Das Erdflugzeug

Wahrhaft erhaben.

Auf einer Party in Dresden steht Thorsten Wappler vor den Fragmenten eines 1936er Hudson und ist sowohl verwirrt als auch begeistert von der schieren Höhe des Wagens und der flachen Frontscheibe. Ein amerikanisches Vorkriegs-Cabrio, gefahren in Montevideo, versteigert auf dem Hamburger Pferdemarkt. So unvernünftig wie Vollgas bei Auquaplaning. Oder wie Aeroplaning ohne Flügel. Mutige Sachsen betreiben daher die Sportart TERRAPLANING. Hot diggity dog!
Wen der Autovirus einmal gepackt hat, der wird ihn nicht mehr los. Warum sollte es Thorsten Wappler aus Dresden anders gehen, er stellt beruflich Sonderanlagen für die Automobilindustrie her. Da ist nahezu jeder Ansprechpartner – ob Kunde oder Lieferant – schon „infiziert“. Wapplers automobile Wurzeln gehen nicht weiter als in die 60er Jahre zurück. Aber dieses schon teilrestaurierte Dickschiff, vor dem er 2009 im Rahmen der Eröffnung der “Zeitströmung” steht, lässt ihn nicht mehr los.

Diese Formen. Dieses Design!

Das Auto ist wirklich alt. Eine leider sehr lückenhafte Historie erzählt von einem Einsatz bis in die 80er in Montevideo an der Mündung des Rio de la Plata. 1989 wurde der rote Wagen auf dem Hamburger Pferdemarkt für einen damals schon stattlichen Betrag versteigert. Und jetzt ist er hier. Was mag er in der Oldtimerversicherung kosten? Checkt es mal beim Spezialversicherer Hiscox und klickt auf diesen Link! Wappler will dieses Fahrzeug. Und sagt es erstmal nicht seiner Frau…

Hudson… wer?

Die inzwischen fast vergessene Marke Hudson begann 1909 in Detroit mit der Produktion von Automobilen und erarbeitete sich schon bald den Ruf, innovative Fahrzeuge preiswert anzubieten. Das erste Auto mit einem elektrischen Anlasser war ein Hudson. Auch Warnlampen für Öldruck und Lichtmaschine sowie ausgewuchtete Kurbelwellen werden erstmals in diesen Fahrzeugen präsentiert. Hudson baute eines der ersten Autos mit zwei Bremssystemen, einem hydraulischen und einem mechanischen. Das konnte eingesetzt werden, wenn die Hydraulik einmal undicht oder fehlerhaft war.

Hier dürfen wir eigentlich gar nicht sein…

Bis gegen Ende der 30er Jahre stand die Marke mit über 300.000 jährlich verkauften Fahrzeugen hinter Ford und Chevrolet auf Platz drei der amerikanischen Herstellerlisten. Seit 1919 nannte man die preiswerteren Modelle “Essex”, ab 1932 wurde daraus der “Terraplane”. Die Detroiter wollten mit ihm ein leichtes Auto in der unteren Preisklasse anbieten, das sowohl mit Stil, Komfort als auch mit Zuverlässigkeit in den Werbungen angepriesen werden konnte. Das Konzept ging auf, der Name ebenso. Amerika war begeistert vom neuen Traum des Fliegens, und kein geringerer als Mr. Orville Wright – ja genau, der mit dem ersten tatsächlich fliegenden Flugzeug im Jahr 1903 – war 1932 einer der ersten Käufer eines Terraplane.

Alles da was man so braucht

Hot diggity dog!

Groß angelegte Werbekampagnen sprühten vor Begeisterung und Kreativität: “On the sea that’s aquaplaning, in the air that’s aeroplaning, but on the land, in the traffic, on the hills, hot diggity dog, that’s TERRAPLANING!” Dabei ist das mit dem Hund sowas wie ein amerikanischer Ausruf für Aufregung und begeisterte Antizipation. Und genau so euphorisch brandeten auch die Reaktionen der Menschen auf das Auto an die Küsten der Händler. Sowohl als Cabrio oder Limousine, als Reihensechser oder später als Reihenachter und sogar als LKW gingen die kraftvollen, preiswerten Autos gut weg. 1938 war Schluss mit dem Terraplane. 1954 war dann auch Schluss mit Hudson, man fusionierte mit dem Hersteller Nash zur “American Motors Corporation” (AMC) und baute fortan mehr oder weniger erfolgreich seltsame, aber mutige Vehikel.

