Ascher Mittwoch

Mahlzeit

„Du der Moder is fertich“. Seit 336 Stunden lagert meine Zündapp am Kieler Südfriedhof bei Timurs Schaffensstätte. Der sagenumwobene Carsten© hatte sich nahezu uneigennützig ihres maladen Triebwerks angenommen. Jetzt kommt eine Whatsapp, dass wir sie wieder zusammen bauen können. Hm. Ich wäre am Mittwoch in Kiel, Timur? Adrian? Habt ihr am Abend nochmal selbstlos Zeit? Carsten, kannst du den Karton mit den Teilen auf dem Heimweg bei uns abkippen? Und – funktioniert dann alles und kann ich mit dem Moped die Tour an die dänische Nordseeküste wagen?? Timur: Ja. Adrian: Ja. Carsten: Ja. Und das „danach“… na fangen wir doch erstmal mit dem Zusammenbau an. Inklusive einer mumifizierten Ratte.

Das ist also Carsten ↓ Und Timurs Chef Bosse (Mitte) ist auch noch mit an Bord.

Carsten! Da ist Carsten!!

Der XM ist noch warm und tickt auf dem Parkplatz leise vor sich hin (ich war zu faul und zu pessimistisch, um One Way mit dem Bus zu kommen). Der offizielle Geschäftsbetrieb in der Motorenwerkstatt ist beendet, draußen sitzen diesmal keine trinkenden Gesellen im Kreis und ich habe aus meinem belächelten Flens-Mitgebringe gelernt. Japanisch lächelnd wuchte ich devot eine 30er Kiste Holsten Edel, die lokale Währung, neben die Kühltruhe. Carsten schnappt sich im Vorbeigehen ein handwarmes Edel und bringt Timur und mir wissend eins mit. FLOPP – PLOPP – PLIPP. Prost. *klirr* Erstmal eine Kippe oder eine Rille. Und danke, Mann!

Nach 60 Jahren etwas platt

„Da war’n bisschen mehr im Dutt als gedacht. Die Kurbelwelle hat sich im Lager gedreht, die hab ich gegen eine gute Gebrauchte getauscht und neu gelagert. Kolben hab ich auch gleich mit gemacht und neue Nadellager reingesetzt. Zylinder ist top, aber jetzt hast du einen Langhuber. Und Alder guck mal hier die Kupplungslamellen…“ Äh… welche? „Ja genau. Die sind nicht mehr da, ich weiß gar nicht wie du überhaupt losfahren konntest. Hab die neu gemacht. Und die neue Zündpladde eingesetzt, Funken ist da“. Puh. Wir tragen das Blaue Wunder auf die kleine Hebebühne, Carsten bleibt noch und packt mit an. Guter Mann. Timur nickt rauchend.

Ach komm – ich pack mit an

Heute nicht so viel Bier für mich. Mir eröffnet sich gerade eine realistische Chance, mit dem Moped nachher nach Hause zu fahren. Und wenn nicht mit der Zündapp, dann mit dem Citroën. Nochmal will ich nicht mitten in der Nacht / mitten in der Woche quer durch Kiel mit dem Bus schleichen. Carsten hängt den kleinen Motor unter den Tank, während Timur die drei Kabelchen der Lichtmaschinenplatte abisoliert und mit Steckern versieht. Einer funkt zur Zündkerze, einer liefert Licht und einer geht zum „Totmacher“, der den laufenden Motor wieder absterben lassen kann. So eine Art Zündschloss. „Jungs. Wir haben Besuch, der sieht aber nich gut aus!“ Das war Adrian. Und er hat jemanden mitgebracht.

Unliebsame Mitbewohner

Warum findet man zwischen alten Autos oder alten Motorrädern oft mumifizierte Kleintiere?? Ich erinnere mich an eine gruselig guckende Katze hinter Örgs Taunus in seiner Werkstatt, die schon lange da… war. Adrian wiederum begrüßt uns mit einer Ex-Ratte, was nach jenem Abend damit geschah ist nicht überliefert. Der Rattenfänger hat heute sein 10jähriges Liebesjubiläum und verspricht ihr durchs Fenster, dass er diesmal nicht so lange bleibt. Er öffnet sich ein Edel, greift nach Werkzeug und schraubt mit 🙂

Sie will noch nicht

Der antike Zweitakter ist eingebaut, das Polrad sitzt auf der Zündung. Der Vergaser ist offen und hat Benzin. Kerzenstecker steckt, alle Kabel sind verbunden und es blitzt nachweislich ein Zündfunken. Das Kühlgebläse kommt später drauf, das ist für ein paar erste Versuche noch nicht zwingend nötig. „KICK“ floppfloppflopp. *KICK* fhtfhtfht. *KICK* *KICK* floppfloppflopp. Nix. Kein Anspringen. Wie war das? Eine Zündapp läuft immer irgendwie, wenn ein Funken und Benzin da sind?

