrack aus 50er Jahre Rock’n Roll und bin fasziniert von diesem Auto, von seiner Farbe, seiner Größe und seinem Sound. Von seiner schieren Kraft und Einfachheit. Die Parallelen zu diesem Auto hier lassen sich mit bunten Farben nachzeichnen: Im Film läuft das Coupé mit der herausstechenden Sonderlackierung neben all den beigen Normalkarossen vom Band. Und „beißt“ dann auch gleich einen Vorarbeiter. Na ja, die Kiste ist halt durch und durch böse 😉 Ich hab mir gleich nach dem Film das Buch gekauft und an drei Tagen komplett verschlungen. Nicht schlecht für einen 12jährigen, oder?

Ein wahrhaft eigenwilliges Cockpit

Ein wahrhaft eigenwilliges Cockpit

Stephen King, von dem Tag an bis heute mein Lieblingsautor, lässt den ziemlich spießigen und gemobten Teenager Arnie Cunningham gegen den Willen seiner Eltern das völlig verwahrloste Fahrzeug in den frühen 80ern vom alten George Lebay kaufen (der erschreckende Ähnlichkeit mit Erstbesitzer Adolph Beck hat). Arnie nennt den Wagen „Christine“. Und damit beginnt der Horror: Der Plymouth stellt sich zwischen Arnie und alle seine Peiniger und radiert diese in Eigenregie der Reihe nach aus. Der Gruselfilm, für den 20 Fahrzeuge über die Klinge springen mussten, weckt trotzdem Begehrlichkeiten und verschafft dem in Vergessenheit geratenen Auto aus den späten 50ern eine neue Fangemeinde. Dabei war es gar kein echter „Fury“ da auf der Leinwand, denn das top ausgestattete und hochmotorisierte Modell war schon 1983 schwer zu bekommen. Also mussten Fahrzeuge vom Typ „Belvedere“ und „Savoy“ herhalten. Die sahen aber fast genau so aus, und mir als kleinem Anfangs-Teenager war das egal.

Wundervolle Details wohin ich sehe

Wundervolle Details wohin ich sehe

Klappe, die zweite: Beck’s Witwe kachelt mit dem Duster durch die Gegend, und die rote Flossenfuhre findet einen neuen Freund. Todd A. Timmerding, der unser Savoy Hardtop Coupé von George Lebay – nein, verzeihen Sie – von Adolph Becks Witwe ersteht, will daraus auch eine „Christine“ machen. In den 90ern kann er mit Hilfe eines verunfallten „echten“ Fury seinen Savoy fast ebenbildlich ausstatten: mit den „Hockey-Stick“-Zierleisten an den Seiten, dem originalen Interieur und den „Bumper Wings“, den krönenden Stoßstangenecken. Die Zeit läuft einfach weiter. Ich habe den Film inzwischen vier mal gesehen und mit unzähligen Zeichnungen das Auto in meinem Kopf festgebrannt. Sogar das Nummernschild habe ich mir aufgemalt. Christine lässt mich nicht mehr los, bleibt aber nur im Hinterkopf, den wo in Deutschland sieht man schon so ein Auto? Amerika kann ich mir damals noch nicht leisten. Und das Auto bewegt sich ebenfalls weiter: Aus Hauptdarsteller Arnie Cunningham (schüchterner Teenager) wird der real existierende Andy Schmidt (Dipl. Ing aus Erkrath), als das neue Jahrtausend schon lange in Gange ist.

LeBay? Nein, Schmidt.

LeBay? Nein, Schmidt.

Auch Andy kennt den Film, auch Andy entwickelt daraufhin in jungen Jahren eine Vorliebe für Amis aus den 50ern. Und auch Andy hat, so wie im Film, irgendwann genug Geld zusammen, um im Internet nach einem 1958er Plymouth zu suchen und 2010 bei ebay über Christine zu stolpern. Er macht sozusagen das, was ich mit 12 aus verschiedenen Gründen noch nicht hinbekommen habe. Andy ist nicht ganz so besessen wie Arnie Cunningham, deshalb erbittet er fachkundige Hilfe von Wolfgang, denn das Zeitfenster der ebay-Auktion wird kleiner. Wolfgang rät jedoch zu Umsicht, denn man liest und hört (auch hier bei uns) ja die haarsträubendsten Geschichten von Blindkäufen in den USA. Und so endet die Auktion um das rassige, zweitürige Hardtop-Coupé zwar mit vielen Mails an den aktuellen Besitzer Scott, aber ohne ein Gebot von Andy.

