S-Klasse… Vier Viertel ein Jahr

Schick machen für Berlin

Kniiirsch….
Jedes Auto hat seine Zeit. Wenn ich in den letzten Jahren einen Satz dazugelernt habe, dann diesen. Ich habe euch im Zeitraffer von meiner weißen S-Klasse erzählt und ich habe euch von ihrem veloursblauen Rücksitz 21 Lieder gesungen. So hatte Corona aus automobiler Sicht auch ein paar emotionale Seiten. Dass mir so viel Platz auf diesem plüschigen Rücksitz gegeben war lag vor allem daran, dass ich die mächtigen vorderen Sitze ausgebaut hatte. Für eine Bestandsaufnahme, als Überblick wie viel ich an dem Supertanker machen müsste. Diese Bestandsaufnahme fiel nach dem ganzen Alkohol auf dem Rücksitz überraschenderweise etwas ernüchternd aus. Und da war es wieder, mein alltägliches Zeitproblem zwischen kleinen Kindern, drei Jobs und zwei Wohnsitzen. Auf meinem Hof stand ein weiteres, geliebtes Automobil, was dazu verdammt war, weiterzuwandern. Ich erzähl‘ euch davon, während ich alles wieder zusammenbaue.

Diese Entscheidung war nicht so leicht wie beim Mazda.

Herzschrittmacher

Wartet mal, ich muss kurz überbrücken. Nun stand er doch zu lange rum, und es war zwischendurch echt kalt. Das Riesenschiff aus Sindelfingen hatte sich schon in das Gesamtbild meines Gartens integriert. Fast ein ganzes Jahr lang. Immer wieder startete ich den Motor und bewegte Bruno Saccos Meisterwerk von der Auffahrrampe runter. Ich ließ ihn warm laufen und schaute, ob noch alles funktioniert. Immer wenn mal Zeit war, hab ich dem Gesamtkunstwerk ein paar Teile entnommen und hinter die Fassade geluschert, Stoßfänger, Schwellerverkleidungen, Zierleisten. Unter dem Teppich im Innenraum fand ich nur gesundes Blech. Hinter dem vorderen Stoßfänger sah es schon anders aus, in den Radkästen und unter den Scheinwerfern besteht Handlungsbedarf. Die mir bekannten Stellen an den hinteren Wagenheberaufnahmen wurden noch ergänzt durch ein poröses Blech unter dem Deckel zum Gas Tanken. Alles in allem keine Katastrophen, aber es müsste halt gemacht werden. Wann bloß?

Dazu kommen die Überholung der LPG Anlage, teils erneuerungsbedürftige Bremsen und ein paar kleinere elektrische Problemchen. Der Tacho zeigt keine Geschwindigkeit an, das Heckrollo lässt sich nicht mehr runterfahren. Aber das Schiebedach funktioniert tadellos in seinen neuen Schienen 🙂 Fazit: Ich bau alles wieder zusammen und gebe den weißen Riesen mit der neuwertigen Innenausstattung für kleines Geld in gute Hände, denen mehr Zeit zur Verfügung steht als mir.

Dann mal wieder dran das alles

Okay, die Reifen sind wieder dran, ich kann den Limousinenriesen wieder von den Böcken runter auf eigene Füße stellen. Das fühlt sich komisch an. Das fühlt sich an wie ein „kleines“ Scheitern. Vor 10 Jahren hätte ich in die Hände gespuckt und den Daimler an vier Abenden durchgeschweißt und konserviert. Rundum neue Bremsklötze und Scheiben von ATE kosten keine 200 Euro, und selbst die Sättel liegen in dieser Preiskategorie. Fehler in der Elektrik kann man finden und beheben (ich bin ja sogar Elektroniker…) und für die Gasanlage hätte ich den Gerd an der Westküste. Alles machbar, nach ein paar Wochen würde der W 126 mit frischem TÜV zugelassen auf der Straße gestanden haben. Konjunktiv, und ich glaube nicht einmal der richtige.

Ja, vor 10 Jahren. Da hatte ich viel Zeit. Zwei kleine, süße, viertelfinnische Sandmädchen und die Notwendigkeit, ihren Tagesablauf liebevoll zu koordinieren sowie meine Berufe (ja, ich mache tatsächlich auch noch was „richtiges“ womit ich – anders als hier – mein Geld verdiene) füllen 10 Jahre nach „vor 10 Jahren“ die Tage schon ganz gut. Da bleibt grad nicht viel Zeit außenrum, oder ich formuliere es mal anders: Die Zeit wäre da, aber ich bin an vielen Abenden so müde, dass ich keine Lust mehr auf nicht zwingend notwendige Metallarbeiten habe…

Fast wieder ein fertiges Auto

Uff. Anstrengend. Der vordere Stoßfänger sitzt wieder fest drauf, die Scheinwerferreinigungsanlage ist angeschlossen. Es sind lediglich vier Schrauben übrig geblieben. Ächz. Wo war ich? Ach ja. Auf die gängigen Internetplattformen zum Anbieten klassischer Automobile habe ich immer weniger Lust. Da melden sich zu viele Freaks mit Tagesfreizeit und absurden Preisvorstellungen, oder man wird ohne Absage versetzt und beim Nachhaken auch noch angepöbelt. Alles schon erlebt.

