Das gelbe Erdbeben

Das Feuer ist heute nur gelb

Der große Mann steigt aus und lächelt gewinnbringend. Sein gelbes Auto stellt alles in Frage, was man bisher unter dem Stichwort „Individualisierung“ irgendwo im Gehirn abgelegt hatte: Bentley Continental T Mulliner Personal Commission. Ein Name wie Donnerhall, wenn man zuvor ein wenig in der Geschichte der Marke gestöbert hat. Vergesst den euch bekannten Luxus der anderen. Hier steht der Beweis, wie aus einer Kutsche ein ganz besonderes Statussymbol reifen kann.

Ein Schiff wird kommen

Seit den 50er Jahren waren Bentleys nur verkleidete Versionen von Rolls-Royce, die Plaketten mit dem geflügelten B ersetzten quasi das Pendant mit der geflügelten Lady auf dem Kühler. In den 80ern wurde man selbstbewusster und dachte über eine Coupévariante des Mulsanne nach, der eigentlich ein Rolls Royce Silver Spirit war. Als diese Entwicklung ausgereift war, stellte man sie 1991 als Continental R vor und verabschiedete sich gemeinsam mit einem sportlichen, zehn Zentimeter kürzeren Zwilling, dem Continental T, vom „Badge Engineering“. Bentley hatte für die solvente Kundschaft auf der ganzen Welt ein Modell geschaffen, das die Muttermarke nicht anbot.

Die Plakette steht für Luxus aus England

Für einen gut ausgestatteten Continental T legte man damals rund 590.000 Mark auf den Tresen. Für diesen Betrag gab es seinerzeit zwei voll ausgestattete Mercedes-Benz S 600 mit Zwölfzylinder, und dann waren immer noch knapp 100.000 Mark zum Tanken übrig. Doch allein der Preis hebt ein Fahrzeug noch nicht in den Luxusolymp. Für diese Aufgabe gab (und gibt) es die Firma Mulliner.

Kantig und irgendwie cool

H.J. Mulliner baute vor rund 250 Jahren auf der Insel Kutschen. Als Pferde zum Fortbewegen zunehmend durch mechanische Alternativen ersetzt wurden, fertigte das Traditionsunternehmen unter dem Namen „Mulliner Park-Ward“ für Rolls-Royce und Bentley die Karosserien. Geblieben ist nach einer späteren Trennung noch der Name Mulliner, den Bentley fortan als Markenzeichen für seine besonders gut ausgestatteten Modelle verwendete.

Fein und straff beledert

Mit der Mulliner Personal Commission zeigte Bentley allen anderen Manufakturen, was im Königreich möglich war. Weiches Leder mit einem geprägten, geflügelten B in allen Sitzen. Ein mit Aluminium verkleidetes Cockpit voller analoger Anzeigen und einem mittig platzierten roten Startknopf. Ein Soundsystem mit „Becker Online Com Navigation sechsfach CD-Wechsler“ und eigenen Endstufen, die eine verstärkte Batterie notwendig machten. Dezente Zierleisten und Embleme sowie besondere Felgen für die wirklich breiten Reifen unter den ausgestellten Kotflügeln rundeten das äußere Bild ab. Da war er nun, der Olymp made by Mulliner.

Das könnte auch ein Flugzeug sein.

Und so ein Exemplar steht hier und leuchtet sonnig. „Monaco Yellow“, eine auch für Bentley sehr außergewöhnliche Farbe, unterstreicht den trotzigen Auftritt des fast 2,5 Tonnen schweren Luxusdampfers auf eine mehr als spezielle Art. Der in diesem Aufzug damals rund 900.000 Mark teure Wagen wurde nach seinem Messeauftritt Sir Elton John als „Demonstrator“ zur Verfügung gestellt und ist heute in jeder Historie und jedem Bildband der Marke zu finden.

Cockpit an Tower: Viele Instrumente hier!

Klaus Fink aus Bad Honnef besitzt das Unikat seit sieben Jahren. Der Continental mit der einzigartigen Vorgeschichte sprang Fink in einer Anzeige direkt ins Herz. Manchmal will einem das Leben etwas sagen, er bekam ihn nicht mehr aus dem Kopf. Gelb? Ein mit Leder ausgeschlagener Kofferraum? Ein Aluminium-Cockpit wie in einem Jet? Nach zwei Tagen zäher Verhandlungen schenkte er sich als erster deutsche Besitzer die strahlend gelbe Ansage zum Jubiläum: 25 Jahre erfolgreiche Selbständigkeit.