SO rücken Träume in greifbare Nähe

SO rücken Träume in greifbare Nähe

Halt: der Höchstbietende kauft das Auto nicht. Ein lustiger Spaßbieter. Vielleicht hat Christine ihn auch nur einmal böse schräge angesehen – jedenfalls kneift er. Scott meldet sich bei Andy, und man beschließt, die Sache außerhalb des Onlineauktionshauses zu regeln. Der Gutachter von Carchex begutachtet, Wolfgang berät – und nach 52 Jahren auf amerikanischen Straßen verlässt der zum Fury „gepimpte“ Plymouth sein Heimatland mit einem Schiff in Richtung Rotterdam. Andy erfüllt sich nervös den Traum, den ich seit meinem 12. Lebensjahr habe.

Böse? Das liegt im Auge des Betrachters.

Böse? Das liegt im Auge des Betrachters.

Klappe, die dritte: Böse wirkt das rote Auto, was da aus dem Container herausrollt auf Andy nicht. Aber auch nicht gesund. Eine spätere Leistungsmessung am Motor ergibt riefige und rostige Zylinderlaufbuchsen, zwei Risse im Block, eingeschlagene Ventilsitze und eine lose Steuerkette. Die Dame ist ein wenig malade. Diese Christine kann sich aber nicht wie im Film selbst heilen und braucht eine komplette Herzüberholung, was eine fünfstellige Summe verschlingt. Und sie trotz Andys Euphorie erst einmal monatelang lahmlegt.

Das krasse Herz eines wahnsinnigen Autos

Das krasse Herz eines wahnsinnigen Autos

Der Block wird gebohrt und gehont auf +0,03″. Neu kommen: Kolben, Pleuel, Nockenwelle, Ventile, bleifrei-Ventilsitze, Ventilführungen, Kipphebel und Wellen, Ölpumpe, Wasserpumpe, elektrische Benzinpumpe… Zur Krönung wird das Ergebnis noch Gold lackiert, wie beim original Fury-350cui-Motor „Golden Commando„. Verschiedene Scharmützel mit „Bob, dem Blechmeister“ und einer eingestürzten Halle verzögern Christines Fertigstellung weiterhin, aber Andy gibt nicht auf. Er baut alles aus, was er mit nach Hause nehmen kann und legt selbst Hand an. Ölwanne, Ansaugbrücke, Abgaskrümmer, Kettengehäuse, Ventildeckel, Antriebswellen, Hinterachse… alles wird im Wohnzimmer zwischen Sofa und Fernseher vom Jahrzehnte alten Öldreck befreit und neu aufgearbeitet. Sowas verbindet. Glauben Sie mir. Nach Fertigstellung des Motors wird auch das Zweistufen-Getriebe plus Wandler in einer Spezialwerkstatt aufgearbeitet, zwei neue verchromte Stoßstangen geordert, die Felgen gestrahlt und pulverbeschichtet und eine neue Inneneinrichtung sowie neue Weißwandreifen bestellt. Im Mai 2012 erwacht das Fahrzeug erstmals seit der Überführung wieder zu neuem Leben – und besteht den Soundcheck auf Anhieb. Christines Herz schlägt und schlägt und schlägt.

Rock'n Roll

Rock’n Roll

Das Wertgutachten weist eine echte 2+ auf, und getrübt wird Andys Freude nur vom Prüfer, der das H-Kennzeichen abnehmen soll. Nach all der perfekten Arbeit scheitert der Plymouth an einem kleinen Riss im Fahrersitz, ein paar Bläschen an den Schwellern und einer „unzureichenden“ Lackierung der unteren Aufbauflächen. Keine Plakette. Im Film hätte sich Christine in der kommenden Nacht aus der Garage geschlichen und den schreienden Prüfer brennend und fauchend direkt vor seinem Haus überrollt. So etwas lässt sie nicht mit sich machen und beendet, was ihr Besitzer nur im Kopf durchspielt.