FRRRH. PFRRRH. RFRRRH. Nö.

Carsten versichert uns, dass die laufen wird und tendiert etwas unbefriedigt in Richtung nach Hause. Er lässt sein Handy für Rückfragen an, sagt er. Timur und Alex gefällt die Kompression nicht. Das kann an den neuen Kolbenringen liegen, und dass noch nicht genug Benzin-Öl-Gemisch im Zylinder rumschmiert. Aber die Jungs nehmen doch lieber nochmal den Zylinder runter. Adrian plant den Kopf fachmännisch mit Schleifpapier auf einem Spiegel 😉 Mehr ist nicht nötig. Er guckt verliebt durchs Fenster zu seiner wartenden Jubilarin und winkt. Sie deutet an, dass es kalt wird. Ich bringe ihr meine blaue Lederjacke raus. Adrian ploppt sich noch ein Edel.

Zylinder planen light

Timur derweil korrigiert rauchend den Unterbrecherkontakt, misst den Abstand der Plättchen und stellt ihn auf den oberen Totpunkt vom Kolben ein. Für die Nicht-Schrauber unter euch: Er macht, dass erst dann ein Zündfunken das Benzingemisch zündet, wenn der Kolben fast oben ist und von der Explosion getrieben nach unten arbeiten kann. Der Zündzeitpunkt war allerdings gar nicht so weit daneben. Hm.

Planbare Arbeiten

Im Aschenbecher ist kaum noch Platz. Während T & A alles wieder zusammenbauen und den Vergaser in den Bowdenzug vom Gasgriff einhängen (das ist vielleicht eine SCHEI**arbeit), setz ich das vordere und das hintere Ritzel für die Kette drauf. Was für ein wuchtiges Hinterrad, 1963 wurde echt noch gar nichts auf leicht oder effektiv getrimmt. Hier ist alles massiver Stahl und sattes Gummi. Bremsbacken und Bremstrommel abschleifen und sauber machen. Dabei nicht atmen, das könnte noch Asbest sein. Bremswelle fetten. Alles einsetzen, einstellen und das Ritzel draufschrauben. Hinterrad wieder rein.

Timur kickt den Motor an -> und die Zündapp läuft bockig los! YAYYY! RÖMM PÖ PÖMM PÖMM Zündzeitpunkt? *blitz* *blitz* *blitz* stimmt. Die selbst ins Metall reintätowierten Marken stehen da, wo sie stehen sollen. Die Halle füllt sich nach Kubikmetern von Zigarettenrauch jetzt mit bläulichem Abgas. Giftig, aber schön. Irgendwie ostig. Und irgendwie… wie damals™

SIE LÄUFT!!!

Was für ein gesunder Klang. Ich habe Hoffnung. Hoffnung, dass mich dieses Relikt aus einer anderen Zeit tatsächlich von Flensburg nach Henne Strand an der dänischen Nordseeküste bringen könnte. So wie vor 9 Jahren die Piaggio. Nicht, dass ich die Hoffnung je ganz aufgegeben hätte, aber noch bin ich ja nicht mal zu Hause. Wir stoßen mit einem Edel an. So viel Zeit muss sein *burps* und es ist heute Abend erst mein zweites. Carsten bekommt ein kurzes Video vom sich drehenden Polrad geschickt, dann machen wir den qualmenden Bock erstmal wieder aus. „ADRIAN? Ich mach die Pizza rein, kommst du jetzt langsam mal…?“ „Jaaha gleich Schatz!“ *klönk* FLOPP

Das wird ganz Edel gefeiert

An die Kette gelegt

Die neue Kette muss auf die richtige Länge gebracht werden und darf nicht zu stramm sitzen, weil sie beim Einfedern des Hinterrads noch straffer wird (die Schenkel vom Dreieck… und so…) Doof nur, wenn die Kettenglieder sich gerade so verteilen, dass sie entweder viel zu kurz ist und spannt – oder viel zu lang ist und durchhängt. Es ist schon wieder spät, Timur fackelt nicht lange. Wir hebeln das schwere Hinterrad noch einmal raus und er fräst das Langloch der Achsaufnahme im Rahmen einfach nach vorn länger. Nu passt’s. Kette drauf, Schloss eingerastet, mit den Spannern angezogen und – fertich. Kurz notiert: Der Tank war schon so 😀

Kettenkunde

Super Combinettchens drei Gänge schalten sich etwas träge. Und sie schmatzen nicht exakt rein. Das kann ich auf dem Heimweg einstellen. Oder morgen. Die Kupplung geht schwerer und trennt noch nicht so richtig, der Bowdenzug muss nachgesetzt werden. Adrian kapituliert endlich unter den mahnenden Blicken seiner Jubiläum-feiern-wollenden Freundin und lässt sich leicht schwankend aus dem Raum ziehen. Etwas widerwillig streift sie meine Jacke ab und gibt sie mir dankend zurück. Was wohl aus der mumifizierten Ratte geworden ist? Ich frag beizeiten mal.