Über meine eigenen Netzwerke erreiche ich ja auch schon eine Menge Autobekloppte, und tatsächlich stößt die S-Klasse auf reges Interesse. Nicht zuletzt wegen ihrer seltenen Farbkombination mit dem neuwertigen blauen Velours (man muss dazu erwähnen, dass damals Velours seltener war als Leder), der begehrten 300 SE Maschine mit eingetragener Gasanlage und dem gleichen kleinen Preis, den ich selbst dafür bezahlt habe. Die meisten Kommentare sind erstaunlich vernünftig, und ich lese Sätze wie „… wenn ich doch bloß mehr Platz hätte“ oder „… verdammt ich hab mir vor zwei Wochen einen Volvo geholt, hätte ich das gewusst“.  Viel Leute hatten verbindliches Interesse, einer wollte den Wagen sogar ungesehen anzahlen. Aber sowas mache ich nicht, bei Kraftfahrzeugen gilt für mich ausnahmslos: erst anschauen und dann verhandeln oder entscheiden. Immer. Moment, ich lege mal kurz die Teppiche wieder rein, lauft nicht weg…

Hoffentlich bleiben keine Schrauben übrig

Na guck. So langsam wird wieder ein komplettes, einigermaßen fahrbereites Auto draus. Von den musikalischen Trinkereien während Corona liegen noch ein paar Devotionalien rum, aber die verlassen noch alle den schlumpfblauen Wohnraum. Ich hab an den Abenden ganz schön was in mich reingekippt, retrospektiv… Aber das ist ja nun vorbei. Bühne frei für die Interessenten!

  • Verbindlicher Interessent Nummer 1 kam nach meinen ausführlichen, telefonischen und bildlichen Beschreibungen über 400 Kilometer mit dem Auto angereist, stiefelte eine halbe Stunde lang um das Auto rum und eröffnete mir dann, dass er Perfektionist sei. Und dass der Gesamtzustand des Autos für einen Perfektionisten nicht ausreiche. Das habe ich ihm bestätigt, allerdings tat ich das schon am Telefon, bevor er sich auf den Weg machte. Eine S-Klasse der Baureihe 126 im perfektionistisch ausreichenden Zustand würde rund vier Mal so viel kosten wie ich für dieses Auto aufrufe… Er fuhr wieder die paar 100 Kilometer nach Hause und ich fing mir einen bösen Blick von meinem halbfinnischen Fräulein Altona.
  • Verbindlicher Interessent Nummer 2 wollte am Sonntag um 14:00 Uhr da sein, ich bin für ihn extra aus Hamburg nach Kiel gefahren. Und ratet mal wer nicht kam? Wer telefonisch nicht mehr erreichbar war und auch nicht auf meine Nachrichten antwortete? Manchmal kotzen Menschen mich an.
  • Verbindlicher Interessent Nummer 3 kam aus Köln, wusste was er tat und hatte sogar Bargeld und Überführungskennzeichen dabei. Auch er schlich kritisch guckend um das Auto rum. Bei der Probefahrt war dann die linke vordere Bremse fest und ließ sich nach Ausbau des Bremssattels und manueller Kraft zwar zu Gangbarkeit überreden, schürte aber Unsicherheit. So will man nicht nach Köln fahren. Und das konnte ich sogar verstehen.

Also nein. Und noch ein böser Blick aus der halbfinnischen Richtung.

Driverseat Sessions.

Schaut mal. Alles ist jetzt fein zusammengebaut und sauber hergerichtet für Interessent Nummer 4. Der kommt aus Berlin, schraubt an alten Autos und hat schon diverse andere Protagonisten auf dem Hof stehen. Er kommt mit einem Trailer, und er kommt auch tatsächlich. Das könnte was werden.