Schaurige Beleuchtung mit verdrehter Zeituhr

Schaurige Beleuchtung mit verdrehter Zeituhr

In der realen Welt flickt Andy den Riss im Sitz notdürftig (die neuen Bezüge sind noch unterwegs) und fährt kurzerhand zu einer anderen Prüfstelle, wo man dem fast perfekten Wagen ein wenig offener gegenübersteht. Es ist doch immer wieder der gleiche Vorgang, Prüfer ist pissig und sperrt sich, anderer Prüfer ist begeistert und erteilt das Go. Wie die Gezeiten hier oben bei uns an Nord- und Ostsee, das ist der ewige Kreislauf, das wird auch immer noch so sein wenn es uns schon lange nicht mehr gibt. Das Kennzeichen wird mangelfrei erteilt. Vielleicht hat Andys Geduld dem ersten Prüfer das Leben gerettet, Christine ist nun jedenfalls „Street-Legal“.

Er fährt sie. Endlich mit Zulassung!

Er fährt sie. Endlich mit Zulassung!

Klappe, die vierte: Ich selbst stehe vor dem Auto. Leibhaftig. Christine ist relativ gut gelaunt, obwohl es regnet. Sie wartet ruhig, fast ein bisschen lauernd in ihrer klimatisierten Halle und lässt sich geduldig von mir fotografieren. Nach ein paar Minuten gehen ihre so fotogenen Lichter unvermutet aus… Einfach so. Klick, dunkel. Verwundert spricht Arnie – sorry, Andy – mit dem Auto, nimmt das Batterie-Hauptkabel ab und verschraubt es neu. ZOSCH – alles leuchtet wieder. Er versichert mir mit beruhigenden Gesten, dass Christine mit mir kein Problem habe, ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Sehr witzig – im Kofferraum liegt Chucky, die Mörderpuppe. Nur, um das mal ein wenig zu untermalen.

Alles dabei, auch Chucky

Alles dabei, auch Chucky

Der Mann hat Humor und ich habe Herzklopfen. Meine eigene Nervosität verwundert mich selbst ein bisschen, ich kaue auf meinen Fingernägeln rum. Wie so viele andere stehe auch ich hier nun ebenfalls vor DEM Auto meiner Teenagerzeit, und es ist genau so geil wie damals. Vor dem Auto, das mich mit dem Virus der alten Amis infiziert hat. Kombiniert mit der Verehrung für die triviale Prosa des Herrn King fühle ich mich wie bei der Gegenüberstellung mit dem leibhaftigen Teufel in einer Promi-Show. Meine Nackenhaare stellen sich auf, als der goldene 5,2-Liter-V8 brüllend zum Leben erwacht und die Halle mit Donner und wundervollem Abgas füllt. Andy legt die Fahrstufe ein. Christine fährt an mir vorbei und fährt an mir vorbei und vorbei.

Auf der Schaumkrone der Überheblichkeits-Welle

Auf der Schaumkrone der Überheblichkeits-Welle

Die Wuchtigkeit, die fast schon erotischen Linien eskalieren in diesen kraftvollen, fleischigen Heckflossen und gleiten mürrisch grummelnd in die reale Welt da draußen. Andy kurbelt am klein übersetzten, nicht servounterstützten Riesenlenkrad wie ein Ritter, der eine Zugbrücke zur schützenden Burg hochzieht. Ich muss darüber ein bisschen schmunzeln, verfalle aber umgehend wieder in ein andächtiges Schweigen, weil ich dieses Zusammentreffen noch immer nicht so recht glauben kann. Gekonnt zirkelt er die hier überall deplatziert wirkende amerikanische Farbpfütze auf die dunkle, schmale Asphaltstraße in Richtung Wald. Ein leichter Nieselregen geht nieder, und das Tageslicht versteckt sich heute Nachmittag verschlagen, als würde es die Götterdämmerung prophezeien. „Willst du mal fahren? Christine würde das sicher erlauben…“