So sehen also Piloten aus…

Er sitzt rechts, wie sich das für ein Auto aus Großbritannien gehört. Ist das noch ein Auto? Immerhin hat es ein Lenkrad, einen Automatikwählhebel und Pedale. Mit diesem Cockpit vor Augen sucht man allerdings unwillkürlich nach dem Helm und der Sauerstoffmaske. Pilot und Copilot sitzen in den anschmiegsamen, aber straffen Ledersitzen und gucken auf unzählige im Aluminium eingelassene Armaturen. Fink drückt den roten Knopf auf der Mittelkonsole und tritt ein mittleres Erdbeben los, als der knapp sieben Liter große V8 vorne zum Leben erwacht.

Ein echtes Kraftwerk

Die von Rolls-Royce stammende Topmotorisierung wurde in den alten Backsteinhallen in Crewe südlich von Manchester gebaut. Der Block stammt aus den späten 50ern, eine zentrale Nockenwelle treibt über Stößelstangen und Kipphebel die Ventile auf und zu. Beatmet wird alles von einem fußballgroßen Turbolader, über das Gesamtpaket hatte man seinerzeit – very british – keine Leistungsangaben gemacht. „Ausreichend“, sagte man den Journalisten, und wo man Recht hatte, hatte man Recht. Heute wissen wir aus den später offen gelegten Geschichtsbüchern, dass die 440 PS ein sagenhaftes Drehmoment von 875 Nm auf die Hinterachse legten. Das war mehr als in jedem anderen, in Serie gefertigten, landgebundenen Fortbewegungsmittel.

Nein, es ist definitiv kein Briefkasten

Fink lächelt erneut, während vorn das Erdbeben lauernd darauf wartet, tektonische Continental-Verschiebungen zu verursachen. Er tritt durch, und man bekommt endlich eine Ahnung, warum er so oft lächelt. Der Bentley überlegt für den Bruchteil einer Sekunde, ob alle gesammelten Informationen plausibel sind und drückt dann nach vorn, als gäbe es keine physikalischen Gesetze. Das gelbe britische Monster führt Einsteins Postulate ad absurdum und bestätigt einen Satz, der Enzo Ferrari zugeschrieben wird: „Wer sich mit Aerodynamik beschäftigt, kann keine Motoren bauen…“  Im Tiefflug gleitet der Continental durch den Hamburger Hafen. Sein brutales Gewicht, auch wenn es bei Bedarf genauso unnachgiebig von den vier Alcon-P180A-Scheibenbremsen gebändigt wird, versucht er bei allem Vortrieb nicht zu verheimlichen. Der ständig unterforderte V8 donnert unter der langen Motorhaube sein Lied von handgeschmiedeter Kraft nach vorn.

Im Tiefflug durch Hamburg

Unter der markanten Optik ist der Bentley trotz allem ein Sensibelchen, und so will er auch behandelt werden. Das strikte Einhalten aller Wartungsintervalle hat Klaus Fink in den vergangenen sieben Jahren eine relativ sorgenfreie Zeit in dem gelben Wagen beschert. Insgesamt hat er den Mulliner mehr als 16.000 Kilometer bewegt, vor allem an Wochenenden zu Familienausflügen oder zu Bentley-Clubtreffen – das entfernteste fand in Prag statt.

Hier klingt das Ding besonders markant!

Nur 341 Bentley Continental T wurden in den letzten fünf Produktionsjahren ab 1997 gebaut, davon 197 Rechtslenker und nur 23 Mulliner, von denen zehn nach Deutschland kamen. Und nur zwei weltweit sind in „Monaco Yellow“, und nur einer davon (dieser hier) stand als eben jener „Guck-mal-was-wir-alles-können“-Demonstrator im Jahr 2000 für Bentley auf der Birmingham Motorshow. So viel Exklusivität hat auch als frischer Youngtimer noch seinen Preis. Rund 120.000 Euro bringt der gewichtige Kraftklotz 19 Jahre nach seiner Geburt noch immer auf die Waage.

