Okay, WUNDERBAUM!

Ja, was riecht denn da jetzt schon wieder?

Ich habe mich schon zu früheren Zeiten als Freund der künstlichen Aromen geoutet. Seit ich im Paläozoikum des anfänglichen Zwanzigeralters bei einem Fähnchenhändler an der B76 in einen wahnwitzig großen Amischlitten glitt, der nicht nur plüschig und holzfurnierig war, sondern auch nach Vanille-Wunderbaum roch, bin ich den olfaktorischen Erlebnissen im Auto verfallen. Seit ich wiederum auf der Mercedes-Benz „Senses“ Veranstaltung im Herbst erfahren habe, dass die handelsüblichen Riech-Derivate durchaus gesundheitsschädlich sein können stehe ich vor einem Dilemma: Wie ein Neuwagen werden meine Gebrauchs-Höhlen sowieso nie riechen, und der Supermarkt-Dufter ist nun verpönt. Also was mache ich jetzt?

Irgendwas riecht hier sehr intensiv.

Kaum bin ich in meinen Rudolf-Passat eingestiegen, umschmeichelt er mich. Ein Geruch nach unberührten Wäldern, nach Freiheit, Moos und Pilzen. Nicht nach den Pilzen, die sich im Fußraum der Autos meines Freundes Örg wiederfinden, wo auch durchaus mal Gras auf den feuchten Fußmatten wächst. Nein. Ich rede von den Pilzen, die einen anlächeln und die gegessen werden möchten. Unschuldige Rehe springen scheu über einen Wall aus Laub und Ästen, ein Kuckuck singt auf einem fernen Ast leise „Kuckuck“ und ein Specht klopft seine einsame Ballade in einen morschen Stamm in der Hoffnung, der Rinde ein paar saftige Maden zu entlocken. Ja, so riecht es hier in meinem Auto. Das macht mich ein bisschen nervös, ich hatte maximal ein paar Nyancen Vanille von der frischen Schote erwartet, die ich auf Anraten meines halbfinnischen Fräulein Altonas naturbelassen und so gar nicht synthetisch in die Luftschlitze steckte.

Als Kind der 70er und 80er gucke ich natürlich immer zuerst einmal nach hinten, wenn ich in einem Auto sitze und das Gefühl habe, etwas ist anders als sonst. Wären wir in einem amerikanischen Film, vielleicht in dem amerikanischen Auto von damals (mit dem Vanille-Wunderbaum), dann spränge nun wahrscheinlich ein Serienkiller von dem geräumigen Rücksitz ins Bild und metzelte mich farbgewaltig weg. Oder ein Zombie, das gefiele dann SeineKleineSchwester besonders gut. Doch nein, es ist 2012, wir sind in Deutschland und ich sitze in einem durch und durch deutschen Auto, was einfach sehr doll nach Wald riecht. Warum habe ich eigentlich nicht die Papiertüte auf dem Kopf? Irgendwann breche ich noch mal mit ALLEN Vorsätzen, die ich mir je gemacht habe… Da ist ein Wunderbaum. In der Tat.

Geboren von einem harmlosen Tannenzapfen in einem nachhaltig geforsteten Wald, gelitten unter dem Förster Pilatus, gekreuzigt, gefällt und verkauft. Hinaufgestiegen in das Reich Altona. Nach vier Wochen auferstanden von den Weihnachtstraditionen. Eingelagert in den Kombi. Er sitzt zum Nacken Sandmanns, seines entmachteten Begleiters, unser Blogger. Von dort wird er riechen, für die Lebenden und die Fahrenden. Amen. Den habe ich ganz vergessen. Wir haben ihn zerschnibbelt, weil es irgendwie eines schönen Weihnachtsbaumes unwürdig ist, nach dem Fest am Straßenrand zu enden. Vielmehr soll es ein traditionelles Bikebrennen Ende Februar geben. Norddeutsche werden den Begriff kennen 🙂 Ja, also… Wie dem auch sei, ich fahre seit Tagen mit einem entweihnachteten Tannenbaum hinten im Kombi (braucht man nicht) herum, das hatte ich ganz vergessen…

Sie sind ja nun vermutlich schon ein bisschen länger an meiner Seite, deshalb werden Ihnen solche Begriffe wie Haptik, Akustik oder Olfaktorik inzwischen geläufig sein. Wenn nicht, googeln sie diese und geben Sie auf der nächsten Party im Smalltalk damit an. Dieser Baum riecht wunderbar. Es ist ein Wunderbaum. Ich muss ihn heute rausnehmen, weil ich sonst viele trockene Tannennadeln in allen erdenklichen Ritzen der hinteren zwei Meter meines Winterautos finden werde – und das über Jahre. Was für eine wundervolle Erfahrung, diese zerschnibbelte Natur zu riechen. Da kommt kein einziger Kassendisplay-Duft-Dispenser jemals mit. Nun ist er hinten im Garten. Und was mache ich nun? Haben Sie eine Idee? Ich denke da ja an eine kleine Blumenvase am Armaturenbrett…..