Instrumente wie Skulpturen

Es gibt noch Teile

Ein so altes und darüber hinaus auch noch seltenes Auto ist schwerlich im Alleingang wieder auf die Straße zu bringen. 2010 ging die irgendwann in grauer Vorzeit begonnene Restauration weiter, parallel wurden alle noch fehlenden Teile ermittelt und direkt in den USA beschafft. Das gestaltete sich problemloser als erwartet und ist eines dieser amerikanischen Phänomene. Ersatzteile… man bekommt sie. Irgendwann irgendwo immer, und oft erstaunlich preiswert. Einige der verschickten Relikte sahen zwar aus wie Fundstücke einer archäologischen Ausgrabung, aber der Mensch wächst an seinen Aufgaben. Im Herbst gestand Wappler seiner Frau endlich den Erwerb und zeigte ihr auch gleich den Wagen. Erste Reaktionen sind nicht überliefert.

SCHNURR und schon vorbei!

Rückkehr auf die Straße

Im März 2011 sitzt Wappler erstmalig aufgeregt in dem Cabrio und bewegt es respektvoll – im unsynchronisierten Getriebe rührend mit Zwischengas – über die Straße. Monat für Monat werden die Runden um den Kirchturm ausgedehnter und das Vertrauen in das 75 Jahre alte Automobil größer, und im August erfolgt nach ein paar letzten technischen Schwierigkeiten die Zulassung zum Straßenverkehr. Aber der Respekt ist noch immer groß, er besucht ausschließlich Veranstaltungen in der Umgebung wie den Concours d’Elegance 2012 auf Schloss Wackerbarth Radebeul oder ein paar schnell zu erreichende Ausstellungen.

Manuals sind heute dicker…

2013 meldet er sich und den Hudson zur Sachsen Klassik an. Vorher werden noch in aller Eile ein neuer Kühler und ein neuer Wasserkasten angefertigt, um thermische Probleme an Steigungen weitestgehend auszuschließen. Frühe Baujahre garantieren bei einer Rallye frühe Startnummern und -Zeiten, aber weiß, was ihn erwartet. Er kennt die Veranstaltung bereits aus dem Cockpit eines 69er Opel Olympia und eines Mercedes W 111 Coupés. Mit einem so alten Auto ist die Herausforderung eine völlig andere, die allerdings locker gemeistert wird. An insgesamt vier Tagen spult der Terraplane über 1000 Kilometer pannenfrei herunter – und Petrus sei Dank immer mit offenem Verdeck. Der satte Hubraum des fast antiken Sechszylinders lässt niemals Leistung vermissen, nicht einmal in den Bergen rund um Augustenburg.

Ein Schmuckstück

Foto vor der Frauenkirche

Nochmal um die Kirche geht es heute Abend auch. Der verkehrsberuhigte Bereich rund um die Dresdener Frauenkirche schimmert schon im dämmerigen Licht der Gaslaternen, als Wappler mit seinem Hudson um die Ecke gefahren kommt. Der kernige, kraftvolle aber unaufdringliche Klang des Oldtimers lässt die Touristen aufhorchen, sofort ist er umringt von einer fotografierenden Menschentraube. Geduldig und routiniert klappt er die seitlichen Motorhauben auf und gibt den Blick auf den kantigen, sehr übersichtlichen Sechszylinder frei.

“Wollen wir mal das Dach aufmachen”…

“Wollen wir das Dach mal aufmachen…?” fragt er und beantwortet mit sofortigem Aktionismus seine Frage gleich selbst. Die Verwandlung vom Coupé zum Cabrio ist noch nicht ganz so komfortabel wie bei den Autos, die 80 Jahre später unterwegs sind, aber es ist machbar. Hier noch ein paar Stangen einklappen, dort noch ein paar Stoffe falten, und nach wenigen Minuten ist das Dach verstaut und lässt den alten Erdflieger noch schöner aussehen, als er es ohnehin schon tut.

Alles hier ist Geschichte

Fahren ist Arbeit

Inzwischen hat sich auch Wapplers Frau mit dem Wagen angefreundet, aber das Fahren überlässt sie immer noch ihm. Das ist auch nicht ganz so einfach und mit einem Stück körperlichem Einsatz verbunden… Aber er kann es inzwischen wie im Schlaf, und das ist zu spüren, als wir dieses Stück amerikanischer Automobilkultur im Tiefflug quer durch das abendliche Dresden zurück zur Halle bewegen. Für damalige Verhältnisse ist die Kombination aus 88 PS und fast 4 Litern Hubraum tatsächlich eher einem Flugzeug zuzuordnen. Er trägt seinen Namen zurecht, hot diggity dog!