Wie auf Schienen… Jaja…

Als das Triebwerk hinter den Elbbrücken auf einem Verladeplatz zum Schweigen gebracht wird und wir aussteigen ist die Ruhe umfassend. Die zwei Türen fallen wie Zugbrücken in die Schlösser. Die seitlichen Kiemen und der vordere Grill strahlen die Wärme einer kontrollierten Kernschmelze ab. Die Endrohre ticken leise, während sie abkühlen. Fink lächelt erneut. Jede einzelne Tour mit dem personalisierten Briten ist ein Gewinn und ein Genuss. Und anders als bei gleichfarbigen Kleinwagen muss er auch keine Angst haben, dass jemand seine Post einwirft, wenn er das Fenster einen Spalt offen lässt. Allein der Mix aus Ehrfurcht und krasser Farbe verhindert solche Scherze.

Ein bisschen stolz darf man da gerne sein.

Zurück in irdischen Sphären ist es preiswerter, aber nicht weniger schön. Habt ihr auch einen Youngtimer, den ihr hegt und pflegt? Dann schaut euch doch mal [Achtung: Werbung 😀 ] die Spezialtarife von Hiscox an. Und wer überlegt, sich einen lang ersehnten Klassiker anzuschaffen, kann natürlich auch mal schauen, was der ihn denn kosten würde. Denn den Versicherungsbeitrag für eine Hiscox Youngtimer-Versicherung kann man vorher unkompliziert erfragen. Wir sehen uns auf der Landstraße!

Sandmann

 

Bentley Continental T Mulliner Personal Commission
Baujahr: ab 1997 (in dieser Version)
Motor: V8
Hubraum: 6.750 ccm
Leistung: 324 kW (440 PS)
Max. Drehmoment: 875 Nm
Getriebe: Viergang-Automatik
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5241/2058/1447 mm
Leergewicht: 2450 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 5,9 Sek.
Top-Speed: 272 km/h
Wert: ca 120.000 Euro

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

11 Responses to Das gelbe Erdbeben

  1. Martin says:

    Danke für den tollen Bericht. Das Fahrzeug ist echt klasse. Ganz anders als eine gebrauchte S-Klasse, die von Halbstarken mit Alufelgen und Heckspoiler auf sportlich gepimpt wird – der Bentley ist wie ein älterer Herr mit extravagantem Anzug und einer natürlichen selbstbewussten Ausstrahlung…
    Gibt es denn vergleichbare Autos, die von Luxus auf Leistung umgebaut werden – oder andersrum?
    Grüße aus dem sonnigen Dresden
    Martin

    • Sandmann says:

      Ay Martin,

      einen gewissen Style hat ein Bentley auch als älterer Kandidat fast selbstverständlich – denn die „Halbstarken“, die S-Klasse und Co. in dem von dir beschriebenen Maße umbauen, können den schlicht nicht bezahlen. Der hier kostet auch nach fast 20 Jahren noch mehr als ein Einfamilienhaus in Schleswig-Holstein 😀
      Das schützt vor allzu schlechtem Geschmack.

      Mir persönlich wäre der im Alltag zu gelb. Also, gelb ist meine Lieblingsfarbe, aber der ist eine so krasse Ansage, das wär mir zu doll 😉 Doch gerade weil er eine so krasse Ansage ist, mag ich ihn. Und ich mag Menschen, die den Mut haben, sowas zu bewegen. Geil.
      Sandmann

  2. Welle says:

    Hallo Jens,
    was fuer ein herrschaftlicher Wagen und als ‚Grundmodell‘ schon ueberbordend oppulent! Edles Understatement durch die zurueckhaltende 90er-Jahre Form, aber trotzdem schwere Praesenz. Nichtkenner, und ich glaube davon gibt es viele, wuerden wohl kaum den astronomischen Neupreis vermuten. Eine S-Klasse ist schnoede dagegen (und ich fahre ja selbst den W126). Beobachte dieses Ueber-Coupe schon einige Jahre in mobile&co, Talsohle scheint erreicht oder bereits leicht durchschritten zu sein….weitertraeumen?
    Beste Gruesse aus Shanghai
    Wolfgang

    • Sandmann says:

      Ay Wolfgang,

      zurückhaltende Form?? 😀 Wenn dieser Klotz im Rückspiegel auftaucht verdunkelt sich die Sonne! Der ist sowas von wuchtig, das relativiert sich erst (aber auch nur vordergründig), wenn man die Fahrleistungen gespürt hat.
      Selbst die unterste Talsohle wird mich nicht zu einem Kauf animieren, denn ich kenne die Unterhaltskosten 😉 Dann lieber den 126er, das ist eine andere Liga, aber der macht dich nicht nackig…
      Grüße nach Shanghai aus Norddeutschland
      Sandmann

  3. Micha says:

    Gerade, weil er gelb ist, ist er schön. Man stelle sich dieses Auto in Rentnersilber vor…nein, stelle man sich lieber nicht.
    Und 120.000 finde ich angesichts des Neupreises und der Exklusivität eher wenig.