Ich und der leibhaftige Teufel

Ich und der leibhaftige Teufel

Seit rund 30 Jahren habe ich auf diesen Satz gewartet, hätte mir jemand im Jahr 1983 vor dem Kino erzählt, dass er eines Tages an mich gerichtet werden würde hätte ich ihm an Ort und Stelle einen Altar gebaut. Ja, ich will! JAAAA! Wie ein kleiner Junge laufe ich hinten um das Flossenschiff herum, was am Straßenrand im Standgas vor sich hingullert. Andy rutscht auf den Beifahrersitz und… ich fahre den Plymouth Fury.

Mein Herz schlägt bis zum Hals

Mein Herz schlägt bis zum Hals

Die Welt da draußen verschwindet hinter dem Nebel der Begeisterung, der Mystik und des Nieselregens. Es treibt uns tief in das sagenumwobene Neandertal bei Dortmund, wo der bärtige Vorfahre der Menschheit entdeckt wurde. Der Motor knurrt gesund und beherrschbar, das nur zweistufige PowerFlite mit den Wahltasten am Armaturenbrett schaltet weich und sauber. Irgendwie ist das trotzdem alles unheimlich. Liegt das nun an den eingebrannten Szenen des Films, liegt es an dem Auto oder womöglich an der düsteren, stark bewaldeten Gegend? Andy beugt sich von der Beifahrerseite vor und schaltet das Radio ein. Aus einem versteckten MP3-Player tönt „Bad tot he Bone“ von George Thorogood and the Destroyers – der Soundtrack des Films. Schon wieder Gänsehaut. Andy hat wirklich Humor :-).

Objects in the rear viev mirror may.....

Objects in the rear viev mirror may…..

Der Blick zurück geht über die mehrfarbigen Polster entlang der flachen Dachlinie ohne B-Säule und über den Kofferraum bis zu den Flossen irgendwo da ganz weit hinter uns. In einem amerikanischen Straßenkreuzer der 50er Jahre hat man eine Menge Auto um sich herum (die heißen ja nicht ohne Grund so), aber diese tiefen Einblicke bleiben den meisten Fans des Films und des Buches verwährt. Läuft der Tacho etwa auch rückwärts? Und was ist denn mit der Zeituhr passiert, warum ist die falsch herum eingebaut? Das Neandertal scheint uns zu verschlucken, Christines Lampen durchschneiden eine gruselige Dunkelheit, die sich hier im tiefen Wald trotz des grauen Tageslichts nicht besiegen lässt. Kaum andere Autos hier. Huch? Aus dem Augenwinkel sind dort tief im Grün der Bäume Stoßstangen und Lampen zu erkennen. Ist hier ein Autofriedhof? Stirbt hier noch mehr als nur ein Mensch, der erst 100.000 Jahre später gefunden wurde?

Todesfälle im Neandertal

Todesfälle im Neandertal

Träge, fast provozierend wischen die Scheibenwischer die Regentropfen von der gebogenen Panoramascheibe und lassen die Konturen der wenigen Menschen am Straßenrand erkennen, die uns ungläubig hinterherblicken. Wir fahren Christine. Und Christine fährt uns. Nach ein paar Minuten dirigiert sich der schwere Plymouth eigentlich ganz leicht, tritt kraftvoll an und lässt sich auch trotz fehlender Servounterstützung gut lenken – wenn man sich daran gewöhnt hat, wirklich sehr viele Umdrehungen am extrem kurz untersetzten Volant zu kurbeln, um die Fahrtrichtung nennenswert zu beeinflussen. Vor den ersten Kurven weist Andy noch darauf hin, und das ist auch gut so. Einfach so lenken ist nicht, da passiert gefühlt gar nichts. Ich muss mich bei all der Faszination regelrecht ein bisschen konzentrieren und habe in den nun dichter besiedelten Gebieten sinngemäß alle Hände voll zu tun. Aber so hat jedes Auto seine Eigenarten, und ich weiß aus sicheren Quellen, dass es bei Christine noch ganz andere gibt 😉

Christine. Wir fahren Christine!