Alles sitzt, alles passt (einigermaßen). Das bedeutet, ich kann mir meine noch warme blaue Jacke wieder überwerfen, meinen Helm aufstülpen und mal die Straße rauf und runter möppen, bevor ich den echten Heimweg durch die Dunkelheit antrete. Kann ich? Ich muss wohl. Hier wurde heute Abend wirklich viel geraucht 😀 Ich bin unruhig. Irgendwie bin ich angesichts der bevorstehenden LANGEN Tour noch immer ein wenig unsicher über den Gesamtzustand des Krads.

War’s das gar?

PÖMM PÖ PÖMM PÖMM Gang einlegen: aus. Okay, die Kupplung muss nachgestellt werden, das dauert 30 Sekunden. Wieder ankicken. RÖMM_MÖMM_MÖMM Gang einlegen: aus. Nochmal nachstellen, die Backen sind wirklich sehr neu 🙂 Ankicken. WRÖMM MÖMM MÖMM MÖMM Gang einlegen: läuft. Kupplung kommen lassen und ab dafür. BROOOOOHHHHH Whoah. Sie geht gut los. Das sind jetzt immerhin theoretische 2,9 PS. Der zweite Gang klackt noch satt rein, der dritte will nicht drin bleiben und klackt immer wieder raus. Aber das kann man auch noch durch Feineinstellung hinbekommen. BRÖÖÖÖHHHHHH MOOORF

Läuft. Läuft nicht gut aber läuft.

In dem ruhigen Studenten-Altbauviertel gehen vereinzelt Lichter an. Vögel flattern auf, Eichhörnchen lassen ihre Nüsse fallen. Es ist wie ein Fest der benzingeschmierten Resonanzfrequenzen. Ich rolle zurück auf den Hof, und Timur hängt mir noch eine kleine Zugfeder zwischen den Ganghebel auf dem Getriebe und die Aufhängung vom Bowdenzug. Das sieht provisorisch aus – funktioniert aber. „Was glaubst du, wo ich bei meinen Fahrzeugen schon überall Federn reingehängt habe…“. Ah. Na gut. Ein bisschen am Gewinde gedreht – jetzt bleibt auch der dritte Gang drin. „Lass‘ mal gut sein, ich räum das hier morgen früh auf. Lass‘ mal ins Bett…“ Finde ich auch. Morgen ganz früh komme ich wieder und hol das Auto…

Ab nach Hause

MÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHHHHH Easy Rider durch Kiel Hassee nach Russee. Die Super Combinette fühlt sich „gesünder“ an als vorher, rasselt aber bei bestimmten Drehzahlen unter dem Polrad. Das wird die Platte der China-Zündung sein. Die drei Gänge schalten sich echt schlecht, das muss ich nochmal einstellen. Aber der dritte bleibt drin und bringt mich durch die Nacht 🙂 Ein bisschen MOOOORF macht der Vergaser noch immer. Vielleicht tausche ich ihn gegen mein neues Chinamodell? Das ist quasi Plug & Play und dauert keine 10 Minuten. Und auf Höhe Famila Supermarkt geht die Zündapp plötzlich – aus. Huch? MOOO MOOOOOO rollerroller. Ich kuppel aus und lass kommen – und sie fährt einfach weiter. Hm. Ein Schluckauf?

Epilog

Draußen ist es herbstlich. Die ersten Blätter werden bunt und die Nächte kalt. Ich habe den Vergaser getauscht und das Standgas justiert, das läuft nun. Auch das Getriebe schaltet sauber und die Gänge bleiben drin. Ich fühle mich wesentlich besser vorbereitet als bei den beiden vorangegangenen Touren, aber meine Zweifel schwingen mit. Egal. Übermorgen, am Donnerstag, fahren Herr S. und ich mit den Mopeds an die dänische Nordseeküste nach Henne Strand. JA! Vier Tage Zelten, vier Tage einfach nur da sein. Morgen packe ich. Was sollte ich unbedingt dabei haben? Irgendwelche Vorschläge?
Wir lesen uns!