Vorschläge. Ich brauche Vorschläge 🙂

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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14 Responses to Okay, WUNDERBAUM!

  1. Daemonarch says:

    *klick* Maik gefällt das…

  2. SteffenG says:

    Moin Sandmann,

    sprichst Du davon Rudolf noch Jahre zu fahren? „Tannennadeln in allen erdenklichen Ritzen der hinteren zwei Meter meines Winterautos finden werde – und das über Jahre“ – ich mache mir Sorgen! Wirst Du alt? 😉
    Wie ich schon einmal sagte – künstliche Aromen im Auto gehen bei mir gar nicht! Ein sauberes Auto riecht eigentlich nicht.
    Nach dem Weihnachtsmarkt hatte ich ein angenehmes Weinaroma im Auto. Kann man auch mal machen, schafft bei jeder Verkehrskontrolle neue Freunde!
    Angeblich sollen unangenehme Gerüche mit Kaffee im Fußraum verschwinden. Als Kaffeejunkie wäre das auch der Geruch der Wahl für mich. Alternativ gab es auch mal Ozonduschen, die hat man nen halben Tag ins Auto reingestellt, danach sollen alle Gerüche verschwunden sein. Oder Du kaufst einfach ein paar Gewürze (Lavendel, Minze, Orangenschalen…) und packst die in ein kleines Stofftäschchen. Duftet auch ganz gut (selber Effekt wie mit Deiner Vanilleschote).

    So, was mache ich jetzt? Ich denke, ich brauche noch nen Kaffee….

    Steffen.

    • Sandmann says:

      Ay Steffen,

      habe ich „Jahre“ geschrieben? Huch? Na, schauen wir mal, momentan ist die knorrige uns sparsame Zuverlässigkeit des TDI eine große Entspannung für mich. Als Alltagsschlurre kann ich mir vorstellen, den tatsächlich länger zu fahren. Aber dann muss noch der Youngtimer daneben!

      Zu deinen Duftideen – das mit den Gewürzen im Stoffsäckchen finde ich gut. Darüber denke ich mal nach. Bis dahin tut es allerdings auch die Vanilleschote, leider sind die Dinger so furchtbar teuer. Aber ein bisschen gemahlenen Kaffee werde ich auch mal wieder auslegen. Momentan ist ja irgendwie alles mulchig und feucht, und dann ist seit heute Morgen auch noch mein Hundi hinten eingezogen (so ein Kombi hat ja auch hier und da einen klitzekleinen Vorteil…), da kann in der kommenden Woche gern mal wieder ein anderer Geruch einziehen 🙂

      So, abgefüllt mit Onkel Curry’s grandioser Riesencurrywurst geht es auf in den Nachmittag! Yippiiie!

      Sandmann

      • bronx says:

        Mahlzeit Sandmann,

        also ich finde Steffens Idee mit den Gewürzen im Säckchen richtig gut.
        Ich HASSE Wunderbäume und hatte sowas auch noch NIE im Auto.
        Wenn dann doch bei einem gebraucht erworbenen Wagen so ein Ding drin war, flog der sofort raus. Meine Schnecke riecht am liebsten mein Rasierwasser 😀 oder einen schönes Parfum.
        Das ist doch auch was feines.
        Zu Pilzen und Gras auf Fußmatten fällt mir nur eines ein: will ich nicht haben. Das Auto soll ja kein Museum sein, etwas wohlfühlen möcht ich mich aber schon. Die Kekskrümel, Taschentücher und Limoflaschen, welche mein Jüngster so verteilt, stören mich nicht.
        Es lässt sich alles säubern..

        Bronx

        • Sandmann says:

          Ay Bronx,

          irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich der einzige (eigentliche) Freund von Wunderbäumen bin… Wer kauft die denn dann eigentlich? Das kann doch nicht nur ICH sein, dann gehen die jetzt ja alle pleite, wo ich doch die natürlichen Aromen für mich entdeckt habe… 😉

          Sandmann

          • bronx says:

            Das scheinst du auch zu sein. Es passt eh nicht zu dir, profane Chemie-Derivate in`s Auto zu hängen.
            Um eines deiner Lieblingswörter zu nehmen: es beleidigt die olfaktorische Wahrnehmung..
            War der jetzt gut?? 😀

            Bronx

            • Sandmann says:

              Bester Bronx,

              ob der gut war? Er zeigt mir, dass du aufmerksam liest und seltene rhetorische Phrasen zitieren kannst 🙂
              Ich finde ja künstliche Aromen ganz okay. Quench, sage ich nur…

              Sandmann

              • bronx says:

                Hm,

                es scheint, als ob du da was in den falschen Hals bekommen hast.
                Bedauerlich, ich meinte es eigentlich mit einem 😉

                C-Vittchen, sag ich.