Christine. Wir fahren Christine!

Wir sind wieder vor der Halle. Christine gibt mich wieder frei, ich steige aus und lasse die Tür schmatzend ins Schloss fallen. All die Namen und Geschichten, die fiktiven und realen Menschen und die immer wieder unglaubliche Erscheinung eines amerikanischen Autos aus den späten 50er Jahren vereinen sich in diesem Moment zu einem kribbeligen, nicht erklärbaren Gefühl. Während das Auto tickend abkühlt und der Regen auf der heißen Motorhaube zischend abperlt, schlage ich ein Kapitel in meinem eigenen Buch zu und mache einen Haken.

Komm, zeigs mir, Christine

Komm, zeigs mir, Christine

Andy versichert noch einmal, dass Christine sich nur an denen rächt, die sich zwischen ihn und sie stellen. Das habe ich nicht vor. Im Gegenteil. Er ist in Gedanken mit dem Plymouth Fury gerade vermutlich schon auf dem Weg zum nächsten US-Car-Treffen, während dieses gewaltige Auto in meinem Rückspiegel langsam kleiner wird. Irgendwie flößt es mehr als nur Respekt ein. Ich habe noch immer Herzklopfen, und ich glaube, das liegt nicht nur an dieser Gegenüberstellung zwischen mir und einem Relikt aus meiner Jugend. Irgendwas ist da. Da sind doch gerade noch einmal kurz die Scheinwerfer angegangen?

Sandmann

TECHNISCHE DATEN

Plymouth Fury
Baujahr: 1958
Motor: Chrysler Dual Fury V-800 (Poly)
Hubraum: 5,2 Liter
Leistung: 290 SAE PS bei 4.000/min
Gemischaufbereitung: 2 Vierfach Vergaser Edelbrock Performer 1.403/1.404
Getriebe: PowerFlite 2-Gang Automatik
Antrieb: starre Hinterachse mit Halbelliptik Blattfedern
Bereifung: 7,50-14
Länge: 5.197 mm, Breite: 2.015 mm, Höhe: 1.478 mm
Gewicht: 1.580 kg
Wendekreis: 12,90 m
Verbrauch: ca. 18 Liter

 

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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38 Responses to Zeig’s mir, Christine

    • Sandmann says:

      Ay Sammy,

      es ist eine dieser Geschichten, die in mir gegärt ist, bis sie reif war. Dafür liebe ich das Internet. Vor 30 Jahren hätte ich gemordet für eine Fahrt in diesem Auto, hätte meinen kleinen Finger gegeben und meinen Vater verkauft.
      Und dann bist du nach ein paar beruflichen Irrwegen plötzlich Motorjournalist, und so ein Typ kommt an und sagt, dass er Christine hat. Geil 🙂

      Sandmann

  1. Wow! Christine & ich sind gerührt! Vielen Dank für dieses literarische Denkmal! 🙂

    • Sandmann says:

      Bester Andy,

      wenn es Christine gefällt dann bin ich ja beruhigt. Ich muss gestehen, dass sie nach unserem Treffen ein paar mal durch meine Träume gefahren ist und ich mich immer wieder gefragt habe, warum ich eigentlich kein supergeiles Auto fahre.
      Na ja, irgendwas ist ja immer 🙂

      Pflege die Dame und pass auf, dass sie niemanden umbringt.

      Sandmann

  2. Snoopy says:

    Ich fand das Auto nach dem Film ja auch so cool.
    Vielleicht begegnet mir ja auch noch eine 🙂

    • Sandmann says:

      Ay Snoopy,

      lustigerweise sehe ich seit ein paar Jahren überall Furys 🙂 Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich mich auf einschlägigen Veranstaltungen rumtreibe….
      Andy hat vor ein paar Monaten Bilder von einer Autokino-Veranstaltung veröffentlicht, da standen drei davon nebeneinander. Alle in rot/weiß. Das waren schon sehr beeindruckende Fotos :-O

      Ich hab grad mal ein wenig im Netz gewütet, ab 20.000 Euro bist du dabei 🙁 Zu viel für mich, aber es gibt ja auch noch Alternativen, die nicht ganz so selten oder prominent sind. Die Zeiten der Saurier sind ja im Elektro- und Erneuerbare-Energien-Wahn so langsam sogar in Amerika vorbei. Und NOCH — ist Benzin bezahlbar. Eigentlich ein guter Zeitpunkt für einen Gas Guzzler……

      Sandmann

  3. Daemonarch says:

    Sehr schöner Artikel, auch mir ging als sehr junger Jugendlicher eine mächtige Gänsehaut über den Rücken, als Arnie sagte… „show me!“.