Sandmann

Tagged , , , , , , , , , , , , , , , .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

10 Antworten zu Ascher Mittwoch

  1. Tolle Story, erinnert an die Mopedzeit. Du solltest warme Unterwäsche, ABC Salbe und Schmerzmittel einpacken. Das ist alles nicht mehr so leicht ….

    • Sandmann sagt:

      Ay Jürgen,

      warme Klamotten habe ich vermutlich zu viele eingepackt, das ist ein ganz schöner Berg. Aber ich HASSE frieren… Schmerzmittel und ABC Salbe? 😀 Okay ich bin zwar über die 50 drüber, aber das ist mir ein‘ zu viel. Und Nr. Nebel hat ja eine Apotheke 😉

      Sandmann

  2. pico24 sagt:

    Genial! Wünsche dir eine gute Fahrt! Nach dem Lesen habe ich generell keine Zweifel dass ihr ankommt.
    Auf ein Lakridseis in Dk hätte ich jetzt auch Lust.

    • Sandmann sagt:

      Ay Pico,

      wir starten ja vor allem ab Flensburg, das ist ja dann gar nicht soooooo weit 😉 Und wir nehmen keinen Kocher mit, das bedeutet wir ernähren uns von dem, was die dänische Wildnis so bietet. Also Lakridseis, HotDog, Pizza, dänische Tapas………….

      Sandmann

      • pico24 sagt:

        Sehr gut! Wahrscheinlich kommt man ca. 100km mit einer tankfüllung?

        • Sandmann sagt:

          Ay pico24,
          die Ciao von Herrn S. hat einen kleinen Tank, die kommt knapp 100km weit. Da mussten wir öfter nachtanken 😉 Die Zündapp hat einen dicken Tank, mehr als sechs Liter denke ich. Da kann man mit durchfahren, komplett.
          Das wieder anspringen war ein kleines Problem. Bei beiden. Davon erzähle ich die Tage mal.
          Grüße aus einem ICE nach Stuttgart
          Sandmann

  3. kupy sagt:

    Gute Reise und eine schöne Zeit! Nach soviel Spannendem vorher muß es einfach gut werden. Ich schließe mich den Vorschreibern an: Etwas Warmes braucht der Mensch! Ab morgen ist Herbst und heute früh mußte ich schon den Eispanzer von der Frontscheibe holen. Und das beim Sommerauto…

    • Sandmann sagt:

      Ay kupy,

      ja ich habe viele warme Sachen eingepackt. Sogar einen Schlaf-Hoodie, allerdings geht mein Schlafsack angeblich bis -10 Grad und ist auch schon schön vorgekuschelt. Außerdem habe ich eine dicke Luftmatratze mit (die schlappe Matte des Herrn S. aus der letzten Reise war traumatisch), eine elektrische Pumpe, noch die Decke aus meinem Auto und so allerhand Jacken und Zeug. Dicke Socken und Winterschuhe. Und die Temperaturen sollen zweistellig bleiben, auch nachts 🙂

      Und wenn alle Stricke reißen – ich habe uns auf dem Campingplatz das „Senioren Paket“ mitgebucht. Das beinhaltet morgendliches Schwimmen und Sauna. Uuuuund (jetzt kommt’s…!) wir haben ein Date mit Gusmester Elmer am Donnerstag um 19:15 Uhr in Nr. Nebel. Man erinnert sich: Sauna Eskalation. Das wird toll und warm 🙂

      Sandmann

  4. Mohoin Sandmann!
    Ich würde in dem technischen Stadium der Mopete auf jeden Fall Werkzeug mitnehmen?! 😀
    Ersatzzündkerze, vielleicht auch noch ein Bowdenzug für die Kupplung, einen Schlauch?!
    Meine drei Klassiker für längere Moppedtouren – die werden immer bei irgendwem in der Truppe gebraucht. 😉
    Lange Unterhosen und Großmutters dicke Socken? Es WIRD regnen.

    Gruss ausm südlichsten Norden,
    Gerki

    • Sandmann sagt:

      Ay Gerki,
      Zündkerze, kompletter Vergaser, Zündung, drei Bowdenzüge und das nötige Werkzeug (is nich viel) ist alles an Bord.
      War alles nicht nötig, wir hatten irgendwie ganz andere Startprobleme. Aber das ist eine andere Geschichte 😉
      Und na klar waren dicke Socken am Mann und ein guter Schlafsack XXL auf dem Sozius. Ich hasse frieren.
      Sandmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ein bisschen Mathematik: *