    Was den S-Klasse-Vergleich angeht…war da nicht was mit einem W126, von dem Du erzählen wolltest, Sandmann?

    • Sandmann says:

      Ay Micha,

      zunächst fühle ich mich geehrt, dass du einen Artikel mit am Ende offensichtlicher Werbung für einen Youngtimerversicherer trotzdem liest und kommentierst 😉
      Ja, im Verhältnis zum Neupreis sind 120.000 Euro wenig, aber im Verhältnis zum Universum ist die Erde auch recht klein. Und lauf mal einmal drumrum, da bist du ganz schön lange unterwegs 😀

      126… 126… lass mich nachdenken… hm… also ich muss erstmal Schwiegervaters Passat verarbeiten, vor allem psychisch, dann unseren S 210 über den Tüv bringen und euch davon erzählen (ich habe quasi ein neues Heck gebaut) und dann —— widme ich mich dem 126er. Also so in rund drei Wochen.

      Vorher kann ich noch eine uneingeschränkte Empfehlung für ein Schutzgas-Schweißgerät aus deutscher Manufaktur geben, irgend jemand fragte mich doch neulich mal danach? Muss ich mal suchen…

      Sandmann

      • bronx.1965 says:

        „Vorher kann ich noch eine uneingeschränkte Empfehlung für ein Schutzgas-Schweißgerät aus deutscher Manufaktur geben, irgend jemand fragte mich doch neulich mal danach? Muss ich mal suchen…“

        Jaja. . . 😀

        • Sandmann says:

          Bester Bronx.
          Wenn ich Werbung mache, dann mach ich das mit Ansage. Wenn ich von einer Frage nach einem Schweißgerät spreche und sage, dass ich das nochmal suchen muss, dann nicht, weil ich unterschwellig Werbung für ein Schweißgerät machen will. Sondern weil ich mir eins gekauft hab und gefragt wurde wie das denn sei.
          Schau:
          https://www.facebook.com/SandmannsWelt/photos/a.580698291948918/1908949215790479/?type=3&theater
          Der letzte Kommentar vom 30. August. So, das habe ich jetzt beantwortet, aber danke, dass du mich als versteckte Werbehure hingestellt hast 🙂 Immer gern.
          Prost in den Osten
          Sandmann

          • bronx.1965 says:

            (…)“So, das habe ich jetzt beantwortet, aber danke, dass du mich als versteckte Werbehure hingestellt hast 🙂 Immer gern.“

            ^^
            Ganz falsch. :p Ich hatte eigentlich eher so ein prä-historisches Teil aus längst vergangenen Zeiten im Kopf. In denen es noch Fernseher von LOEWE und GRUNDIG gab, nicht mehr nur die Namen, längst nach Asien transferiert. Einen uralten Kasten, mit dem du deinen Granada mal über den TÜV gebraten hast.
            Ich könnte da auch noch so eine „Empfehlung“ abgeben, für einen Kompressor, aus dem Hause ‚Adolf Ehman‘, ca 1938. Da war der Name wohl Programm. 😮 Das tausendjährige Reich ist ja bekanntlich nach 12 Jahren, zum Glück, Geschichte geworden. Aber das Ding läuft und läuft mit seinen 2,5 PS und einem 300 l Kessel. Was besseres zum Lackieren ist mir nicht bekannt. 😉

            Werbehure, tzz. . . 😀

            Salut nach Nord-West!

  4. Der Bericht samt Bilder der fruchtig-gelben Tupolev ist ja schon ein echter Knaller. Aber wenn dann als das Normalste der Welt in den Kommentaren tatsächlich auch noch mit direktem Bezug das Wort Understatement fällt, ist wirklich nix mehr zu toppen. Das ist in Sachen bester Unterhaltung mal wieder einer der richtig guten Tage…. ;-))

    Ich muß zum Nachmittags-Tee, bis später, Dirk

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