    Das Neandertal nach Dortmund zu verorten, wird aber nicht nur die gute Frau Zeunges höchst erzürnen fürchte ich!

    • Sandmann says:

      Bester Daemonarch,

      ich ging aus von Erkrath (aber das kennt ja keiner). Das Neandertal ist zwischen Düsseldorf und Wuppertal (da will ja keiner hin). Also habe ich vermessen behauptet, ich sei in der Nähe von Dortmund unterwegs, was ja bei einer Luftlinie von rund 30 Kilometern auch nicht ganz falsch ist 😉
      Was kann ich dafür, dass ihr da unten so dicht gedrängt auf einem Haufen hockt und jeder am nächsten an der Wiege unserer wildernden Vorfahren dran sein will? 🙂

      Was war das denn nun eigentlich für ein mysteriöser Autofriedhof da mitten im Wald, an dem wir vorbeigefahren sind? Wo sogar alte Autoscooterkarren rumliegen? Ich fand das extrem spooky…

      Sandmann

      • Das ist der private Autofriedhof des exzentrischen Herrn Fröhlich. Er hat irgendwann mal angefangen, Schrott-Oldtimer zu sammeln, sie in seinen Garten zu stellen und verrotten zu lassen. Als „Kunst“. Er nennt es „Auto-Skulpturenpark“. Nach Voranmeldung kann man das besichtigen. Ansonsten betreibt Herr Fröhlich ein Autohaus mit exotischen Fahrzeugen. Er hat auch mal einen Panzer mit Straßenzulassung besessen und ist damit Sonntags über die Kö gefahren. Außerdem fährt er einen verbrannten Rolls Royce. Mehr zu ihm hier: http://www.michaelfroehlich.com und an vielen anderen Stellen im Netz. Ein Besuch bei ihm könnte interessant sein! Wir wären sogar dabei! Andy & Christine 🙂

  4. bronx says:

    >Das Neandertal nach Dortmund zu verorten, wird aber nicht nur die gute Frau Zeunges höchst erzürnen fürchte ich!<

    😀 😀 😀

  5. Daemonarch says:

    Sind ja schon etwas mehr als 30km… Selbst Luftlinie.

    Tja, hier gibt es so einige Städtefeindschaften als offene Insider…
    Zum Beispiel legendär Dortmund und Gelsenkirchen, Köln und Düsseldorf… Ist zwar meist alles nicht wirklich ernst gemeint, aber is‘ halt so.

    • Sandmann says:

      Doch, sind nur 30km Luftlinie, ich hab extra nachgeguckt 🙂
      Und eure Städtefeindschaften sind euer eigenes Problem, ich kann nix dafür dass ihr so eng auf einem Haufen sitzt.
      Neandertal bei Dortmund beschreibt doch recht präzise, wo wir waren. Bedenke, dass einige Menschen das Neandertal irgendwo in Nordamerika oder der russischen Taiga vermuten. Und nicht im Ruhrpott, wo die Düssel plätschert 😀 gnihihi

      Grüß mir die anderen Neandertaler!
      Sandmann

      • bronx says:

        Manchmal könnte man das Neandertal auch direkt hier in der Nähe vermuten, auch knappe 30 Km Luftlinie entfernt.

        Dann ist man in Berlin, in Kreuzberg! 🙄

        • Sandmann says:

          😀
          Na ja, ich weiß nicht ob man das mit dem Neandertaler übereinanderbringen kann, ich denke zu seiner Zeit war der gar nicht so dämlich, oder?

          Obwohl, wir sind hier ja in Sachen Retro unterwegs 🙂
          Sandmann

          • bronx says:

            Eben!