                Bronx

                • Sandmann says:

                  Nein nein, alles okay, ich lachte beim Schreiben. Also nochmal zum Mitlesen: Der war GUT!

                  Wie ich an anderer Stelle schon mal sagte, ohne Emoticons ist es irgendwie schwerer geworden, sich zu verstehen, wenn man sich noch nicht kennt… El Gigante und ich mussten uns auch erstmal aneinander rantasten, bevor wir unsere feinhumorigen Ergüsse richtig deuten konnten…
                  😉
                  Jetzt musste da doch noch mal einer dazu. Hihi…

                  Sandmann

  3. Touranus says:

    N’Abend an Alle,

    Als regelmäßiger Hundechauffeur schwöre ich ja immer noch auf den Eimer Essig… Über Nacht im Auto stehen lassen, dann am nächsten Tag alle Türen aufreißen und zur Not Streichhölzer abbrennen, mit Kaffee durchwedeln, oder ähnliches, und selbst ein vollgerauchtes Auto riecht wieder neutral…

    Aber bitte NICHT Luft holen, wenn am nächsten Morgen nach dem Essig-Einsatz die Türen geöffnet werden… DAS ist übel 😉

    Schönen Abend noch! (Wow, so ein Aldi-Internetstick mit 15 Euro Flatrate… gääääähn)

    Touranus

    • Sandmann says:

      Ay Touranus,

      da isser ja mal wieder, mit Stick und Zeit 🙂
      Sag mal, riecht denn nicht das ganze Auto nachhaltig nach Essig, wenn ich den da über Nacht reinstelle? Das ist ja nun nicht einer der allerangenehmsten Gerüche, die ich mir so vorstellen kann. Auch wenn es mich an meine selige Oma erinnert, die sich damit immer eingerieben hat und ein biblisches Alter erreichte.

      Mein Hundi hat ja nun auch den Kombi für sich entdeckt und fühlt sich hinten auf der Ablage ganz wohl…

      Sandmann

      • Touranus says:

        N’Abend

        Über Nacht sollte man den Essig nur bei starken, olfaktorischen Belastungen im Auto stehen lassen.

        Für weniger zugequarzte Autos reichen auch 3 Stunden. Den eigentlichen Essiggeruch bekommst Du aufgrund des kleineren Innenraums wirklich schnell wieder mit Lüften und Streichhölzern raus. Du reibst ja nichts EIN damit. Die Essigessenzen neutralisieren lediglich durch Keimabtötung Gerüche im Plastik und Textil. Hilft wirklich! … allerdings schrubben muss man trotzdem, wenn man wirklich wieder Neuwagengeruch haben möchte…

        Zu dem Thema hatte ich mal eine stundenlange Diskussion mit meinem ehemals besten Freund, der Fahrzeugbau studiert hat und nun bei Mercedes in der Entwicklung sitzt… bzw saß… leider ist der Kontakt kurz vor meiner Hochzeit abgebrochen und ich weiß nicht, was er jetzt so macht…
        Mal ein gaaaanz anderes Thema: Du hast doch mit Mercedes beruflich zu tun… Du hast nicht zufällig die Möglichkeit herauszufinden, ob er noch da arbeitet??? Würde den Vogel gerne mal wieder treffen, leider ist seine Familie auch weggezogen. Oooooh, das schweift jetzt echt ab! 😉

        Ich schau mal, ob der gute El meine email beantwortet hat. Entweder ist er im Onlinefreien Urlaub, redet nicht mit jedem oder ich bin in seinem Spam Ordner gelandet…

        Eeeeeeel……..!???

        Gruß
        Touranus (Der nach dem Taxi-Bericht in der aktuellen AuBi Zweifel hat, ob er DEN Vertrag wirklich unterschreiben soll….)

        • Sandmann says:

          Taxi? Vertrag?
          Zu deiner Freundesfrage schreib mir mal lieber eine Mail, dann schau ich mal.

          Das mit dem Essig werde ich mal ausprobieren. Auch wenn ich kein Raucher bin, so einen jahrzehntelaten Muchel möchte ich gern mal raushaben.

          Sandmann 🙂

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