Der weiße Benz hat sich in den letzten Wochen zu einer nicht endenden Geschichte entwickelt, und mein halbfinnisches Fräulein Altona zweifelt inzwischen an, dass er jemals einen neuen Besitzer finden wird. Ich aber habe so etwas wie Hoffnung. Christoph erzäht mir, was er alles mit dem gediegenen Kahn vorhat. Er mochte die #backseatsessions Konzerte gern und hat einen guten Freund, der ebenfalls Gitarre spielt und wohl Berufsmusiker ist. Der hat sich schon angekündigt zum Probesitzen und Weitersingen 🙂 Das klingt alles gut. Der Daimler startet, er rollt und bremst und hört auch wieder auf zu bremsen, ich zeige dem Berliner alle mir bekannten Schwachstellen und wir beginnen mit der Verladung auf den Trailer. Selbstfahrend.

Der meint das ernst

Achsen abspannen, einmal noch mit dem dicken LKW Spanngurt ganz übers Auto drüber, Winde einhaken und festziehen, Feststellbremse treten und was man sonst noch alles so macht, um die geliebte Ladung auf der Transitstrecke durch den sozialistischen Osten bis nach Westberlin nicht zu verlieren. Oder um Konflikte mit den Ordnungshütern zu vermeiden, die beim Thema Ladungssicherung mit vielen Punkten und Strafen um sich werfen können. Den Muff, den insgesamt drei Jahre Standzeit im Velours hinterlassen haben, sollen die offenen Fenster rauslassen. Berliner Luft. Na dann riecht der ja bald wieder wie ein Neuwagen 😀

Christoph ist der Ein-Mann-Ein-Wort Typ. Er redet nicht lange drumrum, sieht das Auto so wie es ist und freut sich über die Geschichten. Sowas mag ich. Diesmal winke ich nicht wieder einem Ex-Auto vor meinem Haus hinterher, diesmal fahre ich sogar ein Stück mit. Ich will noch was futtern bevor ich mich auf den Rückweg nach Hamburg mache. An der Stadtautobahn biegt das Gespann dann ab und verschwindet im grauen Nebel.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.

Hm. Zu dem Benz hatte ich tatsächlich ein besonderes Verhältnis. Die Unvernunft, den überhaupt zu kaufen, der überraschende und tragische Tod seines Vorbesitzers und die Konzerte vom blauen Rücksitz aus haben mir dieses riesengroße Auto ans Herz wachsen lassen. Trotzdem ist es gut, dass er nun nach Berlin umzieht, wo er wieder auferstehen und wo man vielleicht sogar wieder mal was von ihm lesen wird? Christoph ist jedenfalls auf Facebook unterwegs und schrieb gestern, dass der alte Daimler grad in der Reha sei. Ich bin gespannt 🙂

In meinem Keller zeugen noch ein paar übrig gebliebene und trocken gelagerte Ersatzteile von dem kurzen Gastspiel dieses tragischen Autos. Material, was ich brauchen könnte, denn etwas unerwartet hat sich Helmut angekündigt. Wer Helmut ist, das erzähle ich euch denn demnächst mal. Denn es geht immer weiter…

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

8 Antworten zu S-Klasse… Vier Viertel ein Jahr

  1. Marc sagt:

    Falsche Prioritäten gesetzt 😉

    • Sandmann sagt:

      Ay Marc,
      was meinst du? 🙂 Hätte ich den behalten sollen? Ich glaube, Helmut erfüllt für mich den gleichen Zweck mit weniger Arbeit. So der Stand jetzt….. wir werden sehen…
      Sandmann

    • Reise Hippie sagt:

      Aehm

      New

      War auch ma Auto Sammler! Hatte fulltime job. Und 3 Autos. Allein jedes WE jedes Auto je 5 std putzen!

      Schrauben? Hatte ich null Bock

      Und. Last but not least.. Dates fielen flach, weil.. „Du und deine Scheiss Autos!“ o-ton

      Ja. Korrekt

      Liebte nur die blöden Autos. Und verlor alle nahen Menschen

      So

      Das nur dazu. Autos verhinderten rechtzeitige Beziehungssuche.

      • Sandmann sagt:

        Vielleicht hast du es damals ein bisschen übertrieben mit den Autos. Also die Frauen, die ich kenne, stehen nicht auf komplett monostrukturierte Jungs 🙂 Zumindest nicht die Frauen, die noch alle Latten am Zaun haben…
        Sandmann

        • Reise Hippie sagt:

          Ach

          Ich sah immer die Ami Filme

          Wo der Typ der zuerst den dicksten schnellstens Wagen hatte, jede bekam

          Stichwort.
          Cannonball rennen. Film..

          Oder. Doc Hollywood. Der mit dem Oldtimer Porsche 356 konnte sich jede aussuchen. In 1.5 std

          Autotuner haben ne Macke und bleiben Single! Weil die immer am Auto rum machen
          ..

          Klappte.. Nicht 🙂

  2. pico24 sagt:

    Bin sehr auf die Vorstellung von Helmut gespannt 🙂

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