            Auch der Homo Nutzlosicus ist dicht dran.

            • Sandmann says:

              Sach mal Bronx,

              wo wir gerade bei den Ballungsgebieten des Ostens sind… fahren da bei euch eigentlich auch alte, also RICHTIG alte Amis rum? Oder ist diese Art von Szene dem Raum Düsseldorf vorbehalten? Ich habe da noch nie Erhebungen drüber gelesen…

              Happy Bergfest
              Sandmann

              • bronx says:

                Moin,

                ich kann nun zwar keine Erhebung machen aber alte Amis siehst Du hier durchaus.

                Ist zwar hier das Mais-Land und die Heimat vieler langweiliger Kisten, jedoch gibts gerade in und um Berlin herum etliche Freaks. Bin ich in Diedersdorf zum jährlichen US-Car Treffen, bin ich immer wieder überrascht, wie vieles hier aus der näheren Umgebung stammt.

                😉

                Happy Mittwoch

                • Sandmann says:

                  Wo verstecken die sich nur immer im Alltag?
                  Auf jedem Event oder Treffen, wo ich zum Fotos machen bin sehe ich auch ungezählte fette Kisten mit Nummernschildern aus Hamburg oder Kiel 🙂 Und habe die alle vorher noch nie gesehen…

                  Ich glaube ich muss mich mal öfter bei der Oldtimertanke Brandshof rumtreiben, die haben ja auch Mittagstisch… Mal gucken ob ich da mit meinem Benz auf den Hof nageln darf….

                  Ebenfalls einen feinen Mittwoch!
                  Sandmann

                  • bronx says:

                    Mit Schild auf’m Dach ganz sicher 😀

                  • A propos Verstecken: Ich bzw. „wir“ (die Classic US Car Szene 😉 ) sind schon lange auf der Suche nach Eddie. Dieser hatte Anfang der 90er Jahre 2 echte Furys (57er und 58er), soweit ich weiß die einzigen in Deutschland, außerdem einen 57er Belvedere und einen 59er rosa Dodge. Der 57er Fury gehörte mal dem Sänger Dave Carpenter (The Carpenters). Eddie ist Mitte der 90er mit samt seinen Autos in der Gegend Oberlausitz verschollen… mysteriös.

                  • Sandmann says:

                    Verschollen in der Oberlausitz?
                    Wie kann denn sowas passieren……..?

                    Bronx, kennst du Eddie? 🙂

  6. bronx says:

    Sandmann und Andreas,

    ich hab davon gehört. Ein sehr mysteriöses Ding für das es keine Erklärung zu geben scheint. Nein, ich kenne Eddi nicht. 🙁

    • Sandmann says:

      Ich muss den mal googeln, wenn ich mich durch die ganzen seit gestern rumnervenden „Das ist mein Facebook-Film“ Postings gearbeitet habe 😉 Ich hab noch nie von Eddie gehört…… Eine moderne Legende?

      Sandmann

    • Nicht ganz eine Legende! Es hat ihn wirklich gegeben, ich habe Fotos von seinen Autos von 1992 und 1993 auf Treffen in Köln. Und gefunden habe ich ihn in Oberlausitz auch, über eine Seite zu Seifenkistenrennen. Falls Sandmann die Detektivarbeit fortsetzen möchte… mehr dazu als PM! 😉

      • Sandmann says:

        Sandmann fehlt leider die Zeit für sowas…
        🙁
        Mehr als Internet habe ich ja auch nicht. Hm.
        Spannend allemal, der muss doch irgendwo stecken???