Adios!

Und er läuft und läuft, auch wenn er kein Käfer ist. Irgendwas ist ja immer bei so einem alten Auto, kein Konstrukteur hatte jemals das Ziel, einen Gebrauchsgegenstand aus Metall und Gummi für ein dreiviertel Jahrhundert zu dimensionieren. Und wenn doch? Dann könnt ihr so ein Auto beim Spezialversicherer Hiscox umfassend schützen lassen. Habt ihr schon auf den Link geklickt? Momentan ist ein neues Differential über den großen Teich unterwegs nach Dresden und wird, mit den neu zu belegenden Bremsen, das nächste Projekt an dem Hudson sein. Wapplers spontaner Kauf hat sich in den Jahren vom seltenen Erdflugzeug zum stattlichen Phoenix aus der Asche gemausert, perfekt restauriert und liebevoll wieder komplettiert. Es hat sich gelohnt. Wappler sieht am Steuer jedes mal mindestens genau so zufrieden aus wie die Damen und Herren in den damaligen Werbeprospekten.

Sandmann

Hudson Motorcar & Co.
Terraplane DeLuxe Six Convertible
Baujahr: 1936
Motor: 6-Zylinder Reihe
Hubraum: 3800 ccm (231 cui)
Leistung: 65kW (88 PS) bei  3800/min
Getriebe: Dreigang Schaltung unsynchronisiert
Antrieb: Hinterräder
Länge/Breite/Höhe: 5100/1780/1630 mm
Leergewicht: 1700 kg
Beschleunigung: k.A.
Top Speed: ca 120 km/h
Wert: ca. 70.000 Euro

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

4 Antworten zu Das Erdflugzeug

  1. Bronx. 1965 sagt:

    Geile Karre. Der ist in Sachsen bekannt. Genau wie der absolut perfekt arbeitende Werner Zinke aus Zwönitz, in dessen Unternehmen der Terraplane seinerzeit neu erstand.

    Zinke fertigte schon Nachbauten für Audi und VW-Klassik. Die erste Adresse wenn Geld (kaum) eine Rolle spielt. 😉

    http://www.mobilforum-classic.de/fahrzeuge/Hudson-Terraplane-57.html

    Gegrüßt! 🙂

    Deine Fotos vor der Kulisse sind übrigens der Hammer!

    • Sandmann sagt:

      Ay Bronx,
      jaaaaaaa ich war seinerzeit auch ziemlich begeistert von den sauberen Hallen und den guten Jobs der Protagonisten. Die Begegnungen im hochpreisigen Klassikerbereich sind manchmal speziell, es ist immer schön wenn Menschen augenscheinlich einen Haufen Geld haben und trotzdem echt nette Kerle sind 😉 Das lässt sich ja nicht über jeden sagen, hier war das so.
      Grüße in den Osten, noch bei Morgensonne und Kaffee.
      Sandmann

  2. Hi Jens,

    wie sagt man so schön, klasse Content & echt coole Fotos! Ich musste erstmal nachschauen im Online-Blätterwald, ob mich meine Hirnrinde täuscht, da war doch was mit Hudson! Nicht falsch gelegen, Heidi Hetzer und ihr Oldtimer “Hudson Greater Eight” haben ja deutlich gemacht, was man mit alten klassikern dieser Marke hinbekommt.
    Schon abgefahren, wie luxuriös Schlichtheit sein kann! Ein Traum, der Wagen hier im Beitrag. Mich spricht auch die Farbgebung an, die scheinbar auch nicht nur Hudson begeistert haben mag, denn nahezu identisch gibts m.M.n. auch den einige Jahre später so gestalteten VW Käfer… 😉

    Beste Grüße aus Siegen, Dirk

    • Sandmann sagt:

      Ay Dirk,
      ich mag Zweifarb-Lackierungen auch sehr gern. Ich hatte da die Charleston Ente im Kopf 😉
      Und vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich einen grünen Taunus mit schwarzem Vinyldach fahre? Man weiß es nicht.
      Allerdings bleibe ich bei Vorkriegsautos nur beim Träumen. Haben wollen würde ich sowas nicht, das ist mir zu viel Holz und zu wenig eigene Emotion. Ich glaube, die meisten von uns verschenken ihr irrationales Herz eher an ein Auto, in dem sie als Kind gefahren sind. Oder an das erste eigene Auto oder ähnliche Zeitmaschinen 😉
      Grüße aus dem Norden, wo noch mein Granada steht…
      Sandmann

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