        Sandmann, am Samstag

  7. Mike says:

    Hallo, Sandmann! Schöner Bericht. Da ich gerade das Buch lese, habe ich mich mal umgeschaut nach Christine und prompt hierher gefunden. Nur eine kleine Anmerkung: Verkäufer des Fury an Arnie war Ronald D. LeBay (Rollie), nicht George, das war der kleine Bruder. Ein wenig neidisch, ob des Fahrberichts grüßt freundlich
    Mike

    • Sandmann says:

      Ay Mike,

      ach schön, hat Google mir wieder jemanden auf den Blog gespült 🙂 Ja, ein feines Buch. Ich hab’s als Teenager gelesen, dann war ich öfter als ich es mir leisten konnte in dem Film. Das Buch ist (natürlich) besser, aber der Film ist für eine Stephen King Verfilmung – zumal aus den 80ern – echt okay. Dieses Auto. Hach.
      Und sorry wegen des Fehlers mit George und Ronald. Das Alter…. 😉 Immerhin, wenn man bei der Google Bildersuche den Namen eingibt kommt man sehr bald zum Bild von Andreas 😀

      Rock on
      Sandmann

  8. Micha says:

    Das Buch und der Film unterscheiden sich in dem Punkt. Richtig ist, dass im Buch Ronald LeBay selbst den Wagen verkauft. Im Film von John Carpenter ist allerdings tatsächlich LeBays Bruder der Verkäufer.
    Ein geniales Auto in einem genialen Blog; danke für beides!

    ***Sag mal, Sandmann: kann man sich auf Deiner Seite noch registrieren? Der entsprechende Punkt funktioniert nicht mehr ***

    • Sandmann says:

      Ay Micha,

      nun habe ich wieder was dazu gelernt. Krass, sowas erinnere ich einfach nicht mehr 😉 Ich habe das Buch als Teenager gelesen…

      Wegen der Registrierung – probier das jetzt mal. Ich hab das Widget mal umgestellt, der Link war irgendwie verschwunden. Und sag Bescheid wenn was nicht funktioniert. Danke!

      Sandmann

  9. Micha says:

    Ich habe das Buch noch hier und schon x-mal gelesen. So sieht es inzwischen auch aus 🙂

    Registrierung habe ich gerade ausprobiert:
    „Benutzerregistrierung ist zur Zeit nicht erlaubt.“

    • Sandmann says:

      Ich habe auch noch mein Buch von damals. Ja, auch dem sieht man es an, ist die dicke Version von Bastei-Lübbe 🙂

      Registrierung… stimmt. geht nicht, ich hab’s grad mal probiert.
      Ich arbeite daran. Versprochen…

      Sandmann

  10. Micha says:

    Genau das Buch. Wobei die ehemals weißen Seiten sich in den letzten 35 Jahren auch mehr in Richtung „Hornhautumbra“ verfärbten…igitt.

    Es gibt ja einige Abweichungen zwischen Buch und Film. So kommt Werkstattbesitzer Darnell im Film um, indem er auf dem elektrisch verstellbaren Fahrersitz von Christine gegen das Lenkrad gedrückt wird. Im Buch dagegen kommt Christine in sein Haus und jagt ihn dort so lange, bis er einen Herzinfarkt bekommt.

    Über solche Unterschiede gibt es inzwischen ganze Webseiten und mindestens so viel Filmmaterial, dass es für eine zweite -nein, ich sage jetzt nicht DVD- VHS-Cassette reichen würde. Die trat ja bekanntlich etwa zeitgleich mit dem Film ihren jahrzehnte andauernden Siegeszug an.

    • Sandmann says:

      Ay Micha,

      das erinnere ich alles gar nicht mehr.
      Ich finde es immer wieder faszinierend, dass einige viele Menschen so unfassbar viel Zeit haben, dass sie Webseiten mit solchen Unterschieden füllen 🙂 Oder mit Regiefehlern wie Armbanduhren in Westernfilmen und so einem Humbug.
      Von den ganzen Aluhut-Verschwörungstheoretikern will ich gar nicht anfangen.

      Im Gegensatz zur Audiokassette, die ich noch immer gern nutze, habe ich meinen VHS Recorder übrigens im Keller versenkt. Ich habe ihn noch, auch die meisten meiner Kassetten, aber ich glaube den benutze ich erst wieder wenn ich mal sentimental werde. Die Bild- und Tonqualität geht ja heute doch ein bisschen besser.
      Aber damals, aus Mangel an Alternativen… war das schon ganz geil.

      In diesem Sinne. Ich werde am Samstag mit viel analoger Musik nach Dänemark fahren
      Sandmann

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